Pumpspeicherwerk im Hotzenwald Still ruht der See

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Eigentlich will niemand im Hotzenwald das riesige Pumpspeicherwerk haben. Dennoch ist der Protest gegen das Milliardenprojekt bei Atdorf bisher ziemlich leise. Wird wie bei Stuttgart 21 der richtige Augenblick verpasst?

In unmittelbarer Nachbarschaft des bestehenden Hornbergbeckens (hinten) soll auf dem Abhau ein zweites, noch größeres Becken entstehen. Dort steht momentan noch Wald. Foto: Schluchseewerk
In unmittelbarer Nachbarschaft des bestehenden Hornbergbeckens (hinten) soll auf dem Abhau ein zweites, noch größeres Becken entstehen. Dort steht momentan noch Wald. Foto: Schluchseewerk

Bad Säckingen - Oberhalb von Wehr im Landkreis Waldshut grasen Schafe und Ziegen unter ein paar Obstbäumen. „Eigentlich dachte ich, dass man solche Streuobstwiesen erhalten möchte“, sagt der Eigentümer. Doch nun kam da dieses Schreiben vom Schluchseewerk. „Wir haben Ihr Grundstück als Ausgleichsfläche vorgesehen“, erfuhr der 67-Jährige. Die Wiese, so der Plan, soll ökologisch noch ein wenig wertvoller werden – „eventuell mit Steinhaufen und so“, hat der Mann erfahren. Natürlich gebe es eine Entschädigung. Kaufen oder wegnehmen wolle man ihm das Grundstück aber nicht, habe ihm ein Berater des Energieunternehmens versichert. Doch der Mann wittert „eine Enteignung durch die Hintertür“. „Was nutzt dir ein Grundstück, das du nicht mehr als Weide nutzen kannst, auf dem du keinen Baum mehr setzen darfst und das nur zu bestimmten Zeiten ­betreten werden darf?“

So wie ihm geht es vielen im Hotzenwald, wie der Südschwarzwald oberhalb von Bad Säckingen heißt. Fast 1500 Grundstückseigentümer hat das Schluchseewerk in den vergangenen Wochen angeschrieben und aufgefordert, bis zum 13. Juni ihre Einwendungen vorzubringen. Sie alle sind von einem Vorhaben betroffen, von dem Jörg Gantzer, Vizelandrat im Waldshuter Kreishaus, sagt, es sei nach Stuttgart 21 das größte Behördenverfahren in der Geschichte des Landes.

Oben auf dem 1000 Meter hoch gelegenen Höhenrücken Abhau bei Atdorf, plant das Tochterunternehmen von EnBW und RWE Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk. Es soll ein Beitrag zur Energiewende sein, und doch sind umfangreiche ökologische Ausgleichsmaßnahmen nötig. Dazu werden Flächen im Südschwarzwald bis nach Löffingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald), Rheinfelden (Kreis Lörrach) und Klettgau am östlichsten Zipfel des Kreises Waldshut herangezogen.

Kompliziertes Verfahren

Der Abhau ist der höchste Punkt im Hotzenwald. Ein zweites Becken soll mehr als 600 Meter tiefer bei Bad Säckingen entstehen. „Einen solchen Höhenunterschied auf nur 25 Kilometern Entfernung finden Sie selbst im Schwarzwald nirgendwo“, sagt Peter Steinbeck vom Schluchseewerk. Und der Höhenunterschied ist wichtig. Sonst müsste das Wasservolumen bei der anvisierten Leistung von 14 Gigawatt – vergleichbar dem Atomkraftwerk von Neckarwestheim – deutlich größer ausfallen. Gleichwohl fassen die beiden künstlichen Seen je neun Milliarden Liter. Knapp 1,4 Kilometer lang und 685 Meter breit soll die Betonschüssel auf dem Abhau werden. Im Tal braucht es eine Staumauer, die das ­Säckinger Münster mit seinen beiden Türmen um drei Meter überragen würde. Nach der Fertigstellung werde das Pumpspeicherwerk aber absolut emissionsfrei arbeiten, verspricht Steinbeck. Still ruht der See – nur zum Baden lädt er nicht. Im Betrieb wird der Wasserspiegel innerhalb von zehn Stunden um bis zu 40 Meter absacken oder ansteigen. So starke Gezeiten gibt es nicht mal am Atlantik.

Jörg Gantzer, der als Erster Landesbeamter das Genehmigungsverfahren verantwortet, spricht derweil von „juristischem Neuland“. Zwar gibt es im Hotzenwald bereits zwei Pumpspeicherwerke, doch die stammen aus grauer Vorzeit. „Beim Eggbergbecken umfasste der ganze Genehmigungsbescheid 30 Seiten“, sagt der Vizelandrat Gantzer. Jetzt geht das Schluchseewerk mit 124 Leitzordnern in die Auslegung. Seit Monaten sind sechs Verwaltungskräfte im Landratsamt für das Projekt abgestellt. Am Ende dürfte eine Verwaltungsgebühr in Millionenhöhe fällig werden.

Das anstehende Verfahren ist kompliziert. Das Oberbecken wird nach Umweltrecht, das Unterbecken nach Wasserrecht, die Stromtrasse nach dem Energieleitungsgesetz beurteilt. Gestandene Verwaltungsjuristen bekommen da glänzende Augen. „Neulich sagte mir ein Kollege, er beneide mich um den Fall“, sagt Reinhard Sparwasser. Der Freiburger Verwaltungsrechtsprofessor hat unlängst die Bahn geärgert, als er Umplanungen am dritten und vierten Gleis der Oberrheinstrecke erzwang. Jetzt soll er die Interessen der Anrainergemeinden vertreten. Das Schluchseewerk setzt auf die Expertise von Dolde & Mayen. Das Stuttgarter Büro liegt im aktuellen Kanzlei­monitor für den Bereich Baurecht bundesweit auf Platz drei. Und auch der Berliner Rechtsanwalt Philipp Heinz, den die Bürgerinitiative angeheuert hat, kann den ein oder anderen Skalp vorweisen. So verhinderte er im nordrhein-westfälischen Datteln den Bau eines Braunkohlekraftwerks.