Psychosoziale Hilfe in Leonberg DRK-Helferin: „Manchmal muss man das Furchtbare einfach nur aushalten“

, aktualisiert am 15.05.2026 - 22:01 Uhr
Seit 25 Jahre engagiert sie sich ehrenamtlich bei der psychosozialen Notfallversorgung des DRK im Kreis Böblingen: Monika Friedrich aus Rutesheim. Foto: Simon Granville

Mitten in der Nacht verliert Birgit Mellau ihren Mann bei einem Unfall. Als die Polizei vor der Tür steht, beginnt für sie ein Albtraum. An ihrer Seite: Monika Friedrich vom DRK.

In manchen Momenten trifft sie der Schmerz noch immer wie ein Dolch mitten ins Herz. Und dann ist der Unfalltod ihres Mannes vor 18 Jahren wieder präsent. Die Rutesheimerin Birgit Mellau – wir haben ihren Namen auf Wunsch anonymisiert – wurde damals um Mitternacht aus dem Schlaf gerissen. Die Polizei stand vor der Tür. Da wusste sie, es ist etwas Schlimmes passiert. An diesem Abend war ihr Mann mit einem Freund unterwegs gewesen. Auf der Rückfahrt passierte das Unglück. „Mein Mann ist noch an der Unfallstelle verstorben“, sagt Mellau. Ein Albtraum. Aufgefangen wurde sie in dieser Nacht im ersten Moment von Monika Friedrich. Die Rutesheimerin ist seit 25 Jahren ehrenamtlich bei der psychologischen Notfallversorgung (PSNV) des Deutschen Roten Kreuzes im Kreisverband Böblingen tätig. Seit zehn Jahren in leitender Funktion.

 

Sie überbrachte damals gemeinsam mit der Polizei die traurige Nachricht. „Im ersten Moment sind wir nur da gesessen, ohne zu reden“, erinnert sich Mellau. „Wir vom Notfallnachsorgedienst bieten in solchen Krisensituationen wertvolle Unterstützung und stellen sicher, dass niemand in diesen schwersten Stunden allein bleibt“, sagt Monika Friedrich. „Unsere Aufgabe ist es, in der akuten Phase Trost zu spenden, das Geschehene zu realisieren, Sicherheit zu geben und den Weg in eine Zeit nach dem Ereignis zu ebnen.“

Spaziergänge mit Hund Balu taten dem Jungen gut

Im Falle von Birgit Mellau hatte Monika Friedrich den Kontakt zum Leonberger Hospiz hergestellt, wo sie selbst den damals neu installierten Ambulanten Hospizdienst für Kinder und Jugendliche leitete. Mellaus elfjähriger Sohn hatte mit Verschlossenheit auf den Tod des Vaters reagiert. Die Spaziergänge mit einer ehrenamtlichen Hospiz-Mitarbeiterin – und vor allem mit deren Hund Balu – taten seiner Seele gut. Und durch diese Verbindung mit Balu konnte er sich zumindest ein wenig öffnen.

Trauer kann ein überwältigendes Gefühl sein. Foto: imago images/photothek

„Wir schauen nach solchen Geschehnissen, was den Betroffenen helfen könnte“, sagt Friedrich. Für Birgit Mellau selbst war auch der Rutesheimer Pfarrer eine große Stütze. Er brachte eine kleine Gruppe von Frauen, die ähnliche Schicksalsschläge erlebt hatten, zusammen. „Wir haben uns ausgetauscht und viel geredet. Und noch heute treffen wir uns in regelmäßigen Abständen“, sagt Mellau.

Gut 40 Ehrenamtliche engagieren sich derzeit im Landkreis Böblingen in der psychosozialen Notfallversorgung des DRK. Sie werden von der Rettungsleitstelle alarmiert, wenn Menschen nach außergewöhnlichen Ereignissen Unterstützung benötigen – etwa nach schweren Unfällen, Suiziden, erfolglosen Reanimationen, Amokläufen oder beim Überbringen von Todesnachrichten gemeinsam mit der Polizei. Etwa vier bis sechs Stunden dauert solch ein Einsatz. Nach dem Eintreffen vor Ort gilt es zunächst, sich einen Überblick zu verschaffen. „Häufig ist die Lage vor Ort anders als gemeldet, dann tasten wir uns heran.“

Um rasch helfen zu können, ist die psychosoziale Notfallversorgung in die Bereiche Nord, Mitte und Süd unterteilt. Monika Friedrich betreut den Raum Leonberg. „Früher hatte ich eine Telefonliste und habe diese abgearbeitet.“ Heute wird die Verfügbarkeit der Ehrenamtlichen über eine App organisiert. „Das erleichtert die Arbeit enorm.“ Im vergangenen Jahr verzeichnete das Team 251 Einsätze, in diesem Jahr waren es bereits rund 90. „Es werden mehr“, sagt Friedrich.

Hilfen in dunklen Stunden: Rituale und Symbole

Die Rutesheimerin erinnert sich an einen Einsatz bei einer Mutter, deren Sohn mit dem Motorrad tödlich verunglückt war. „Ich wusste, wenn ich etwas sage, schmeißt sie mich raus.“ Auch Berührungen seien unangebracht gewesen. „Also saßen wir gefühlt eine Ewigkeit im Raum, ich auf dem Sofa, sie auf dem Stuhl.“ Dann wollte sich Monika Friedrich verabschieden. „Im Aufstehen holte die Betroffene ein Album und wir schauten gemeinsam Fotos von ihrem Sohn an. Manchmal muss man als Helfende das Furchtbare und die Stille einfach nur aushalten.“

Auch Rituale oder Symbole würden helfen. Beten. Das Licht einer Kerze. Oder das Öffnen eines Fensters, damit die Seele des Verstorbenen gehen kann. Monika Friedrich lässt auch gerne zwei kleine Engel zurück. Einen für den Betroffenen, den anderen als verbindendes Element für den Verstorbenen.

Oft wird sie gefragt, so erzählt sie, wie sie so viel Konfrontation mit Tod oder seelischem Leid aushalten könne. „Ich kann mit diesen Themen gut umgehen“, sagt die 70-Jährige. Und sie hat ihren Glauben, reflektiert ihr eigenes Handeln mithilfe von Supervisionen. Sie selbst hat Schicksalsschläge erlitten. Unter anderem, als ihr Vater plötzlich mit 60 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb. „Damals hätte ich mir bessere Hilfe gewünscht.“ Deshalb zögerte sie nicht lange, als sie vor 25 Jahren gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könne, bei der psychologischen Notfallversorgung mitzumachen. Und sie vergisst nicht, immer wieder zu betonen, wie wichtig die Arbeit des gesamten ehrenamtlichen Teams sei.

Der psychologische Notfallnachsorgedienst des DRK

Aufgaben
Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden betreuen und begleiten Menschen in akuten Notsituationen. Beispielsweise nach dem Tod von Angehörigen, nach Unfällen, bei Großschadensereignissen und zur Vermittlung von fachlicher Hilfe.

Die Ehrenamtlichen
Was müssen am Ehrenamt Interessierte mitbringen? Zeit und Bereitschaft zur Aus- und Fortbildung, ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und Taktgefühl. Psychische Belastbarkeit und Stabilität. Einen tadellosen Leumund und eine abgeschlossene Berufsfindung.

Kontakt Interessierte können sich an den DRK Kreisverband Böblingen wenden, Telefonnummer 0 70 31 / 6 90 48 08 oder E-Mail ehrenamt@drkbb.org

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