Der bekannte Psychotherapeut Reinhard Tausch wird 90 Jahre alt. Im Interview spricht er über Stuttgart 21, das Glück und den Tod.

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Stuttgart - Am Sonntag begeht der Psychotherapeut Reinhard Tausch bei einer Festveranstaltung seinen 90. Geburtstag. Seit 20 Jahren lebt er in Stuttgart. In diesem Interview verrät er, wie er innere Gelassenheit gefunden hat - und warum Stuttgart 21 ihn nicht mehr interessiert.

Herr Tausch, Stuttgart 21 ist seit Jahren der größte Konflikt in der Stadt. Sie haben sich zeit Ihres Lebens damit beschäftigt, wie man Konflikte gut löst. Haben Sie einen Rat?

Ich nehme nicht mehr allzu viel Kenntnis von Stuttgart 21, weil das ganze Geschehen mich zunehmend anwidert. Denn die Befürworter und Gegner streiten sich seit Jahren, ohne aufeinander zuzugehen. Wer so stur ist, dem kann selbst der beste Therapeut nicht helfen.

Kann man denn einen solchen gesellschaftlichen Konflikt vergleichen mit einem Streit zwischen zwei Menschen?

Eine Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen ist schwieriger zu lösen, weil hinter den führenden Personen viele andere Menschen stehen, die eigene Meinungen haben und die sich vertreten sehen wollen.

Aber gibt es Punkte, die in beiden Fällen von zentraler Bedeutung sind?

Beide Parteien müssen bereit sein für eine Lösung - aber das sind sie in Stuttgart nicht. Aus diesem Grund interessiert mich das Thema nicht mehr wirklich.

Haben Sie eine Meinung zu Stuttgart 21?

Ich sehe vor allen Dingen, dass anderes in Stuttgart wichtiger wäre. Zum Beispiel lebt ein Fünftel der Menschen in schlechten Wohnverhältnissen - da müsste man einiges verbessern.

Welche Konflikte oder Ereignisse haben denn Ihr Leben geprägt?

Ich bin 1938 schon mit 17 Jahren Soldat geworden und bin es fünf Jahre lang geblieben. Viele Jahre war ich an der Front und habe dort eines gelernt: ich muss bereit sein zu sterben, wenn es nicht zu verhindern ist. Das hat mich geprägt. Ich bin deshalb nie ein Mensch gewesen, der sagt: Ich akzeptiere das nicht; das darf nicht sein. Das, was ich nicht ändern kann, muss ich annehmen- auch den Tod.

Keine Angst vor dem Tod

Ist das eine Lebenshaltung, die von Demut geprägt ist?

Nein, nicht von Demut, sondern von Akzeptanz. Ich kämpfe auch um vieles, ich setze mich ein und engagiere mich. Aber ich akzeptiere, was ich nicht ändern kann. Dieses Annehmen besitzt eine ungeheure Entlastungsfunktion für die Seele.

Das heißt, Sie hatten schon damals als 17-Jähriger keine Angst vor dem Tod?

Nein.

Ist das nicht erstaunlich?

Warum? Ich hatte vorgehabt, nach Amerika auszuwandern; aber man sagte mir, dass ich erst ausreisen dürfe, wenn ich meinen Wehrdienst abgeleistet habe. Das war Pech. So habe ich es eben angenommen.

Sie haben sich zusammen mit Ihrer Frau in vielen Büchern stark mit dem Sterben und dem Tod auseinandergesetzt. Jetzt werden Sie am Sonntag 90 Jahre alt - wie nah, wie präsent ist da der Tod?

Es ist natürlich ein wichtiges Thema für mich, wenn ich sterbe. Aber ich kann es ja nicht ändern. Und nachdem ich 90 Jahre alt geworden bin und noch sehr aktiv sein kann, ist es doch ok. Dann sterbe ich eben.

Sie sagen das, als sei es das Normalste der Welt. Ich glaube, die meisten Menschen haben sehr viel Angst vor dem Tod.

Vielleicht haben sie den Tod zu wenig erlebt. Die Soldaten im Krieg haben viel gesehen und konnten deshalb eher einwilligen.

Ist das eine Haltung, die man erlernen kann?

Auf jeden Fall.

Vergebung spielt eine große Rolle

Und wie geht das?

Das Wichtigste ist die innere Bereitschaft. Wenn eine belastende Situation kommt, muss man offen sein, sich einlassen und die Situation annehmen.

Neben der Gelassenheit und der Akzeptanz hat immer der Begriff der Vergebung in Ihrer Arbeit eine große Rolle gespielt.

Ich fand es seltsam, dass in den 60er Jahren die Vergebung keine Bedeutung in der Psychotherapie hatte. Ich habe diesen Begriff in die deutsche Therapie eingebracht.

In der christlichen Religion ist Vergebung doch ganz wichtig.

Tatsächlich hat früher nur die Kirche die Menschen aufgefordert, anderen zu vergeben. Sie hat aber vergessen, den Leuten auch zu sagen, wie es funktioniert. Das hat mich interessiert. Denn gerade unter dem Blickwinkel der Stressbewältigung ist Vergeben etwas ganz Wichtiges. Der Stress nimmt enorm ab, wenn man es schafft, sich selbst oder anderen zu vergeben.

Aber ist Vergebung immer möglich?

Dem Einzelnen ist es häufig nicht möglich. Aber wenn jemand eine Belastung loswerden will und sich und dem anderen etwas Gutes tun will, dann sollte er es versuchen. Wobei es aber in der Therapie kontraproduktiv ist zu sagen: Du musst vergeben! Es geht auch hier darum, loszulassen.

Warum überhaupt sind Tod, Stress und Konflikte für Sie solche großen Lebensthemen geworden?

Ich wusste, dass viele Menschen darunter leiden. Sie leiden unter dem Stress, unter einer Krankheit, unter einem Verlust - das kann hart sein, und da glaube ich, kann ich den Menschen Hilfestellungen geben. Vor wenigen Tagen habe ich in Weingarten wieder ein Seminar zu diesem Thema gegeben.

Sie geben noch Seminare - mit 90 Jahren?

(lacht) Ja klar. Oder finden Sie, ich bin zu alt dazu?

Wie man glücklich wird

 Es ist zumindest nicht selbstverständlich, in diesem Alter noch Vorträge zu halten und Seminare zu veranstalten.

Aber warum denn nicht? Wenn mich jemand einlädt, komme ich. Zum Beispiel machen wir häufig eine Sterbe- und Lebensmeditation. Zuerst sprechen wir über den Tod, und dann führe ich die Teilnehmer in mehreren Schritten zum Tod hin, bis sie zum Schluss quasi gestorben sind. Die meisten Menschen empfinden das als sehr beruhigend. Es ist auch deshalb hilfreich, weil die Vorstellungen der Menschen vom Tod oft dramatischer sind als die Wirklichkeit. Mit dieser falschen Vorstellung leben viele Menschen Jahrzehnte - und versäumen den Augenblick. Anschließend integrieren wir das Sterben wieder ins Leben. Die Teilnehmer lernen so, ihr Leben mit dieser Erfahrung neu und besser zu gestalten. Meine Frau hat diese Meditation sehr oft gemacht, als sie krank war. Es hat ihr sehr geholfen, sich auf den Tod vorzubereiten.

Wenn Sie noch Seminare geben, schreiben Sie dann auch noch Bücher?

Ich sitzte fast jeden Tag an meinem Schreibtisch und arbeite.

Sind Sie denn durch die Beschäftigung mit diesen psychologischen Themen ein glücklicherer Mensch geworden?

Wenn ich Menschen helfen kann, dann freue ich mich darüber, weil meine Arbeit einen Sinn hat. Ich selbst habe dieses Loslassen-Können schon im Krieg gelernt - ich hatte da keinen Nachholbedarf mehr.

Dann geben Sie doch mal einen Tipp, wie man glücklich wird.

Ich habe immer nur Dinge gemacht, die mir sinnvoll erschienen sind. Wenn etwas für mich nicht verständlich war, dann habe ich es gelassen. Daran habe ich auch meine Forschung ausgerichtet. Überhaupt ist es vielleicht die zentrale Aufgabe jedes Menschen, seinem Leben einen Sinn zu geben.

Mit dieser Haltung waren Sie in den 60er Jahren eher ein ungewöhnlicher Professor.

Manche haben mich für ziemlich unkonventionell gehalten - mir erschien mein Verhalten einfach nur richtig. So haben meine Studenten mich beispielsweise immer geduzt. Und wenn wir auf einem Blockseminar waren, habe ich abends immer zum Schluss einen Witz erzählt, damit jeder mit einem Lächeln einschlafen konnte. Mein Leitspruch in der Lehre stammt von Albert Einstein. Er lautet: "Es wird überhaupt zu viel erzogen. Es gibt keine andere vernünftige Erziehung als Vorbild sein."

Schon als Kind aufmüpfig

Kindheit: Reinhard Tausch, am 6. November 1921 in Braunschweig geboren, war schon als Kind ziemlich aufmüpfig. Als Fünfjähriger weigerte er sich, in den Kindergarten zu gehen, weil ihm Lieder wie "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" sinnlos erschienen. Im Dritten Reich verweigerte er sich der Hitlerjugend.

Leben: Eher zufällig kam Tausch nach dem Krieg zum Lehrerberuf und studierte dann Psychologie. 1961 habilitierte er sich. Seine Arbeit ist stark beeinflusst von Carl Rogers, dem Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie. Tausch lehrte in Köln und Hamburg. Sein Ziel war nie theoretische Wissenschaft, sondern er wollte den Menschen praktische Hilfe bei Konflikten, Stress und belastenden Situationen geben. Viele Bücher hat er mit seiner Frau Anne-Marie Tausch geschrieben, die 1983 an Krebs starb. Längst gilt Tausch als einer der Wegbereiter der Gesprächspsychotherapie in Deutschland. Seit 1991 lebt er in Stuttgart.

Bücher: Viele Bücher richten sich direkt an die Menschen und haben Auflagen von deutlich mehr als 100.000 Exemplaren erreicht, so "Hilfen bei Stress und Belastung" und "Sanftes Sterben".

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