Antidepressiva helfen manchen Menschen, doch das Absetzen kann mit schweren Entzugssymptomen einhergehen. Lange wurden diese von Ärzten unterschätzt oder als Rückfall gewertet. Gerhard Gründer, Psychiater und Leiter der Abteilung Molekulares Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, erklärt, warum ein langsames Ausschleichen wichtig ist, welche Risiken bestehen und wie Patienten besser unterstützt werden können.
Herr Gründer, lange wurden Patienten, die über Probleme beim Absetzen ihrer Antidepressiva klagten, von vielen Ärzten nicht ernst genommen. Hat sich da inzwischen etwas geändert?
Man weiß eigentlich, seit es Antidepressiva gibt, also seit den 1960er Jahren, dass das Absetzen nicht leicht ist. Dass ein Absetzen der Medikamente Probleme machen kann, findet sich schon sehr früh in der Literatur. Systematische Untersuchungen dazu gibt es aber erst seit den 1990er Jahren mit der Einführung von SSRI und SNRI.
Früher wurde Patienten oft gesagt, es handele sich um einen Rückfall in die Krankheit, wenn Symptome nach dem Absetzen auftraten.
Ein nicht ganz kleiner Teil an Patienten hat Absetzsymptome, man kann auch von Entzugssymptomen sprechen. Das wird aber von vielen Ärzten so nicht akzeptiert. Da fühlen sich viele Menschen zurecht nicht ganz ernst genommen. Meist kann man ein Entzugssyndrom von einem Rückfall unterscheiden.
Wie häufig kommen diese vor?
Kürzlich gab es eine größere Meta-Analyse von deutschen Kollegen. Danach haben 15 Prozent der Patienten, die ihr Antidepressivum absetzen, Entzugssymptome; drei Prozent haben schwere Symptome. Ich habe dazu oft in den Medien gelesen, offensichtlich sei es dann ja alles gar nicht so schlimm. Nur: 15 Prozent, das ist sehr häufig. Bei Nebenwirkungen von Medikamenten sprechen wir schon ab zehn Prozent von einem sehr häufigen Auftreten. Es ist also eine sehr häufige Komplikation, die wir nicht verharmlosen sollten.
Wie viele Menschen betrifft das?
Bei mehrere Millionen Menschen, die ein Antidepressivum einnehmen, sind das zehntausende Menschen, die mindestens Probleme haben und mehrere tausende, die schwere Komplikationen beim Absetzen haben.
Welche Methoden gibt es, um das Absetzen zu erleichtern?
Häufig wird empfohlen, innerhalb von vier bis sechs Wochen abzusetzen. Ich würde aber ein langsameres Vorgehen empfehlen. Eine große amerikanische Studie kam zu dem Ergebnis, dass das Rückfallrisiko bei raschem – vor allem schlagartigem – Absetzen höher ist als beim Ausschleichen. Bei einer längeren Einnahme über Jahre ist es sinnvoll, sich mehrere Monate Zeit zu nehmen, vielleicht sogar mindestens ein Jahr. Das Gehirn verändert sich durch die Substanz, bestimmte Prozesse werden bei einem abrupten Absetzen schlagartig wieder in Gang gesetzt.
Wo können sich Patienten informieren?
In den Niederlanden und Großbritannien gibt es ein sehr gutes Informationsangebot der Fachgesellschaften im Internet. Da ist man uns in Deutschland deutlich voraus. Dort wird teils für jede Substanz einzeln aufgelistet, wie das Absetzen schonend funktionieren kann. In den Niederlanden werden für viele Präparate sogenannte „Tapering-Strips“ angeboten, mit denen Patienten in sehr kleinen Dosen reduzieren können.
Viele Betroffen schildern ja auch, dass es vor allem die letzten Schritte sind, die erhebliche Probleme bereiten. Trifft das zu?
Ja, und das macht pharmakologisch auch Sinn. Das ist durch die Bindungseigenschaften von Antidepressiva am sogenannten Serotonintransporter zu erklären. Reduziert man eine anfangs höhere Dosis, so ändert sich die Bindung des Arzneimittels an diesem Transporter kaum. Reduziert man weiter, fällt die Bindung schneller. Das heißt, dass man anfangs in größeren Schritten reduzieren kann, bei kleineren Dosierungen müssen die Reduktionsschritte dann aber immer kleiner werden. Ein Problem ist dabei, dass viele Substanzen in derart kleinen Dosen gar nicht verfügbar sind. Bei den meisten Antidepressiva ist daher die letzte Dosis, die man noch reduzieren beziehungsweise dann absetzen kann, eigentlich viel zu groß.
Müssen manche Patienten dann ihr Medikament einfach weiternehmen?
Ich habe eine Kollegin, die seit zwanzig Jahren nicht in der Lage ist, ihr Antidepressivum abzusetzen, obwohl sie es wahrscheinlich nicht mehr braucht. Viele Patienten haben den Wunsch, irgendwann ohne Antidepressivum zu leben. Sie wünschen sich wieder mehr Autonomie, wollen die emotionale Verarmung, die die Medikamente verursachen können, nicht mehr. Und auch niedrige Dosierungen haben noch Nebenwirkungen. Man muss aber immer bedenken, dass viele Menschen durch die medikamentöse Therapie vor Rückfällen geschützt werden.
Sie haben seit einem Jahr in Mannheim die Absetzambulanz namens „START“. Mit welchen Methoden arbeiten Sie dort?
Mit individuellen Dosierungen können vor allem die letzten Schritte mittels Tapering besser bewältigt werden. Wir arbeiten in Mannheim eng mit einem Apotheker zusammen, der individuelle Dosierungen für einzelne Patienten anfertigt, wenn es die Substanzen nur in Tabletten- oder Kapselform gibt. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Und wir raten auch immer zu einer begleitenden Psychotherapie während des Absetzens.
Viele Ärzte betonten, trotz der Nebenwirkungen und Absatzprobleme dürfe man nicht vergessen, dass es wirkungsvolle Medikamente seien. Wie sehen Sie das?
In der größten Meta-Analyse haben Antidepressiva eine Effektstärke von 0,31. Eine Effektstärke von 0,2 ist ein kleiner, eine von 0,5 ein mittlerer Effekt. Antidepressiva haben also im Mittel eine moderate Wirkung. Das heißt, es gibt Patienten, die profitieren sehr, manche gar nicht. Und es gibt auch die, die sagen, dass das Medikament ihr Leben gerettet habe.
Zur Person
Leben
Gerhard Gründer, Psychiater und Psychotherapeut, ist Professor an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Er leitet die Abteilung für Molekulares Neuroimaging am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er hat von 1983 bis 1989 Medizin an der Universität Köln studiert und 1990 an der Universität Heidelberg promoviert.
Bücher
Gerhard Gründer betreibt unter anderem den „Mind and Brain“-Blog (www.mind-and-brain.institute) zu Fragen von Psychiatrie, Psychopharmakologie und Hirnforschung. Zudem hat er zahlreiche Bücher zu diesen Themen geschrieben, unter anderem „Psychopharmaka absetzen – warum, wann und wie“. (nay)