Gute Freunde im Leben Warum langjährige Freundschaften so wichtig sind

Freunde fürs Leben? Eine durchschnittliche Freundschaft in Deutschland hält laut Experten etwa 24 Jahre. Foto: IMAGO / Westend61

24 Jahre lang hält eine durchschnittliche Freundschaft. Experten erklären, warum wir besonders viel Zeit und Liebe in unseren Freundeskreis aus Kindertagen investieren sollten.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - Gute Freunde tragen uns durchs Lebens, wir können die persönlichsten Dinge austauschen, im Idealfall sind sie für uns da, wenn wir schwere Zeiten durchleben. „Freundschaft ist die frei gewählte Beziehung schlechthin, in ihr lässt sich einüben, wie Beziehungen zwischen Menschen schön gestaltet werden können“, schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Essay „Vom Glück der Freundschaft“.

 

Der Freundeskreis ändert sich in Umbruchphasen

Viele Freundschaften halten ein Leben lang, manche nicht. Denn oft ändert sich unser Freundeskreis in Umbruchphasen, etwa nach Schule oder Studium oder durch einen Jobwechsel. Neue Freundschaften nehmen den Platz von alten ein, haben Robin Dunbar und sein Team von der University of Oxford herausgefunden. Die Wissenschaftler analysierten die Telefonverbindungsdaten von 24 britischen Schülerinnen und Schülern über einen Zeitraum von 18 Monaten. In den ersten sechs Monaten der Untersuchung besuchten diese die Schule – danach wechselten sie an eine Universität oder begannen zu arbeiten. Selbst unter den engsten Freunden konnten nur 40 Prozent nach einem halben Jahr ihren Platz behaupten, etwa 30 Prozent wurden durch neue Bekanntschaften aus den Top 5 verdrängt.

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Welche Freunde bleiben uns dennoch erhalten? „Unsere Freunde müssen nicht genau denselben Weg gehen, aber doch verstehen, wovon wir sprechen und was wir fühlen“, sagt der Psychologe Horst Heidbrink, der an der Fernuniversität in Hagen zu dem Thema forscht. „Wir freunden uns mit Menschen an, die uns ähnlich sind.“ Unsere Freunde seien oft gleich alt, hätten häufig auch dasselbe Geschlecht und ein vergleichbares Bildungsniveau.

Eine durchschnittliche Freundschaft hält etwa 24 Jahre

Manche Freunde begleiten uns nur auf Zeit, sind Gefährten, mit denen wir gemeinsam das Studium durchstehen oder mit denen wir im selben Volleyballclub um Siege kämpfen. „Etwas gemeinsam zu machen, erhält die Freundschaft aufrecht“, sagt Heidbrink. „Tatsächlich bleiben wir mit unseren besten Freunden aber erstaunlich lange zusammen.“ Das zeigt auch eine repräsentative Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach von 2014. Demnach hält eine durchschnittliche Freundschaft in Deutschland etwa 24 Jahre, und mehr als zwei Drittel haben einen Freund oder eine Freundin fürs Leben. Unter 29 Alternativen wählten 85 Prozent der Befragten sogar „gute Freundschaften zu haben“ als das Wichtigste im Leben.

Nach der Geburt des ersten Kindes schrumpft der Freundeskreis

Unser Freundeskreis wächst in der Regel stetig bis zum jungen Erwachsenenalter – und schrumpft anschließend wieder. Das belegte ein Team um den Psychologen Franz Neyer von der Universität Jena und die Psychologin Cornelia Wrzus von der Universität Heidelberg in einer Metaanalyse von 277 Studien mit über 180 000 Versuchspersonen. Umzüge waren der Hauptgrund dafür, dass sich Freundschaften mit der Zeit verliefen. „Wenn die räumliche Nähe nicht mehr gegeben ist, ist es schwerer, die Beziehung aufrechtzuerhalten“, sagt Wrzus. Auch nach der Geburt des ersten Kindes werde der Freundeskreis kleiner. „In einer Freundschaft muss die Balance zwischen Geben und Nehmen gewährleistet sein“, weiß Cornelia Wrzus. Oft haben Eltern aber weniger Zeit für ihre Freunde.

Aber viele realisieren dann, wenn sie die Familienphase hinter sich lassen, dass es einsamer um sie geworden ist. Und mit dem Alter werden Freundschaften wieder wichtiger für Gesundheit und Zufriedenheit im Leben, stellte wiederum der Psychologe William Chopik von der Michigan State University fest. In einer Befragung von 270 000 Menschen verschiedenen Alters aus nahezu 100 Ländern zeigte er, dass gute Beziehungen zu Freunden mit einem besseren Gesundheitszustand und Wohlbefinden zusammenhängen. „Es ist schlau, im Leben in die Freundschaften zu investieren, die uns besonders glücklich machen“, so das Fazit.

Brüche machen Freundschaften stark

Doch manche ehemals guten Freunde haben sich mit den Jahren aus den Augen verloren. Warum also nicht an alte Zeiten anknüpfen? „Im höheren Alter, wenn die Kinder aus dem Haus sind, gleicht sich die Lebenssituation wieder an“, sagt Heidbrink. „Und das gegenseitige Vertrauen ist oft noch da, wenn man sich lediglich aus den Augen verloren hat.“ Aber funktioniert das auch nach einer langen Pause? Die Soziologin Julia Hahmann von der Universität Vechta ist überzeugt, dass Brüche Freundschaften stark machen. Das könnten aus ihrer Sicht neben großen Veränderungen wie Umzügen und Kinderkriegen auch Krisen und Enttäuschungen sein. „Es ist aber möglich, dass eine Freundschaft pausiert – es ist sogar üblich“, lautet ihr Fazit. Vor allem bei Verlust des Lebenspartners durch Trennung oder Tod spielen alte Freunde wieder eine sehr wichtige Rolle im Leben.

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Und die Freundschaften, die am längsten halten, seien die, die wir seit unserer Kindheit haben, sagt sie. Dabei wirke die „lange biografische Kenntnis“ stabilisierend – man kennt die gleichen Lehrer, die gleichen Leute aus dem Dorf, oft auch die Eltern und Geschwister der Freunde.

Warum Freundschaften enden

Beziehungen
 Viele Menschen vernachlässigen ihre Freunde, wenn sie einen neuen Partner oder eine neue Partnerin finden. Der niederländische Sozialforscher Matthijs Kalmijn von der Universität Tilburg wertete Interviewdaten von knapp 3000 Frauen und Männern in verschiedenen Lebensabschnitten aus und fand heraus, dass vor allem Letztere ihre Freunde seltener trafen.

Verrat
 Der britische Sozialpsychologe Michael Argyle und seine Kollegin Monika Henderson haben bereits in den 1980er Jahren über 150 Personen aus verschiedenen Ländern befragt, aus welchen Gründen ihre Freundschaften zerbrochen sind. Bei Männern wie Frauen war die Freundschaft zu Ende, wenn Freund oder Freundin Vertrauliches an Dritte weitergegeben hatte.  

Dieser Text erschien erstmals am 05.10.2021. 

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