InterviewPsychosomatiker Matthias Michal „Ich glaube, ich stehe neben mir“

Von Melanie Maier 

Der eigene Körper fühlt sich fremd an, das Leben läuft ab wie ein Film: Viele Menschen haben schon einmal eine Phase der Depersonalisation erlebt – doch kaum jemand kennt das Symptom. Der Psychosomatiker Matthias Michal erklärt, was sich dahinter verbirgt.

Wie hinter Glas: etwa ein Prozent der Deutschen hat Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren und verrückt zu werden. Foto: Fotoalem / Adobe Stock
Wie hinter Glas: etwa ein Prozent der Deutschen hat Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren und verrückt zu werden. Foto: Fotoalem / Adobe Stock

Stuttgart - Manche Menschen haben Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren und verrückt zu werden. Der eigene Körper fühlt sich fremd an, das Leben läuft ab wie ein Film: Viele Menschen haben schon einmal eine Phase der Depersonalisation erlebt – doch kaum jemand kennt das Symptom. Der Psychosomatiker Matthias Michal erklärt, was sich dahinter verbirgt.

Herr Michal, manche Menschen fühlen sich zeitweise wie in einem Traum. Sie haben Angst, verrückt zu werden. Was genau fehlt Ihnen?

Die sogenannte Depersonalisation bezieht sich auf die eigene Person: Die Betroffenen empfinden sich selbst als leblos, sie haben das Gefühl, nur als Beobachter da zu sein, keine eigenen Gefühle zu haben. Das Symptom kommt oft in Verbindung mit der Derealisation vor. Diese bezieht sich auf die veränderte Wahrnehmung der äußeren Umwelt: Alles erscheint unwirklich, wie hinter Glas.

Treten diese Symptome stets miteinander auf?
In der Regel hängen sie sehr eng zusammen. Manche Patienten sagen, sie haben nur das eine oder eben das andere Symptom. Aber eigentlich lassen sich Depersonalisation und Derealisation kaum voneinander trennen.
Wie kann es dazu kommen, dass sich die Wahrnehmung plötzlich verändert?
Es gibt ganz unterschiedliche Mechanismen, die dazu führen können. Übermüdung zum Beispiel oder ein abrupter Umgebungswechsel. Auch beim Konsum von Haschisch kann das Gefühl auftreten, nicht mehr ganz da zu sein. Man kennt ja die Redensart: „Ich glaube, ich stehe neben mir.“ Patienten mit Depersonalisation erleben sich tatsächlich so, als würden sie neben sich stehen und sich von außen beobachten. Sie verwenden diese Redewendung nicht mehr als Metapher.
Nehmen Betroffene ihre Umwelt tatsächlich anders wahr als andere Menschen?
Nein. Die Depersonalisation wird zwar oft als Wahrnehmungsstörung bezeichnet, und die Patienten beklagen sich häufig darüber, dass sie zum Beispiel alles nur noch zweidimensional sehen. Fast alle unsere Patienten waren deshalb auch beim Augenarzt, bevor sie in die Klinik gekommen sind. Dabei sind ihre Wahrnehmung und ihr räumliches Sehen eigentlich vollständig intakt. Es ist eher ein „Als ob“-Gefühl. Doch die Symptome machen den Menschen sehr, sehr viel Angst – davor, den Verstand und die Kontrolle über sich zu verlieren, verrückt zu werden. Für sie ist es extrem wichtig, dass sie eine Erklärung für das alles bekommen – dass sie verstehen können, was eigentlich mit ihnen los ist.
Welche Auslöser gibt es bei Patienten, die sich dauerhaft in einem solchen Zustand befinden?
Die Auslöser sind vielleicht in der Hälfte der Fälle nicht richtig zu identifizieren. Und Auslöser sind noch einmal etwas anderes als Ursachen. Viele Betroffene sagen, dass sie Marihuana konsumiert und dabei einen Angstanfall bekommen haben. Und – häufig mit einer Verzögerung, wenn die Cannabis-Intoxikation längst aufgehört hat – plötzlich das Gefühl hatten: Alles ist unwirklich. Bei anderen stellen sich die Symptome dagegen schleichend ein, so dass sie gar nicht genau sagen können, wann sich ihre Wahrnehmung geändert hat. Oft betreffen Depersonalisation und Derealisation – wie es allgemein bei seelischen Erkrankungen häufig der Fall ist – Übergangsphasen im Leben; etwa die Ablösung vom Elternhaus oder die Pubertät.
Sind Depersonalisation und Derealisation also Phänomene, die eher Jugendliche oder junge Erwachsene betreffen?
Junge Erwachsene sind überwiegend betroffen. Das ist allerdings bei vielen seelischen Erkrankungen so. Die innere Ablösung von den Eltern spielt hierbei eine große Rolle. Denn sie geht ja auch mit hohen Anforderung einher: an die Selbstständigkeit, an das Fördern von Beziehungen zu anderen Menschen – ihnen zu vertrauen und sich ihnen emotional öffnen zu können. Das fällt unseren Patienten meistens schwer.
Warum?
In der Regel erlernt man das ja in der Kindheit: die eigenen Gefühle wahrnehmen und sie ausdrücken zu können. Man muss sich das so vorstellen, dass manche Menschen in ihrer Entwicklung Angst vor ihren Gefühlen entwickeln. Wut beispielsweise braucht man, um sich selbst zu behaupten, sich durchzusetzen und sich abzugrenzen. Es kann jedoch sein, dass die Eltern oder andere primäre Bezugspersonen auf die kindliche Wut in einer Art und Weise reagieren, dass das Kind lernt: Die wenden sich von mir ab. Oder: Ich werde bestraft, sobald ich wütend werde. Und das führt dazu, dass später im Leben allein das Gefühl der Wut ausreicht, um der betroffenen Person Angst zu machen – weshalb sie sich von den eigenen Gefühlen aktiv distanziert.
Was genau macht den Betroffenen Angst?
Es gibt in der Kindheit kaum etwas Schlimmeres als den Verlust der Eltern. Anders als andere Säugetiere sind wir Menschen viele Jahre extrem abhängig von ihnen. Aus dieser Verlustangst kann sich eine Affektphobie entwickeln, eine Angst vor Gefühlen.
Das heißt, die Eltern sind schuld am Zustand der Betroffenen?
Das ist ja das Erstaunliche: Patienten mit starker Depersonalisations-/Derealisationsstörung hatten oft gar nicht so schlimme, traumatische Erfahrungen in der Kindheit, sondern sogar eher bemühte Eltern. Häufig kommen sie sogar zum Aufnahmegespräch mit in die Ambulanz. Und doch ist es meist so, dass die Eltern ihren Kindern zu einem gewissen Zeitpunkt emotional nicht richtig zur Verfügung stehen konnten – aus den unterschiedlichsten Gründen. Dazu kommt, dass die Patienten eher sensible Menschen sind – im positiven wie im negativen Sinne.
Leiden die Betroffenen oft auch unter anderen psychischen Störungen?
Richtig, fast alle unserer Patienten haben mehr als eine Diagnose – die meisten haben außerdem eine Depression oder eine Angststörung. Und in der Hälfte der Fälle liegt eine Persönlichkeitsstörung vor.
Wie behandeln Sie Patienten?
Da es eigentlich keine Medikamente gibt, die richtig wirksam sind, ist die Therapie der Wahl die Psychotherapie. Wie lange diese dauert, ist von der Einzelperson abhängig. Wenn sich jemand seit fünf Jahren in einem anhaltenden Depersonalisationszustand befindet, dazu eine Persönlichkeitsstörung hat, ist klar: Da ist eine intensivere Behandlung notwendig, als wenn jemand eine Pubertätskrise hat, bei der – wenn nichts schiefläuft – sogar eine Kurzzeitbehandlung von 25 Sitzungen ausreichen kann. Ansonsten geht man davon aus, dass eine Langzeitbehandlung notwendig ist; nicht selten auch stationäre Behandlungen. Und zwar häufig gleich zu Beginn, weil die Patienten meist nicht verstehen, was mit ihnen los ist und was sie selbst machen können, um aus diesem Zustand wieder herauszukommen.