Punk auf dem Killesberg in Stuttgart Campino liest, singt und erzählt von wilden Zeiten

Campino auf dem Killesberg – an Stuttgart hat er viele Erinnerungen, die er mit dem Publikum teilte. Foto: Lichtgut - Ferdinando Iannone/Ferdinando Iannone

Auf dem Killesberg unterhält Campino mit einer Mischung aus Musik und Lesung. Der Tote-Hosen-Frontmann erzählt dabei von verwüsteten Restaurants in Stuttgart und stellt einer Weinschorle ein vernichtendes Zeugnis aus.

Stuttgart - Campino weiß, wo er steht: Mit einem Fuß in England, dem anderen in Deutschland, auf der Seite des FC Liverpool und, am Freitagabend, auf der Freilichtbühne Killesberg, in Stuttgart. In Stuttgart war er oft schon zu Gast – zuerst mit ZK, der Vorgängerband der Toten Hosen: „1980 war das, spätestens 1981… In der Mausefalle, einem Stripclub in der Innenstadt.“

 

Campino, berauschenden Getränken auch vor 40 Jahren nicht sehr abgeneigt, mag sich da etwas unscharf erinnern – dass seine Schwester Judith Frege lange Zeit mit festem Engagement am Stuttgarter Ballett tanzte, weiß er sicher. Details über die spanischen Restaurants, die die Toten Hosen nach Stuttgarter Konzerten demolierten, gibt er nicht preis – nur so viel sagt er: „Die waren uns nie böse, und das war richtig rührend.“

Stuttgart und die Toten Hosen jedenfalls – das muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. „Wir waren natürlich sofort begeistert von der Stadt“, sagt Campino, blickt zurück und lacht. „Wir haben ne Menge gutes Zeug hier erlebt.“ Dann, nach einem ersten Song, gemeinsam mit Kuddel, dem linkshändigen Gitarristen der Toten Hosen, ergreift er das Glas, das vor ihm steht, wendet sich der Gegenwart zu: „Mal checken, was die Stuttgarter Weinschorle so kann.“ Kurze Pause. „Hm. Boah! Damit müsst ihr leben? Das ist bestimmt von diesem Weinberg, drüben, gleich beim Bahnhof…“.

Kuddel im Schlepptau

„Hope Street“, so heißt der Song, mit dem Kuddel und Campino den Abend eröffneten, und so heißt auch Campinos erstes Buch, erschienen im Oktober 2020, ein Bestseller mit dem Untertitel „Wie ich einmal englischer Meister wurde“. Campino berichtet darin von seiner Jugend, spricht über seine Eltern, über seinen preußisch erzogenen Vater und seine Mutter, eine Oxford-Absolventin, über Reisen nach England, vor allem aber über Reisen auf den Spuren seines liebsten Fußballvereins. Die raubeinige, manchmal nachdenkliche, oft launige, mitreißende Autobiografie eines Stars, der immer auch ein Fan war. „Es geht darum, was man für Sehnsüchte hat, wie man immer versucht, dabei zu sein, obwohl es oft nicht geht. Liverpool war in meiner Jugend und Kindheit so weit weg wie der Mond oder der Mars.“

Viel Zeit also verbringt Campino an diesem Abend am Tisch, sein Buch in Händen, hinter sich Fahnen aus England, aus Liverpool, an seiner Seite Kuddel, der sich, wenn Campino liest, gemütlich zurücklehnt, der ihn begleitet, auf akustischer oder elektrischer Gitarre, wenn er singt. Nur wenige Titel der Toten Hosen haben die beiden im Programm, darunter den einen, den Campino für den allergrößten hält, der zu Beginn der 1990er Jahre jedoch ungehört auf einer B-Seite der Band verschwand, und der die Leiden eines jungen Fußballfans beschreibt: „Long Way from Liverpool“, so heißt er.

Hinzu kommen einige Favoriten Campinos von anderen Künstlern – „You’re no good“, geschrieben von Clint Ballard Jr., 1963, „If we never meet again this side of heaven“, das Campino zuerst in einer Version von Johnny Cash hörte, und natürlich „Ferry Cross the Mersey“ von Gerry and The Pacemakers, die auch die Hymne des FC Liverpool sangen, mit der Campino sein Publikum zuletzt nachhause schicken wird: „You’ll never walk alone“.

Mit zwölf das Rauchen abgewöhnt

Und so gibt es, zwischen all den Geschichten, auch jene Momente, in denen Campino sich grinsend das Mikrofon greift, breitbeinig seine kratzige Stimme auf den Platz hinausschickt. Immer wieder aber kehrt er an den Tisch zurück, erzählt davon, wie er sich im Alter von zwölf Jahren das Rauchen abgewöhnte, wie er als Liverpool-Fan durch Neapel spazierte, unzählige große Moretti-Biere und Ramazottis schluckte, glaubte, zu sehen, wie Sophia Loren in einer Gasse der Stadt Wäsche aufhängte und schließlich bei einer Weltmeisterschaft der Pizzabecker landete.

Wilde Geschichten, denen der ernste Campino gegenübersteht, der über seine Eltern nachdenkt, sie gerne noch vieles fragen würde. 2004 wurde er selber Vater, 2022 wird er seinen 60. Geburtstag feiern. Ein wenig geläutert sagt er heute: „Es ist nicht immer alles besser, nur weil man es anders macht.“

Eine letzte Zugabe haben Campino und Kuddel sich für Stuttgart aufgehoben. 1983 hielt sich der Song „Eisgekühlter Bommerlunder“ für drei Wochen in der Hörerhitparade des Süddeutschen Rundfunks. Campino ist sich noch heute sicher, dass es dieselben vier oder fünf Punks waren, die den Titel seinerzeit immer wieder wünschten, und er glaubt fest daran, dass sie auch 2021 in seinem Publikum sitzen. Gemeinsam mit Kuddel spielt er das schlichte Trinklied schneller und nochmals schneller – es endet, so wie man das kennt, mit wildem Geschraddel und einem Aufschrei. Dann schreitet Campino zur Signierstunde, auf dem Killesberg.

Zur Person

Campino
wurde am 22. Juni 1962 als Andreas Frege in Düsseldorf geboren. Sein Vater war Richter, seine Mutter geborene Engländerin; er hat fünf Geschwister, darunter die Tänzerin und Autorin Judith Frege. Von 1978 bis 1982 war er Sänger der Düsseldorfer Punkband ZK; 1983 war er Mitbegründer der Toten Hosen. Seit März 2019 besitzt er neben der deutschen auch die britische Staatsbürgerschaft. Kuddel wurde als Georg Andreas Christian von Holst 1964 in Münster geboren, ist Gitarrist und Songwriter der Toten Hosen.

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