Etliche Hundert Projektgegner haben beim Public Viewing die Präsentation des Stresstests verfolgt. Und wurden von Geißler überrascht.  

Stuttgart - Auch vor der Leinwand auf dem Stuttgarter Marktplatz, vor der sich gestern einige Hundert Stuttgart-21-Gegner versammelten, hat der überraschende Vorschlag des Schlichters Heiner Geißler in den frühen Abendstunden kurzzeitig für atemlose Stille gesorgt. Mit solch einer Kompromisslösung, den Kopfbahnhof in kleinerer Form zu erhalten und einen viergleisigen Tiefbahnhof darunter zu bauen, hatte keiner gerechnet – nicht die Teilnehmer der Präsentationsrunde im vierten Stock des Rathauses, und schon gar nicht die Aktivisten davor. „Aus welchem Hut hat er diesen Vorschlag gezaubert“, fragte einer der Demonstranten, nachdem der SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch auf die Marktplatzbühne geeilt war und kurz von dem Papier „Frieden für Stuttgart“ berichtet hatte, das Heiner Geißler plötzlich hatte verteilen lassen.

Viele der Projektgegner waren gestern schon einige Zeit vor der auf zehn Uhr angesetzten Eröffnungsrede des Schlichters Geißler zum Public Viewing vor dem Rathaus gekommen, um den „zweitwichtigsten Tag des Widerstands“, so der Schauspieler und Schwabenstreich-Initiator Walter Sittler, von Beginn an mitzuerleben: „Der wichtigste Tag ist der, an dem Stuttgart 21 endlich abgesagt wird.“ Dabei hatte sich die Bewegung wie bei anderen Großveranstaltungen auch wieder von ihrer kreativen Seite gezeigt und neben Trillerpfeifen und Tröten vor allem zahlreiche Transparente mitgebracht, um so ihren Unmut am Projektverlauf zu zeigen. „Wahrheit in Geißler-Haft“, war da etwa zu lesen, „Läuft doch wie geschmiert“ oder „Stuttgart 21 – jede Reise ein Stresstest“.

"4:0 für K 21"

Boris Palmer und Egon Hopfenzitz waren dabei die Akteure, die für die größten Beifallsstürme gesorgt hatten, als Sittler die Mannschaftsaufstellung der S-21-Gegner für das vermeintliche Finale auf der Bühne bekannt gab. Der Tübinger Oberbürgermeister also, der gestern für die Offensive zuständig war, und der ehemalige Bahnhofsvorsteher, der wegen seiner soliden Abwehrarbeit verpflichtet und für seinen Vortrag, in dem er die Betriebsqualität des geplanten Tiefbahnhofs bezweifelte, heftig beklatscht wurde.

Die Aussagen der Akteure auf der anderen Seite wurden dagegen von einem gellenden Pfeifkonzert begleitet, wie auch viele Kommentare des Schlichters. Etwa, als Heiner Geißler die Schweizer Gutachterfirma SMA als „über alle Zweifel erhaben“ vorstellte. Oder, als er den ersten Schlagabtausch der Parteien mit einem „0:0“ wertete – was mit einem „4:0 für K21“ seitens der Projektgegner beantwortet wurde.

Die meisten von ihnen hatten schon mehr als vier Stunden auf den Bierbänken vor der Großleinwand ausgeharrt, als nach der Mittagspause, in der die Parkschützer in Person ihrer Sprecher Matthias von Hermann und Carola Eckstein auf der Bühne mit einem überdimensionalen Rechenschieber Nachhilfeunterricht für Anfänger erteilten, endlich das viel diskutierte Leistungsgutachten präsentiert wurde. Vorgestellt wurde es vom SMA-Chef Werner Stohler selbst, der dem Gutachten noch ein paar Sätze über das Schweizer Unternehmen vorausschickte - die er aber keinesfalls "als Bandenwerbung verstanden" haben wollte, wie er betonte: "Wir sind ein unabhängiges Unternehmen, das der Objektivität und der Neutralität verpflichtet ist." Die Reaktion: Pfeifkonzert

Prosecco, Pizza, Widerstandsbier

Kaum ein Satz, der unter den Zuschauern auf dem Marktplatz nicht diskutiert oder kommentiert wurde, zwischen Pizzastücken, Prosecco und Widerstandsbier. "Der Protest gegen den Tunnelbahnhof ist ungebrochen, ob mit oder ohne Stresstest", betonte dann auch der Theaterregisseur Volker Lösch, der im Wechsel mit Walter Sittler und der Kabarettistin Christine Prayon in einem ziemlich roten Anzug die Moderation auf der Marktplatzbühne übernommen hatte. "Der Protest wird so lange weitergehen, bis Ramsauer dieses unterirdische Projekt aufgibt."

So wurde neben den bekannten Schlachtgesängen der Projektgegner vor allem immer wieder die K21-Hymne "Oben bleiben" skandiert, während der SÖS-Stadtrat und Sprecher des Aktionsbündnisses, Hannes Rockenbauch, im vierten Stock und auf der Leinwand erklärte: "Wir wollen keinen Stress. Wir wollen K21." Szenenapplaus.

Keine Zwischenfälle bei der Polizei

Für die Stuttgarter Polizei verlief der Tag derweil einigermaßen stressfrei. Weder die eingesetzten Vertreter des Antikonfliktteams, die vor Ort am Marktplatz sichtbar präsent waren, noch die Hundertschaft an Einsatzkräften, die vor allem wegen des Demozugs im Anschluss in Bereitschaft versetzt worden waren, hätten eingreifen müssen, so der Polizeisprecher Stefan Keilbach: "Es hat aus unserer Sicht keinen Zwischenfall gegeben."