Tragische Schicksale
Es ist Tag vier der Europameisterschaft in Deutschland. Fußball in Zeiten des seit Februar 2022 andauernden russischen Angriffskrieges auf ihre Heimat. Hanna Voronkina, Kiras Mutter, macht kein Geheimnis daraus, dass ihr der Ballsport in der Vergangenheit egal war. Inzwischen hat sich das geändert. Sie hofft, dass der Fußball mit seiner Prominenz auf dieser großen Bühne dazu beiträgt, das Leid in ihrer Heimat wieder gegenwärtiger zu machen. „Die ganze Welt muss den Namen Ukraine hören, weil niemand unser Problem vergessen darf“, sagt die 45-Jährige.
Sie nimmt sich während der Partie viel Zeit, erzählt gemeinsam mit ihrer Tochter von der Flucht und dem Leben in Deutschland. „Manchmal ist es okay, manchmal kompliziert“, sagt sie – vor allen Dingen in Bezug auf die Sprache, die sie neben Kursen auch beim Nebenjob in einer Kneipe lernt. „Es ist eine einfache Arbeit. Aber der Job hat mir geholfen. Ich lerne deutsch mit Deutschen um mich herum“, berichtet die 45-Jährige, die sich – ebenso wie ihre Tochter – bereits durchaus beachtlich in der Sprache ausdrücken kann.
Dass der Horror in der Heimat so lange andauert, damit habe sie anfangs nicht gerechnet. Der Moment, in dem sie beim Essen den Entschluss zur Flucht fassten, ist ihr sehr präsent: Die Ukrainerin ahmt das Vorbeifliegen zweier Flugzeuge mit einem Zischen nach, schildert, wie sie sich auf den Boden zu Tochter warf.
Die Angst vor der Rückkehr
„So war es“, sagt Kira wenig später mit klarer Stimme, als Geräusche am Himmel über Böblingen zu hören sind. „Lauter und schneller, nicht so“, korrigiert ihre Mutter, die in Nikopol, sieben Kilometer entfernt vom Kernkraftwerk Saporischschja, aufgewachsen ist. 25 Jahre lang lebte die Familie dann in Dnipro, einer Großstadt im Osten des Landes. Bis heute sind sie nie wieder vor Ort gewesen. „Ich habe Angst“, sagt sie offen.
Ihr Vater blieb damals ebenso wie ihr Mann, für Hanna Voronkina folgte gemeinsam mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern – die ältere ist heute 25 – die Flucht. Über Polen und Berlin erreichten sie Stuttgart. Letztlich ging ihre Reise nach Böblingen weiter, wo eine Freundin lebte. Ihr weiterer Weg führt sie in ein Zweifamilienhaus nach Dagersheim. Und am Montagnachmittag an das Bootshaus, wo sie auf Tore und einen Sieg für die Ukraine hoffen.
Heimatnähe durch den Fußball
Die beiden warten bei der 0:3-Niederlage im ersten Gruppenspiel aber ebenso vergeblich auf Treffer ihrer Elf wie Olena Maluk, die das Spiel wenige Meter weiter gemeinsam mit ihrem Partner Baltaci Köksal und ihrer Böblinger Nachbarin Anastasia Tiskovets verfolgt. Die Kinder der Ukrainerinnen sind ebenfalls dabei. In der Heimat waren auch sie seit dem Abschied nicht mehr. Doch der Fußball kann diesen Schmerz ein wenig lindern. Denn Siege und Tore beim Fußball können sie in der aktuellen Situation trotz aller Umstände glücklich machen. Andererseits kann die EM-Teilnahme auch aus ihrer Sicht dafür sorgen, dass der Krieg nicht vergessen wird. „Dadurch fühle ich mich unserem Zuhause näher“, erklärt Olena Maluk und erhält Zustimmung von Anastasia Tiskovets. Seine Freundin habe sich nach ihrer Ankunft in Deutschland nur schwer eingefunden, inzwischen funktioniere es langsam besser, erklärt Baltaci Köksal. Seit dieser Woche arbeitet die 38-Jährige in einem Friseursalon. Den Beruf lernte Olena Maluk in ihrer Heimat.
Wie sich die Situation künftig entwickelt, vor dieser Frage stehen unzählige Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind. „Der Optimismus ist da“, sagt Maluk. Hanna Voronkina war nur anfangs optimistisch, dass sich die Lage bald bessert. Inzwischen glaubt sie nicht mehr daran. „Wir hoffen es, aber die Situation wird schlechter und schlechter“, berichtet die zweifache Mutter von Nachrichten, die sie aus der Ukraine erreichen. Einem Land, das den Fans mit seinem Team bei der EM ein Lächeln schenken und gleichzeitig an ein Land im Kriegszustand erinnern kann.