Die kommende Fußball-Weltmeisterschaft beschäftigt Barbara Schreiber schon eine ganze Weile, nun hat sie einen Entschluss gefasst: „Maulwurf gegen Katar!“ heißt die Devise der Wirtin, in ihrer Kneipe in Stuttgart-Vaihingen wird keines der Spiele übertragen werden. „Wir möchten kein Teil dieser Weltmeisterschaft sein, die in jeder Hinsicht gegen alles steht, was für uns Fußballfans die WM ausmacht“, erklärt sie. Auch im Schlesinger bleiben die Fernseher aus, wenn am 20. November Katar gegen Ecuador angepfiffen wird – und bis zum Finale am 18. Dezember. Bei Manfred Schuster vom Zum Dortmunder kommt ebenfalls keine WM-Euphorie auf, das Turnier will er seinen Gästen trotzdem nicht vorenthalten.
Bereits im Mai verkündeten Kölner Wirte den Boykott
Kölner Wirte waren im Mai die ersten, die dem Aufruf „Boycott Qatar“ folgten, in dessen Logo das Q ein in Ketten gelegter Fußball ist. In den Südstadt-Lokalen Chlodwig Eck und Lotta wird das Turnier ignoriert. Die Göttinger Fußball-Publizisten Bernd Beyer und Dietrich Schulze-Marmeling, die ein Buch zur Vergabe des Turniers im eigenen Verlag verfasst haben, starteten die Kampagne. Fanclubs vom FC Bayern, St. Pauli, Schalke sowie die Stuttgarter Junxx, die schwul-lesbischen VfB-Fans, unterstützen sie unter anderen. Vergangene Woche hat sich die Düsseldorfer Altstadt-Kneipe Retematäng Bar auch „schweren Herzens dazu entschieden“, dem Boykott zu folgen.
In Stuttgart ist Barbara Schreiber die Pionierin des WM-Verzichts. Weitere Anlaufstellen wie die Kneipen Carambolage oder Palm Beach waren an ihrem Ruhetag am Montag nicht zu erreichen. Alle Punkte, die es am internationalen Fußballbetrieb zu kritisieren gibt, hätten mit der Vergabe der WM an Katar „eine neues Niveau“ erreicht, erklärt sie ihren Entschluss. In dem arabischen Land, das von einem Prinz regiert wird, gebe es keine Fußballaffinität, keine Fankultur, keine Wurzeln des Sports. Aus Sicht der Fans sei die WM ein Fußballfest, das in Doha deshalb nicht gefeiert werden könne. Nur aus finanziellen Gründen werde das Turnier dort ausgetragen und sogar der Termin vom Sommer auf die Adventszeit verschoben, kritisiert sie. „Es zeigt einmal mehr, dass der Fußball zweit- oder drittrangig ist, und das widerstrebt mir als Fußballfan“, sagt Barbara Schreiber.
Menschenrechtsverletzungen und ungeklärte Todesfälle
Martin Arnold vom Schlesinger führt die Menschenrechtsverletzungen als weiteren Grund an, die es beim Bau von Stadien und Infrastruktur in Katar gegeben hat. Tausende Arbeiter seien unter ungeklärten Umständen gestorben und verletzt worden, hätten ihren Lohn nicht erhalten oder wurden um Vermittlungsgebühren erpresst. „Wir sind bei dem Boykott auf jeden Fall dabei“, sagt er über sich und seinen Geschäftspartner Heribert Meiers. Nur weil ihr Lokal aufgrund der Baustelle im Parkhaus seit vier Wochen und bis mindestens Mitte September geschlossen ist, stand das Thema nicht im Mittelpunkt.
„Wir sind eine Fußballkneipe, dafür sind wir bekannt und das pflegen wir“, sagt Manfred Schuster vom Zum Dortmunder. Beim Fußball würde es in allen Ligen immer nur ums Geldverdienen gehen, daran könnten die Fans nichts ändern. „Alle finden es doof, dass die WM in Katar stattfindet, anschauen werden sie die Spiele trotzdem“, fasst er die Gespräche an seiner Theke zusammen. Er hat Zweifel, ob überhaupt viele Zuschauer kommen. Seit der Coronapandemie hat sich die Zahl der Gäste im Zum Dortmunder halbiert – aus Angst vor Ansteckung, Bequemlichkeit und weil das Homeoffice vielen Nordrhein-Westfalen den Rückzug in ihre Heimat ermöglichte. Auch bei der letzten Europameisterschaft sei die Resonanz dürftig gewesen. Konsequenzen zieht er dennoch: „Auf Fankultur und WM-Tamtam verzichten wir“, erklärt der Wirt. Fahnen werden im Zum Dortmunder nicht aufgehängt, die Runde Schnaps bei einem Tor für Deutschland fällt aus.
Ein „lustiges Gegenprogramm“ ist in Planung
Barbara Schreiber hat für ihren Schritt bislang nur Lob bekommen. „Sehr starke Aktion“ kommentiert ein Stammgast auf Facebook, „wir sind stolz auf euch.“ Sie hofft auf einen Nachmacheffekt. Denn niedrige Einschaltquoten könnten ein Umdenken auslösen, für die Sponsoren der Weltmeisterschaft wäre es jedenfalls ein deutliches Zeichen. Außerdem will die Wirtin, die bei jeder Meisterschaft „mit Herzblut, Begeisterung und Einsatz“ dabei war, dieses Mal „ein lustiges Gegenprogramm bieten“.