Menschen fühlen sich mit einer Sonnenbrille sicherer und cooler. Und: Sie schummeln gerne, wenn man ihnen nicht in die Augen schauen kann.
Doch welche Auswirkungen hat es auf die Kommunikationspartner, wenn das Gegenüber während der Unterhaltung nur noch ein abgeschirmtes Pokerface zur Schau stellt? Der Psychologe und Mimikforscher Markus Studtmann hat ein kleines Experiment am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zu dieser Frage gemacht. Mit zwei unterschiedlich großen Sonnenbrillen hat er untersucht, welche Emotionen mit einer Sonnenbrille verdeckt werden können. "Das Ergebnis hängt sehr von der Größe der Sonnenbrille ab", sagt Studtmann.
Große Sonnenbrillen, die die Augenbrauenpartie mit abdecken, lassen auf manche Emotionen der Träger kaum mehr Rückschlüsse zu. "Man kann nicht mehr oder nur schlecht sehen, ob sich die Augenbrauen beim Träger heben oder zusammenziehen", sagt Studtmann. Das wäre beispielsweise der Fall bei Emotionsausdrücken wie Furcht, Überraschung und Ärger. Verdeckt wird von den Brillen auch, ob sich das Auge weitet oder das Oberlid hochgezogen wird. "Dabei verrät nicht so sehr das Auge an sich die Emotionen. Identifikationsmerkmal ist vielmehr die Muskulatur um das Auge herum", sagt der Mimikforscher. Dazu zählen beispielsweise Lach- und Mimikfalten.
Es irritiert, wenn man den Blick nicht fassen kann
Derzeit forscht Studtmann mit seinen Institutskollegen auch an einem größeren Experiment: Die Wissenschaftler haben an knapp 500 Probanden im Alter zwischen 12 und 75 Jahren getestet, welche Gefühle sich auf Gesichtern noch erkennbar spiegeln, wenn bestimmte Partien abgedeckt sind. "Dafür haben wir entweder die obere oder die untere Hälfte der Gesichter abgedeckt", sagt Studtmann. Die Forscher wollten unter anderem herausfinden, ob es bezüglich des Alters der Probanden Unterschiede bei der Erkennung von Emotionen gibt, die in früheren Studien insbesondere bei Furcht, Ärger und Traurigkeit auftraten.
Das Zwischenfazit: ist nur die untere Gesichtshälfte bedeckt, ist es nicht so schwierig, auf die Gefühlslage des Gegenübers zu schließen. Komplizierter wird es, wenn die obere Gesichtshälfte abgeschirmt ist - wie dies eben auch bei Trägern von Sonnenbrillen der Fall ist. "Bei anderen Experimenten hatte sich außerdem gezeigt, dass ältere Personen prinzipiell weniger Emotionen zeigen", erklärt Studtmann. Ob es ihnen schlicht schwerer fällt oder ob sie Emotionen nur besser unterdrücken können, kann daraus aber nicht abgeleitet werden.
Die Augen spiegeln die Seele des Menschen, sagt der Volksmund. Warum viele Menschen ihre Augen scheinbar lieber vor der Welt verstecken, hat Studtmann zwar nicht erforscht, aber er bietet zwei denkbare Erklärungen: "Wer eine Sonnenbrille trägt, wirkt cooler, weil seine Emotionen schwerer lesbar sind. Der Träger lässt sich nicht in die Gefühlswelt schauen, und es ist keine mimische Darstellung der Augen erkennbar." Außerdem könne man damit hervorragend Blickbewegungen kaschieren: Das Gegenüber wisse nicht, wohin der Träger schaut. "Das wirkt dann sehr irritierend", sagt der Mimikforscher.
Der täuschende Eindruck von Anonymität
Das Tragen einer Sonnenbrille verstärkt den Glauben, man sei vor der Kontrolle anderer geschützt - das berichten zum Beispiel Psychologen von der Universität von Toronto in der Zeitschrift "Psychological Science". Und noch weiter: "Menschen lassen sich dann auch eher dazu verleiten, unehrlich und eigennützig zu sein", erklärt Studienleiter Chen-Bo Zhong. Herausgefunden hat er das mit seinem Forscherteam, indem er mehrere Experimente durchführte. Seine Probanden sollten Rechenaufgaben lösen: entweder in einem hellen oder in einem nur schummrig beleuchteten Raum. Die Ergebnisse wurden von den Teilnehmern selbst korrigiert, anschließend durften sie sich mit einem vorgegebenen Budget belohnen. Geschummelt haben am häufigsten jene im Dämmerlicht - sie gönnten sich deutlich mehr Geld als ihre Kollegen im hellen Raum.
Im zweiten Versuch erhielt ein Teil der Probanden Sonnenbrillen aufgesetzt. Die Teilnehmer sollten sechs Dollar mit einer anderen Person teilen. Tatsächlich waren auch jene mit Sonnenbrille eigennütziger und behielten eine größere Summe für sich. "Ähnlich wie kleine Kinder, die beim Versteckspiel ihre Augen schließen und glauben, der andere könne sie nicht sehen, vermittelt Dunkelheit den täuschenden Eindruck von Anonymität", folgern die Forscher daraus.
Alleine aufgrund der Tatsache, dass jemand seine Augen verbirgt, lässt sich also einiges deuteln. Als Sicht- und Blickschutz unterstützt die Sonnenbrille auch das "Fort-da-Spiel", wie beispielsweise Sigmund Freud es nannte. Der Träger zieht die Blicke auf sich, indem er die Augen verhüllt - schau her, aber komm mir nicht nah. Schönen Frauen vermittelt das die Aura der Geheimnisvollen. Und Männer können sich mit der Sonnenbrille verteufelt cool geben. Jack Nicholson sagte bereits vor Jahren über sein Markenzeichen: "Wenn ich meine Sonnenbrille trage, bin ich Jack Nicholson - ohne sie bin ich einfach nur ein fetter Siebzigjähriger."