Pulse of Europe in Stuttgart Flagge zeigen für Europa

Von Andrea Jenewein 

Die Bürgerinitiative Pulse of Europe ist nicht gegen, sondern für etwas – nämlich Europa. Und sie wächst beständig: in Deutschland, Europa, aber auch in Stuttgart. Immer sonntags wird auf dem Schlossplatz Flagge gezeigt.

Der Stuttgarter Schlossplatz   wird dominiert von den Farben der Europaflagge:  Zu der ersten Demo von Pulse of Europe am 26. Februar  kamen 250 Menschen. Foto: Lichtgut/Verena Ecker
Der Stuttgarter Schlossplatz wird dominiert von den Farben der Europaflagge: Zu der ersten Demo von Pulse of Europe am 26. Februar kamen 250 Menschen. Foto: Lichtgut/Verena Ecker

Stuttgart - Am Anfang war der Frust. Frust darüber, dass derzeit alle gegen etwas sind: gegen Flüchtlinge, gegen Demokratie, gegen Europa. Dass meist nur die laut aufschreien, die eine Anti-Haltung einnehmen, entspricht dem Zeitgeist – oder schlicht der menschlichen Natur. Doch es entspricht nicht Sven Rühle.

Der 51-Jährige ist ein Europabefürworter. Er wollte dem Frust, der sich ob all der lautstarken Neinsager bei ihm breitzumachen drohte, etwas Positives entgegensetzen. Nur wie? „Mein Chef machte mich auf Pulse of Europe aufmerksam“, sagt Rühle, der als Projektmanager bei Bosch arbeitet. Er informierte sich über die Ende 2016 von einem Frankfurter Anwaltspaar gegründete Bürgerinitiative, die sich dafür einsetzt, dass es weiterhin ein vereintes, demokratisches Europa gibt. „Ich hatte gleich das Gefühl, da kann ich was bewegen.“

Keine Europa-Romantiker

Also schrieb Rühle nach Frankfurt und erfuhr, dass in Stuttgart eine Gruppe im Entstehen begriffen war. Er nahm Kontakt mit der Initiatorin Annette Rueß auf, ein erstes Treffen mit einem kleinen Team kam am 19. Februar zustande – nur eine Woche vor der ersten Demonstration auf dem Schlossplatz. Viel Arbeit galt es in kurzer Zeit zu erledigen: Die Demonstration musste angemeldet werden, Flyer und Plakate mussten gedruckt, Flaggen und Luftballons organisiert und die Öffentlichkeit musste mobilisiert werden. Bis heute seien die rund zwölf Organisatoren im Stuttgarter Team jeweils zehn bis 15 Stunden pro Woche mit Pulse of Europe beschäftigt.

Die Mühen zeigen Erfolg. Kamen bei der ersten Veranstaltung am 26. Februar 250 Demonstranten, waren es bei der zweiten schon 350 und bei der dritten sogar 500 Personen. Ähnlich rasant wächst die Zahl der teilnehmenden Städte in Europa. Mittlerweile sind es mehr als als 50. Rühle: „Es geht vielen Menschen so wie mir: Sie wollen, dass Europa bestehen bleibt – trotz aller Schwächen.“ Er sieht sich keinesfalls als Europa-Romantiker. Reformationsbedarf bestehe sehr wohl. Rühle nennt einige der Forderungen, die bei den Demos als Stichworte auf Pinnwänden gesammelt wurden: Die EU-Bürokratie wird dort als Monster bezeichnet und mehr Bürgernähe und Transparenz gefordert.

Es gibt noch keine fertige Vision

Ideen werden also demokratisch gesammelt – eine fertige Vision von einem noch besseren Europa gebe es indes noch nicht. Das sei dem Phänomen geschuldet, dass die Bürgerinitiative schnell gewachsen sei. „Wir wissen noch nicht im Detail, wo wir hinwollen“, sagt Rühle, „das müssen alle Organisatoren zusammen mit den Frankfurtern besprechen.“ Ein Treffen sei für April geplant. Die Kunst, so Rühle, werde sein, etwas zu verändern, ohne von einer Partei gekapert zu werden.

Momentan sei Pulse of Europe vor allem ein Zeichen, „aber ein Zeichen, das deutlich leuchtet“. Denn nicht nur in den Medien wird Pulse of Europe häufig aufgegriffen, auch im Bundestag wurde die Initiative und ihre positive Haltung bereits mehrfach thematisiert. „Nun, wir sind natürlich auch gegen etwas“, sagt Rühle. Gegen Populismus etwa und gegen den Brexit. Doch statt gegen etwas zu demonstrieren, wenn es schon längst zu spät sei, demonstriere Pulse of Europe im Vorfeld anstehender Wahlen für etwas: Europa. In den Niederlanden ist der gefürchtete Rechtsruck ausgeblieben. „Es wäre vermessen, uns das zuzuschreiben“, sagt Rühle. „Vielleicht können wir aber dazu beitragen, dass auch in Frankreich und Deutschland viele Leute zur Wahl gehen. In den Niederlanden waren es 80 Prozent – auch dadurch können die Rechtspopulisten verhindert werden.“

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