Selbstliebe Ich & ich = ?

Er verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild: Caravaggios Gemälde des Narziss Foto: imago/Martin Müller

Narzissten sind stets unter uns – und nicht selten finden sie sich an der Spitze mächtiger Ämter wieder. In der antiken Mythologie starb der Narzisst an der Unfähigkeit, etwas anderes als Selbstliebe zuzulassen. Heute lassen sich virtuelle Selbstbilder sehr leicht konstruieren.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Ihre liebste Wirkungsstätte ist die ganz große Bühne. Dort fühlen sie sich zu Hause. Dort bekommen sie das, was sie am meisten brauchen: Bewunderung. Der Unternehmer Steve Jobs, der Fußballer Cristiano Ronaldo oder der Sonnenkönig Ludwig IX. gelten als Narzissten. Und seit an der Spitze des mächtigsten Präsidentenamtes der Welt Donald Trump saß, hat der narzisstische Charakter Hochkonjunktur.

 

Wird unserer Gesellschaft immer narzisstischer? Mit Vorbildern wie Trump, Recep Tayyip Erdogan oder Boris Johnson an der Spitze von Staaten wäre das kein Wunder. Die Psychologin Bärbel Wardetzki glaubt: „Je narzisstischer die Führung in Politik und Wirtschaft, umso hoffähiger wird narzisstisches Gebaren.“ Trump, Erdogan und Johnson sind in der gängigen öffentlichen Betrachtung der Inbegriff des Narzissten – selbstverliebt, empathielos, egoistisch und gnadenlos auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Macht uns der Kapitalismus und das Internet zu narzisstischeren Menschen?

Viele glauben, wir seien zu einer narzisstischen Gesellschaft mutiert. Die Auslöser dafür gelten weitgehend als identifiziert: Natürlich sei es der Kapitalismus und die dadurch beförderte Leistungsgesellschaft, die uns zu unermesslichem Ehrgeiz antreibt und zu mehr Egoismus führt. Und selbstverständlich ist das Internet schuld.

In sozialen Netzwerken kann jeder seine eigene Marke sein und vor allem – sich darstellen. Jeder, der sich heutzutage online mitteilt, gilt als ausgemachter Narzisst. Die Suche nach Likes und Herzchen zwingt viele dazu, sich unentwegt zu inszenieren. Mancher postet gar Bilder von sich, wie er Toilettenpapier kauft.

Aber ist das schon narzisstisch? Viele verwenden den Begriff längst inflationär. So ist der Ex-Partner, der einen enttäuscht hat, ein Narzisst, ebenso wie der Chef, der seine Launen an einem auslässt, oder eigentlich alle, die Dinge tun, die uns verletzen oder kränken. „Narzisst“ ist eine salonfähige Beleidigung und die Beschimpfung längst zu einer Allzweckdiagnose geworden für jeden, der einem aus irgendeinem Grund auf die Nerven geht. Auch der Psychologe Craig Malkin kommt in seinem Buch „Der Narzissten-Test“ zu dem Schluss: „Man muss nur eine Zeitung oder Zeitschrift aufschlagen oder eine Talkshow im Fernsehen verfolgen, Pendler bei Handygesprächen belauschen oder mit einem Nachbarn plauschen – überall taucht dieses Wort auf.“

Viele sehen längst an jeder Ecke Narzissten

Viele sehen an jeder Ecke Narzissten. „Leben wir gar im Zeitalter des Narzissmus?“, haben sich Forscherinnen von der Universität Bamberg gefragt. „Die Überhöhung von Kindern als Boss oder Superstar und die Ego-Pflege in sozialen Netzwerken zumindest sprächen dafür“, schreiben die Psychologinnen Theresa Fehn und Astrid Schütz. Soziale Netzwerke könnten die Tendenz unterstützen, grandiose Selbstbilder zu konstruieren. So verbringen laut den Autorinnen Personen mit narzisstischen Neigungen mehr Zeit in virtuellen Netzwerken, erstellen häufiger als andere Status-Updates, posten mehr Bilder und haben mehr Follower. Dahinter kann sich aber auch anderes verbergen: Langeweile oder Einsamkeit.

Fehn und Schütz kommen zu dem Schluss, die These einer generellen Zunahme von Narzissmus in westlichen Industrienationen lasse sich empirisch nicht stützen. Narzissmus könne vielmehr als Persönlichkeitsstörung auftreten, aber auch nur ein Persönlichkeitsmerkmal im „Normalbereich“ sein, das je nach Individuum stärker oder schwächer ausgeprägt sei. Die meisten Menschen liegen irgendwo in der Mitte dieser Verteilung. Als Persönlichkeitsmerkmal umschreibt Narzissmus Muster des Erlebens und Verhaltens, die durch Selbstüberschätzung und Anspruchsdenken geprägt sind.

Eine „narzisstische Gesellschaft“ lässt sich empirisch nicht belegen

Nur etwa 0,5 bis 2,5 Prozent der Bevölkerung leiden an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Weitere fünf Prozent weisen so hohe narzisstische Werte auf, dass sie für ihre Mitmenschen eine immense Herausforderung darstellen – pathologisch ist das aber noch nicht.

Männer erhalten die Diagnose narzisstische Persönlichkeitsstörung übrigens mit 7,7 Prozent etwas häufiger als Frauen mit 4,8 Prozent. Woran das liegt? Vermutlich auch an Geschlechterklischees. Bei einem Narzissten denken die meisten an einen Mann. Narzissmus jedoch äußert sich bei Frauen schlicht oft anders. Die Psychologin Wardetzki schreibt, männliche Narzissten seien bestrebt, ihre größtmögliche Autonomie zu erhalten, indem sie Distanz herstellten. Weibliche Narzissten hingegen versuchten, über Anpassung, die bis hin zur Selbstaufgabe reichen könne, eine ständige Anerkennung zu erlangen. Der weibliche Narzisst zeichne sich durch „Anklammerung“ aus, schreibt Wardetzki in „Weiblicher Narzissmus – der Hunger nach Anerkennung“.

Die Narzisstin idealisiert ihren Partner – um sich selbst aufzuwerten

Die Narzisstin kompensiere ihre Schwäche durch Leistung und Attraktivität. In Beziehungen unterwerfe sie sich ihrem Partner. Dieser werde idealisiert, und infolgedessen komme es über die Identifikation mit dem Partner zu einer Aufwertung des eigenen Selbst. Selbstverliebt wirken Narzisstinnen meistens nicht.

Der Begriff Narzissmus ist ursprünglich abgeleitet vom antiken Narziss-Mythos. In der wohl bekanntesten Fassung von Ovid verguckt sich Narziss, der zuvor die Liebe von Frauen und Männern gleichermaßen ausgeschlagen hat, buchstäblich in sein Spiegelbild im Wasser und versucht, es zu erfassen. Er stirbt unter anderem an unerfüllter Liebe zu sich selbst.

Der Psychoanalytiker Frans Schalkwijk von der Universität Amsterdam kommt in seinem Buch „Narzissmus“ zu dem Schluss: Nicht seine Selbstliebe sei das Problem von Narziss gewesen, sondern dass er niemand anderen außer sich selbst geliebt habe – nicht einmal die schöne Nymphe Echo. Glücklicherweise sind die meisten Menschen von dieser gestörten Selbstverliebtheit weit entfernt. Auch aktuelle Studien geben Entwarnung. Die Psychologin Eunike Wetzel von der Universität Konstanz kam in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass junge Studenten aus den 2010er Jahren sogar weniger narzisstisch waren als 20 Jahre zuvor.

Narzissmus ist zum Modebegriff verkommen – viele wissen nicht, was er bedeutet

Woher kommt dann die Idee, unsere Gesellschaft werde immer narzisstischer? „Narzissmus ist der Modegriff unserer Zeit geworden ist“, schreibt die Psychologin und Autorin Ursula Nuber in der Zeitschrift „Psychologie Heute“. Er sei ein „Synonym für Eitelkeit, Selbstbezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Egoismus“ geworden. Das ist nicht unproblematisch. „Durch den inflationären Gebrauch ist Narzissmus zu einem Klischee geworden“, so die Psychologin. Dabei wüssten die meisten Menschen, die ihren Partner, den Kollegen oder eine Freundin so bezeichneten, oft gar nicht, was dies bedeute. Zudem werde in den meisten Veröffentlichungen, selbst in wissenschaftlichen, kein Zweifel daran gelassen: Narzissmus ist destruktiv. Letztlich komme es aber auf den Grad der Ausprägung an.

Denn Narzissmus ist nicht zwingend etwas Negatives: Wir alle sind darum bemüht, unser eigenes Selbstwertgefühl zu schützen. Und das gelingt uns am besten, wenn wir uns selbst nicht immer allzu kritisch sehen. „Nur so lassen sich unsere Selbstzweifel begrenzen und der Glaube an uns aufrechthalten“, schreibt Nuber.

Narzissmus ist nicht nur destruktiv

Narzissmus wurde etwa von dem Psychoanalytiker Heinz Kohut als wichtiges Element der Persönlichkeit angesehen. In gewisser Weise brauchen wir diesen Hang zur Selbstverliebtheit. Narzisstischere Menschen sind übrigens oft sehr begeisterungsfähig und haben den Mut, neue Dinge anzugehen. Sie können sich gut durchsetzen, deshalb finden sie sich häufig in Spitzenämtern – in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport oder in der Kunst. Sie sind charmant, charismatisch und geben ihren Mitmenschen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Nicht selten unterhalten Narzissten mit ihren Geschichten eine ganze Party. Und genau deshalb ziehen sie uns an: Mit ihrem Charme und ihrer Stärke werten sie uns immer mit auf. Wer sich selbst als nicht besonders wertvoll erachtet, braucht häufig jemand Großartiges, der einen strahlen und glänzen lässt.

Bei Menschen mit narzisstischer Störung hingegen dient die eigene extreme Aufwertung und die Abwertung von anderen oft dem Erhalt ihres Selbstwertgefühls. Weil sie glauben: Ich bin nichts wert. Die Selbstüberschätzung ist eine Schutzstrategie. Für extreme Narzissten seien Verluste und Niederlagen eine große Herausforderung, schreibt Nuber. Denn sie weckten in ihnen die verdrängte Angst, spüren zu müssen, was sie nicht spüren möchten: ihre eigene Bedürftigkeit, ihre Verletzlichkeit, ihre Schwäche. Oft vertuschten sie damit gekonnt, dass ihnen im tiefsten Inneren etwas fehlt. Und das Fehlende ist schlicht: Halt und Liebe.

Viele werden Opfer des Begriffs – ohne wirklich narzisstisch zu sein

Nuber ist überzeugt, dass die meisten Menschen, die heutzutage leichtfertig als Narzissten bezeichnet werden, nur „Opfer eines überstrapazierten Begriffes“ sind.

Aber warum tun wir das, anderen eine psychische Krankheit unterzuschieben? Das hat zum einen einen recht banalen Grund: Andere Menschen haben Macken, sie gehen uns oft unglaublich auf die Nerven, sie verletzen uns auch oft – aber das ist in sozialen Interaktionen teils normal. Viele können aber genau diese Differenzen schlecht aushalten.

Zum anderen kann es natürlich entlastend sein, jemand, der uns kränkt oder verletzt, als gestört oder psychisch krank zu titulieren. Warum? Weil es uns besser geht, wenn wir glauben, jemand habe etwas nicht mit Absicht gemacht, sondern weil er schlicht krank ist.

Wäre ich vielleicht selbst einfach gerne so?

Aber: Genau damit entbinden wir uns unserer Eigenverantwortung für gescheiterte Beziehungen, Freundschaften oder zerrüttete Kollegenverhältnisse. Wer zum Beispiel den Ex-Partner, der einen verlassen hat, als Narzisst abstempelt, muss sich weniger damit auseinandersetzen, was er selbst vielleicht zum Scheitern einer Beziehung beigetragen hat. Und manchmal schieben wir anderen eine psychische Krankheit unter, anstatt uns selbst zu fragen: Was sind meine Defizite? Wenn wir jemanden, der sehr von sich überzeugt oder durchsetzungsstark ist, als Narzisst abstempeln, zeigt uns das eben auch: Wir sind so nicht. Das wollten wir aber bitte schön nicht gespiegelt bekommen.

Weitere Themen