Durch Erfahrungen wie Krieg, Flucht oder Hunger kann auch Generationen später noch ein Gefühl des Mangels entstehen, sagt Psychotherapeutin Sabine Lück. Foto: Unsplash/Sabine Van Straaten
Manche Probleme resultieren nicht aus der eigenen Biografie, sondern wurzeln in Erfahrungen der Eltern oder Großeltern. Wie sich ein solches Trauma heilen lässt, weiß Psychotherapeutin Sabine Lück.
Franziska Herrmann
28.10.2024 - 19:00 Uhr
Erfahrungen, seelische Verletzungen und Überlebensprogramme unserer Vorfahren sind in uns gespeichert. Diese über Generationen weitergegebenen Verwundungen können Ängste, Depressionen oder Beziehungskonflikte auslösen, sagt die Psychotherapeutin Sabine Lück.
Frau Lück, was verstehen Sie unter einem Trauma?
Ganz allgemein ist ein Trauma auf der psychischen Ebene ein Ereignis, das in seinem Ausmaß so heftig war, dass es für die Person überwältigend und emotional nicht greifbar ist. Als Schutzreaktion trennt der Mensch sich von dem schmerzhaften Erleben ab oder erlernt Lebensmuster, die ihm helfen, damit umzugehen.
Und was sind transgenerationale Traumata?
Sie beschäftigen sich mit den Traumata unserer Ahnenreihe. Die Tatsache, dass wir in Deutschland zwei Weltkriege erlebt haben und ein getrenntes Deutschland, hinterlässt viel traumatisierendes Material, das an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurde.
„Kinder wissen sehr genau Bescheid über die Wunde der Eltern“, sagt Psychotherapeutin Sabine Lück. Foto: Julien Bataille
Wie kann sich so ein altes Trauma im Jetzt zeigen?
Immer wieder erlebe ich, dass beispielsweise ein Partner in einer Beziehung keine sexuelle Leidenschaft mehr fühlt. Das kann ein Hinweis auf Erfahrungen bei der Mutter oder Großmutter sein. Wenn Kinder missbraucht werden, kann das als Zellwissen weitergegeben werden. Um weiterleben zu können, spalten sie ihre Gefühle ab oder verdrängen das Ereignis. Diese Abwehrmechanismen beeinflussen dann die Beziehung zu den eigenen Kindern oder übertragen auch körperliche Symptome. Das schlechte Verhältnis zur Sexualität wird vererbt.
Wie erleben die Betroffenen das?
Die Patientin beschreibt beispielsweise, dass in dem Moment, in dem eine gewisse Nähe entsteht, plötzlich das Gefühl von Missbrauch da ist. Die Lust versiegt und sie empfindet Ekel. Diese Gefühle passen nicht zu ihrer eigenen Vergangenheit, aber zu dem Leben der Großmutter.
Wir tragen alle familiären Ballast mit uns herum. Wie findet man heraus, ob dahinter mehr steckt?
Wenn sich hartnäckige Muster wiederholen – ich müsste weniger arbeiten, aber nehme immer wieder neue Jobs an –, dann könnte ich überprüfen, ob das wirklich nur in mir angelegt ist. Wenn der Leidensdruck zu hoch ist, und spätestens, wenn das eigene Kind Symptome entwickelt, werden Erwachsene oft aufmerksam. Kinder empfinden häufig ein starkes Druckgefühl, Erschöpfungszustände oder Zwänge. Immer wenn etwas zu viel oder zu extrem ist, könnte es sein, dass es nicht nur das Eigene ist, sondern mit etwas Tieferem verknüpft ist. Es kann sein, dass da ein Treuevertrag wirkt.
Was verstehen Sie unter einem Treuevertrag?
Es geht immer um den größten Schmerz im Leben der Eltern, den Kinder versuchen zu heilen. Kinder wissen sehr genau Bescheid über die Wunde der Eltern. Um das Elternteil an diesem Punkt zu schützen, dürfen sie ihre Eltern genau dort nicht überrunden im Sinne von überholen. Das heißt, sie stellen ihre persönliche Entwicklung zurück. Der Vertrag besteht aus zwei Elementen. Einerseits darf ich nicht besser als meine Eltern sein, gleichzeitig möchte ich sie auch für das erlittene Leid entschädigen. Der Konflikt liegt in dem Widerspruch, dass jeder Mensch sich weiterentwickeln möchte, was aber nicht geht, wenn man nicht überrunden oder enttäuschen will.
Die Wurzeln unseres Stammbaumes brauchen Heilung, damit unsere Bedürfnisse wieder versorgt werden können?
Ich benutze gern die Metapher eines Baumes, um meinen Klienten, meinen Klientinnen die Auswirkungen transgenerationaler Weitergabe von Leid und Trauma an die nächste Generationen zu erklären. Die Wurzeln als Aufnahmeorgan des Baumes müssen intakt sein, damit die Grundbedürfnisse ausreichend versorgt werden können. Wenn jede Wurzel für ein Grundbedürfnis, also für Platz, Nahrung, Unterstützung, Schutz und Grenzen, steht, kann die Verletzung oder Vernarbung dieser Wurzeln verhindern, dass Bedürfnisse passgenau beantwortet werden können. Durch Krieg, Flucht, Hungerzeiten, Grenzüberschreitungen und fehlenden Halt und Schutz entsteht so auch viele Generationen später eine Mangelsituation, obwohl eigentlich alles vorhanden ist. Nachfahren von Flüchtlingen können dann entweder nicht heimisch werden, oder ihr schönes Zuhause nicht genießen. War Schutz nicht vorhanden, können Kinder und Kindeskinder sich selbst diesen Schutz nicht geben oder werden überbehütend und ängstlich.
Wie nähern Sie sich in Ihren Therapiesitzungen dem Treuvertrag?
Mithilfe von Schlüsselfragen finde ich erst einmal das persönliche Thema heraus. Im Anschluss arbeiten wir mit einer Aufstellung. Wir wählen eine Szene aus dem Leben der Person aus: Die Mutter steht in der Küche und kocht, als kleines Mädchen steht man daneben und hat das Gefühl, dass die Mutter vollkommen für sich ist. Obwohl wir nah beieinander sind, ist meine Mutter ganz weit weg, spürt das Kind. Im Anschluss an die Aufstellungsarbeit schaue ich im Gespräch mit meiner Klientin oder meinem Klienten, welche Eingebungen und Botschaften zwischen den beiden hin und hergehen. In diesem Fall könnte das bedeuten: Ich darf genauso wenig im Hier und Jetzt sein, wie damals meine Mutter, und meine Beziehungen genauso wenig wahrnehmen und genießen wie sie. Im zweiten Schritt schauen wir auf das Leben der weiblichen Ahnenreihe. Es kann sein, dass sich die Trennung zwischen Mutter und Tochter wie ein roter Faden durch alle Generationen zieht. Vielleicht fand eine Abkapslung statt, weil eine Mutter irgendwann ein Kind verloren hat, oder ein Kind seine Mutter. In dem Fall des Mädchens war es so, dass die Urgroßmutter durch eine Seuche beide Eltern verloren hatte und ihren Verlustschmerz abspalten musste.
Wie versuchen Sie Ihren Klienten zu helfen?
Die Überlegung ist folgende: Wenn diese Urgroßmutter damals ihre Eltern nicht verloren hätte und somit gut versorgt gewesen wäre, hätte diese Mutter eine andere Überlebensstrategie oder andere Empfindungen zur Mutter-Kind-Beziehung gehabt. Indem wir eine fiktive Situation nachstellen und beispielsweise eine ideale medizinische Versorgung für die Eltern der Urgroßmutter symbolisch mit einem Gegenstand darstellen, erlebt die Klientin, wie ihre Urgroßmutter „Zeugin“ dieser Heilung wird. Sie beobachtet diese positive Wendung der eigenen Geschichte. Wir gehen durch alle Generationen, bis zur Tochter selbst. In der letzten Situation erlebt das Kind eine Mutter in der Küche, die zugewandt und liebevoll ist.
Wie funktioniert das genau?
Das läuft ähnlich ab wie im Kino. Dort können wir die Gefühle auch nachempfinden, die eine Person durchlebt. Alles, was wir körperlich spüren, hat zur Folge, dass es auch abgespeichert wird.
Damit verschwinden aber doch nicht auf einen Schlag alle Probleme, oder?
Der eigentliche Prozess beginnt nach der Aufstellung. Die sogenannte Alternative Erinnerung ermöglicht einen neuen Blick auf das eigene Gewordensein und die bisherigen Glaubenssätze und Lebensmuster. Auf diese Weise geschieht Veränderung und Heilung.
Was wäre ein erster Schritt, um den eigenen Verstrickungen näher zu kommen?
Eine Frage könnte sein: Worin soll es meinem Kind besser gehen? Die Antwort ist meist das, was im eigenen Leben die Wunde war oder nicht so gut funktioniert hat. Oft sagen Eltern: Mein Kind soll das eigene Potenzial entfalten können. Aber manchmal ist es konkreter. Ich habe mir zum Beispiel für meine Kinder immer einen tollen Papa gewünscht, weil ich keinen hatte. Das war natürlich gleichzeitig ein Fallstrick, denn mein Kind sollten mich ja nicht überholen. Wenn die Tochter einen tollen Papa kriegt, darf sie ihn nicht zu 100 Prozent genießen, weil sie ja mir treu sein muss.
Man hält ja auch an Dingen fest, weil sie einem Sicherheit schenken. Welche Gefahren gibt es, wenn man sich verstärkt mit seinen Ahnen beschäftigt?
Man muss eine gewisse Stabilität mitbringen, weil man stark mit der eigenen Identität konfrontiert wird. Man braucht einen Umgang mit überwältigenden Gefühlen und ein gutes Umfeld.
Wie geht man am besten bei dieser Form der Ahnenforschung vor?
Am besten, man befragt erst mal die Eltern und Großeltern. Und dann kann man Daten sammeln über Umzüge, Flucht und Krieg. Man kann nach Wiederholungen in den verschiedenen Generationen suchen. Oft gibt es Berufe, die sich gleichen. Und es gibt Kirchenbücher oder Ordnungsämter. Vielleicht hat auch mal jemand einen Stammbaum erstellen lassen und Forschung betrieben.
Was, wenn sich die eigene Familie sträubt und nicht mitmachen will?
Es ist wichtig, dass man Grenzen respektiert, weil man sonst alte Wunden aufreißt. Wir wollen nicht, dass unsere Verwandten schwere Situationen wiedererleben müssen, vor denen sie sich jahrelang beschützt haben. Am besten fragt man vor einem Gespräch: Ist das für dich in Ordnung, darüber zu sprechen?
Die Traum-Expertin
Sabine Lück ist psychologische Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und Systemische Familientherapeutin in eigener Praxis. Zusammen mit ihrer Kollegin Ingrid Alexander entwickelte sie 1994 den „Generation Code“, ein Konzept zur Behandlung transgenerativer Traumata.
Ihr Buch „Vererbtes Schicksal“, Penguin-Verlag, 368 Seiten, 22 Euro