Pumpspeicherkraftwerk Atdorf Einspruch im Namen der Spanischen Flagge

Von kew 

Nach Stuttgart 21 ist es das größte Behördenverfahren im Land: Im Hotzenwald soll ein riesiges Pumpspeicherwerk entstehen. Die Projektbetreiber sprechen von einem Beitrag zur Energiewende, Naturschützer klagen, mehr als 50 Tierarten wären bedroht.

Mehr als 50 Tierarten müssten zu Grabe getragen werden, wenn der Pumpspeicher gebaut würde, klagen Naturschützer. Foto: dpa
Mehr als 50 Tierarten müssten zu Grabe getragen werden, wenn der Pumpspeicher gebaut würde, klagen Naturschützer. Foto: dpa

Wehr - Ursula Schöneich steht im Schneegestöber vor der Sporthalle in Wehr (Kreis Waldshut) und hält ein Trauerplakat in der Hand. Schwarz umrandet ist darauf ein Schmetterling zu sehen. „Spanische Flagge“ haben die Zoologen das farbenfrohe Tierlein benannt. „Als Kind habe ich ihn hier im Haselbachtal mit dem Kescher gefangen und für die Raupen Brennnesseln gesammelt“, erzählt die 57-jährige Aktivistin des Bad Säckinger Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Heute sei das ja verboten und ohnehin ein schwieriges Unterfangen geworden. Die Spanische Flagge ist vom Aussterben bedroht und steht auf der Vorwarnliste.

Im Südschwarzwald könnte der Lebensraum des Schmetterlings bald unter einer dicken Betonschale verschwinden und geflutet werden und ebenso derjenige der streng geschützten Mopsfledermaus, der Gelbbauchunke oder der Groppe, einem Fisch, der die sauberen Gebirgsbäche des Hotzenwalds schätzt. Sollten die Pläne des örtlichen Schluchseewerks realisiert werden, stünden mehr als 50 Arten auf dem Spiel, warnt die BUND-Landesgeschäftsführerin Sylvia Pilarsky-Grosch. Dann setzt sie sich in der Halle zu den anderen Verbandsvertretern. Vom Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband bis zum Schwarzwaldverein eint sie ein Ziel: Das ­geplante Pumpspeicherkraftwerk muss verhindert werden.

Kosten: 1,6 Milliarden Euro

Es ist ein Behördenverfahren der Superlative, das Jörg Gantzer, der Erste Landesbeamte des Landkreises Waldshut, zu verantworten hat. 1,6 Milliarden Euro will das zum EnBW-Konzern gehörende Schluchseewerk investieren. Seit acht Jahren wird geplant, 124 Aktenordner mit Plänen und Gutachten wurden im Sommer in den Rathäusern und im Internet zur Einsichtnahme ausgelegt, 1285 Einwendungen von Privatpersonen, Gemeinden und Verbänden nahm die Waldshuter Behörde entgegen, auf 10 000 Seiten summiert sich die Erwiderung des Schluchseewerks. All dies soll nun in den kommenden drei Wochen in Wehr öffentlich aufgearbeitet werden. Sogar samstags wird verhandelt. Die Sportler hat Bürgermeister Michael Thater (parteilos) so lange ausquartiert.

Die Stimmung kippt

Das Schluchseewerk hat am Hochrhein einen guten Ruf. In Laufenburg betreibt es ein Wasserkraftwerk, nördlich von Bad Säckingen läuft schon seit Jahrzehnten geräuschlos ein weiteres Pumpspeicherwerk. So war die Stimmung gegenüber dem Projekt zunächst durchaus wohlwollend. In Rickenbach sprach sich bei einer Bürgerbefragung im Jahr 2010 eine knappe Mehrheit für die Pläne aus. Im Nachbarort Herrischried herrschte Skepsis, die Ablehnung war allerdings keineswegs deutlich.

Das hat sich geändert, seit die „schädlichen Auswirkungen des Vorhabens“ offenbar geworden seien, sagt der Rickenbacher Bürgermeister Dietmar Zäpernick (SPD). Die gesamte Landschaft könne sich massiv verändern. Bis zu 1000 Quellen, sagen Umweltschützer, könnten versiegen, Magerwiesen die heutige Landwirtschaft unmöglich machen. Für seine Kurstadt bringe das Projekt „gravierende Nachteile“, betont auch der Bad Säckinger Bürgermeister Alexander Guhl (SPD). Die Heilquellen seien in Gefahr, das Haselbachtal als wichtigstes Naherholungsgebiet („Das ist unser Kurpark“) werde zerstört, der Tourismus als Hauptwirtschaftszweig der 16 000-Einwohner-Stadt beeinträchtigt. Zudem werde die städtebauliche Entwicklung durch den immensen Bedarf an Ausgleichsflächen nahezu unmöglich gemacht. Wie das Projekt mit dem geplanten und allgemein gewünschten Bau der Hochrheinautobahn vereinbar sein solle, stehe in den Sternen.

Enteignung für ein Privatunternehmen?

„Aus Vertrauen ist Misstrauen geworden, aus Neugierde Angst, aus Offenheit Ablehnung“, fasst es der Herrischrieder Bürgermeister Christof Berger (parteilos) zusammen. Einstimmig hat sein Gemeinderat das Schluchseewerk aufgefordert, die Pläne zu den Akten zu legen. Man werde keinen Quadratmeter kommunalen Grund dafür opfern, stellten die Räte klar. Auch viele private Grundstückseigentümer wollen nicht verkaufen. Ob für das Projekt enteignet werden kann, ist unter Juristen umstritten. Es handele sich um ein privatwirtschaftliches Projekt, es gehe aber ebenso um die öffentliche Daseinsvorsorge, sagt der Projektleiter Christoph Giesen. „Wir wollen einen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten.“

Die meisten der angesprochenen Probleme sieht das Schluchseewerk gelöst. Die Überschneidung mit der geplanten A 98 sei bereits im Raumordnungsverfahren geklärt worden. Sollten Quellen und Brunnen versiegen, könne eine Fremdwasserversorgung aufgebaut werden. Auf die gleiche Art wolle man auch wertvolle Fließgewässer sichern, sagt Giesen. Und auch um den Fremdenverkehr sei ihm nicht bange, sagt der Pressesprecher Peter Steinbeck. „Es gibt heute einen großen Techniktourismus.“

Mit dem Planfeststellungsbeschluss rechnen die Schluchseewerke nicht vor 2019. Für den Fall der Genehmigung werde man klagen, kündigt Klaus Stöcklin von der örtlichen Bürgerinitiative an. Der Baubeginn werde wohl nicht vor 2026 erfolgen, sagt Steinbeck. Die Fertigstellung wäre dann 2032. Das passe gut, sagt Steinbeck. Genau dann solle der Ökostromanteil im Energiemix 55 Prozent betragen.