Punkkonzert Bei „Unrockbar“ rockt ganz Sindelfingen
Die „Toten Ärzte“ aus Hamburg lockerten den Sindelfinger Marktplatz mit der Musik von zwei großen Vorbildern auf. Und das kam gut an.
Die „Toten Ärzte“ aus Hamburg lockerten den Sindelfinger Marktplatz mit der Musik von zwei großen Vorbildern auf. Und das kam gut an.
Die Mittwochabende, an denen Sindelfingen rockte, ob mit AC/DC, Coldplay oder Bon Jovi, waren bislang trocken, sonnig, schön, mit menschenvollem Marktplatz. In dieser Woche rockt die Stadt den Platz erneut, an einem trüben, leicht regennahen Abend im August. Und obschon das Wetter eine durchaus passende Kulisse zu einem solche Schauspiel liefern würde – bei den „Toten Ärzten“ handelt es sich keinesfalls um eine Horde zombifizierter Orthopäden oder HNO-Spezialisten, sondern um begabte Nachahmer der tollsten deutschen Bands zwischen Rock und Pop und Punk. Auf dem Programm steht die Musik der Toten Hosen und der Ärzte. Jey Petersen allerdings, ein Hüne in kurzen Hosen und verwaschenem Union-Jack-Jackett, ist sehr blond und blass und seine Augen scheinen tief in ihren Höhlen zu liegen – ein punkig kultivierter Frankenstein-Look könnte das schon sein. Jey spielt den Bass, singt manchmal die erste Stimme, zumeist aber, mit schrillem hohem Ton, im Hintergrund.
Das DRK ist vor Ort, mit zwei Fahrzeugen, erst fünf, dann vier Kräften, die an der guten Stimmung auf dem Platz teilhaben und sich nur um weniges kümmern müssen. „Sachen, die bei so großen Menschenmengen eben vorkommen, aber keine Notfälle.“ Der Lions-Club Sindelfingen/Weil der Stadt indes sammelt, wie schon an den vorhergehenden Sindelfinger Rock-Abenden, Spenden, indem er die Besucher des Events um ihre Pfandmarken bittet – an jedem Abend kamen auf diese Weise bislang mehr als 2000 Euro für einen wohltätigen Zweck zusammen, für den Hospizverein der Region Böblingen-Sindelfingen.
Für Pfand wird gewiss nicht wenig Geld ausgegeben, auch beim Konzert der „Toten Ärzte“. Die toten Hosen und die Ärzte haben treue Fans. Marion und Blanka, die eine aus Sindelfingen, die andere aus Stuttgart, verzehren in einer Pause der großen Ärzte-Hosen-Show gemeinsam Stracciatella-Eis und sind sehr zufrieden mit der Stimmung, der Atmosphäre, der Musik: „Das war meine Jugendzeit. Es gibt nix Besseres!“
Auf der Bühne machen sich die „Toten Ärzte“ daran, ihr Abenteuer fortzusetzen, spielen Stücke der einen und der anderen Vorbild-Band im Wechsel, würzen alles mit eigenem Humor und Einfällen. Ihr Frontmann ist Sebastian Zierof alias Basti Z – er sang lange beim Udo Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“, er überzeugte bei „The Voice of Germany“, und er hat nun jede Menge Spaß in Sindelfingen, tänzelt, springt in die Luft, kickt in die Luft, wirbelt herum in einer zerschlissenen Jeansjacke. Die „Toten Ärzte“ spielen einen unkomplizierten, geradlinigen Sound, der ganz auf Gitarre, Bass, Schlagzeug ruht, nah am Publikum bleibt und die Stimmung dort energisch in die Höhe treibt. Nur als sie herzlich boshaft einen Hosen-Hit des Jahres 2000 vortragen und singen: „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“ – da könnte der Enthusiasmus vor der Bühne gefühlt doch ein bisschen größer sein. Woran das liegen mag? Viel besser geht es bei „Männer sind Schweine“, das gleich danach kommt. Die Gitarre rockt hart, der Sänger schmeichelt und schimpft und beim Refrain singen tausend Frauen mit. „Wo ist die Liebe am Platz?“, ruft Basti Z fast heiser.
Dann kommt „Westerland“ und alle machen „Oh Oh Oh“. Das Stück bleibt zahm, romantisch, bis Jey Petersen ruft: „Möchtet ihr, dass das jetzt losgeht?“ Der Marktplatz jubelt ein lautes „Ja!“, und es geht los. Basti Z steigt später, bei den zehn kleinen Jägermeistern der toten Hosen, ins Publikum hinab und führt eine Polonaise an, die ihre Bahn durchs Publikum zieht.
„Unrockbar“ von den Ärzten haben die „Toten Ärzte“ vollgepackt mit Zitaten. Da zuckt zuerst der AC/DC-Song „Highway to Hell“ über den Marktplatz und man hört, dass das auch den Sindelfingern gefällt. Sehr sogar. Sie sind kaum zu bremsen. Später kommt ein bisschen Schlager noch dazu. All die großen Hits haben die „Toten Ärzte“ schon gespielt, haben mit ihrer überdrehten, frechen und sympathischen Show das Publikum gewonnen. „Alles aus Liebe“ ist ihr Abschiedssong, vorerst, aber natürlich kommen sie wieder. Es gibt ein großes Schlagzeugsolo, Sänger Bastian klettert flink am Bühnengerüst hinauf und singt droben weiter. Die Band aus Hamburg lässt sich fotografieren mit ihrem schwäbischen Publikum im Rücken. Die „Toten Ärzte“ müssen schließlich gehen, sie wollen es nicht, das spürt man – und der Regen wartet, bis sie weg sind.