Psychologie Zu wenig kuscheln, zu viel Druck

Für Kinder ist wichtig, dass auch der Vater Zeit für sie hat. Foto: dpa
Für Kinder ist wichtig, dass auch der Vater Zeit für sie hat. Foto: dpa

Kaum Zeit, Kind zu sein: der gesellschaftliche Druck, der schon auf den Jüngsten lastet, kann sie krank und verhaltensauffällig machen. Auf einer Tagung in Stuttgart diskutieren Kinder- und Jugendpsychotherapeuten über die neuen Herausforderungen.

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Stuttgart - Paul ist acht. Seine Eltern versuchen, ihm die besten Startbedingungen ins Leben zu geben. Paul funktioniert aber nicht. Deshalb suchen die Eltern Hilfe in einer psychotherapeutischen Praxis. Sie vermuten, dass der Sohn eine Aufmerksamkeitsstörung hat; Paul kann sich in der Schule nicht konzentrieren. Seiner Lehrerin gibt er freche Antworten, vor Erwachsenen hat er prinzipiell keinen Respekt und schon kleine Anforderungen ziehen endlose Diskussionen nach sich. Passt ihm etwas nicht, rastet Paul aus. In der Schule ist er aggressiv, Freunde hat er keine. Aber ansonsten, so die Eltern, sei er ein Goldkind.

Paul ist kein Einzelfall. Kinder wie er erhalten häufig die Diagnose ADHS – Aufmerksamkeitsdefizit-oder Hyperaktivitätsstörung. Hans Hopf ist Psychoanalytiker und als Supervisor und Gutachter für Kinderpsychoanalyse tätig. Auf der 60. Jahrestagung der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Stuttgart betont er jetzt, dass nicht die Störungen bei Kindern per se zugenommen haben. Doch sie hätten sich in den 40 Jahren seiner Laufbahn sehr verändert. Die größte Klientel in der ambulanten Kinderpsychotherapie stellen demnach heute die Acht- bis Zwölfjährigen mit sogenannten externalisierenden Störungen dar: An erster Stelle stehen Angststörungen wie etwa Schulphobie, an zweiter Aufmerksamkeitsdefizite, Aggressionen, Bewegungsunruhe und Lernstörungen.

„Eiserner Deckel auf den Topf mit brodelnden Konflikten“

Vom Versuch, diesen Erscheinungen mit Medikamenten Einhalt zu gebieten, hält Hopf nicht viel. „Über den Topf mit brodelnden Konflikten kommt so ein eiserner Deckel mit einer Diagnose, die nur eine Erklärung zulässt: All das Unbeherrschte, alle Unruhe rühren von einer angeborenen Störung von Transmittersubstanzen“, sagt er. Mit dieser Umbenennung werde die Seele eliminiert, und zentrale Bereiche der Pädagogik medizinalisiert. „Damit werden Eltern, Lehrer, und Erzieher aus der Verantwortung entlassen – als Medikation ist nur noch Chemie angesagt.“

Hopf führt Zahlen an, die seinen Standpunkt verdeutlichen sollen: Im Jahr 2010 wurden Kindern und Jugendlichen 1,3 Millionen Tabletten mit dem Wirkstoff Methylphenidat verabreicht. Enthalten ist der Stoff in einem Präparat unter dem Handelsnamen Ritalin. Hopf zufolge handelt es sich dabei innerhalb von 17 Jahren um einen Anstieg um 5200 Prozent. „Ich frage mich, warum es plötzlich so viele angeborene Transmitterstörungen geben soll.“

Auch nach dem Krieg hatten Kinder viele Probleme

Eine auffällige Zahl von bewegungsunruhigen Kindern habe man auch schon zu anderen Zeiten beobachtet. In den Jahren ab 1947 seien beispielsweise in einer Untersuchung 50 000 Probanden der Geburtsgänge zwischen 1927 und 1941 im Alter zwischen sechs und 21 Jahren untersucht worden. „Damals hat man nervöse Störungen, übergroße Schreckhaftigkeit, motorische Unruhe, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Schlaf- und Sprachstörungen festgestellt“, sagt er. Die Intensität der Kriegserlebnisse seien zwar mit den Anforderungen der modernen Welt sicherlich nicht eins zu eins vergleichbar. „Wenn es zu unterschiedlichen Zeiten zu ähnlichen Symptombildungen kommt, kann man aber davon ausgehen, dass auch ähnliche Faktoren wirken“, vermutet er.

Was können jene Kriegskinder aber mit den heutigen bewegungsunruhigen Kindern gemein haben? „Vermutlich waren es nach dem Krieg vielfältige Traumatisierungen, der Zerfall von Familien, Trennungserfahrungen und ein abwesender oder traumatisierter Vater“, sagt Hopf. „Es gab damit kein ausreichend günstiges Milieu, welches zur Kompensation der Verwundungen hätte beitragen können.“ Im Zeitalter steigender Scheidungsraten fehlen auch heute oft Stabilität und die Vaterfigur. Das sei gerade für Jungen ein Problem. „Manche Kinder sind heute zudem zu früh emotional sich selbst überlassen, es fehlt an Halt und Begrenzung; Autonomie wird einseitig gefördert.“

Oft fehlt die Zeit für spontanes Herumalbern

Aber auch wenn beide Elternteile für ihre Kinder da sind, stellt sich das familiäre Glück nicht automatisch ein. Die kostbare freie Zeit, die erwerbstätige Eltern mit ihren Kindern verbringen, wollen sie oft sinnvoll nutzen – ein Dilemma, sagt Vera King, Professorin für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. „In Familien muss die Zeit für spontanes Herumalbern, gemeinschaftliches Faulsein oder eine Gute-Nacht-Geschichte oft für Wichtigeres eingespart werden“, sagt sie. Dies ist ihrer Meinung nach auch ein Grund für die steigende Unzufriedenheit Heranwachsender in Deutschland. Wie der aktuelle Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in Industrieländern 2013 zeigt, hat trotz besserer Rahmenbedingungen das kindliche Wohlbefinden in Deutschland stark abgenommen. Kinder fühlen sich zunehmend ausgeschlossen und leiden unter Leistungsdruck. „Emotional stabile Beziehungen zwischen Eltern und Kindern fördern ein positives Weltbild, diese Beziehung verträgt keine ständige Hektik“, sagt King.

Gerade jüngere Kinder erlebten Zeit als etwas Immer-Wiederkehrendes. Tägliche Rituale wie feste Essenszeiten, das Zu-Bett-Gehen sowie regelmäßige Gespräche und Kuscheln mit den Eltern gebe ihnen Sicherheit und würden bei der Orientierung helfen. Der Zeitdruck verlange von den Kindern aber ein zu hohes Maß an Eile, Flexibilität und die Fähigkeit, sich von Gewohntem zu trennen und sich auf neues einzustellen. Die Folge: Erschöpfung, Unruhe, Unkonzentriertheit und ein mangelndes Vertrauen in sich und die Welt. Denn Loslassen könne nur, wer Stabilität und Ruhe erfahre. Hans Hopf hat noch eine Entwicklung festgestellt: „Es gibt ein hohes Maß an Sexualisierungen, vor allem bei den Jungen.“ Einer Studie zufolge hätten rund ein Drittel der elfjährigen Mädchen und Jungen bereits Seiten im Internet mit pornografischen Inhalten besucht, bis zum 17. Lebensjahr seien es 93 Prozent der Jungen und 80 Prozent der Mädchen.

„Aufklärung über Sex ist so wichtig wie nie“

Kinder und Jugendliche würden heute meist nicht mehr an Unterdrückung leiden; sie seien vielmehr damit beschäftigt, von den Freiheiten der Moderne Gebrauch zu machen. Das geht bisweilen schief. „Aus Behandlungen und Supervisionen kenne ich zwölfjährige Mädchen, die mit einem Jungen geschlafen haben“, sagt Hopf.

Einmal berichtete eine 14-Jährige, sie habe in der Silvesternacht mit vier verschiedenen Jungen Sex gehabt. „Sie wollte geliebt werden. Den Jungen ging es mehr darum, ihre narzistischen Ziele mit einer, sozusagen verlängerten Masturbation, über das Mädchen zu verfolgen“, sagt Hopf. Beim Therapeuten saß das Mädchen dann, weil sie angefangen hatte, sich nach dem Erlebnis zu verletzen. „Das ist eine Randerscheinung. Aber es zeigt: Aufklärung über Liebesbeziehungen und Sex, trotz aller Liberalität heute, ist wichtig wie nie.“

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