„Pure Bliss“ am Stuttgarter Ballett Getanzte Glückseligkeit

Szene aus der Choreografie „Aurora’s Nap“, die in Stuttgart im Rahmen des Ballettabends „Pure Bliss“ uraufgeführt wurde Foto: Stuttgarter Ballett

Einfach mal Spaß haben: Das Stuttgarter Ballett feiert mit dem Abend „Pure Bliss“ Stücke des Choreografen Johan Inger.

Stuttgart - Ein Königreich für ein Pferd? Wie anachronistisch Shakespeares Richard III. daherkommt! Heute traben die Prinzen nicht hoch zu Ross, sondern tiefgelegt und smart auf dem Elektroscooter ein, um Prinzessinnen zu retten. Etwa Friedemann Vogel: Der Erste Solist des Stuttgarter Balletts rollert stromlinienförmig auf die Bühne, im Dandy-Anzug, mit blasiertem Gesichtsausdruck, gegeltem Haupthaar. Ein Prinz Desiré muss auf seinen Auftritt achten!

 

Und er ist köstlich, wie alle, die in der Uraufführung „Aurora’s Nap“ tanzen. Das Nickerchen der Aurora bildet den – wahrhaft krönenden – Schluss des Ballettabends „Pure Bliss“ mit Stücken des Choreografen Johan Inger, der im Stuttgarter Opernhaus Premiere gefeiert hat. Warum der Schwede gerade Dornröschen für die Stuttgarter Kompanie neu kreierte, in deren Repertoire sich eine der berühmtesten Versionen des märchenhaften Stoffes befindet, erklärt er mit der Musik Tschaikowksys und der bekannten Geschichte. Sie erlaube einen Zeitsprung von gestern ins Heute. Seine Prämisse: „Let’s have fun!“ Und Spaß haben nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Tänzerinnen und Tänzer. Dürfen sie doch tief in die Dollerei-Kiste steigen, tänzerisch wie schauspielerisch.

Witzig, wild und frech

Inger überspitzt, wo es nur geht, mixt barocken Pomp mit Elfen-, Gaming- und Swinging-Sixties-Ästhetik. Letzteres, wenn Prinz Desiré und seine Partygesellschaft der coolen Reichen und Schönen Aurora und ihre Familie aus hundert Jahren Schlaf erwecken. Ein schmaler Grat, auf dem Inger da wandelt. Er tut das bravourös. Der Purismus-Meister weiß, wie man Akzente setzt, ohne zu überdrehen, kein Gag wird ausgetreten. Märchenfiguren wie der gestiefelter Kater, der Blaue Vogel und Rotkäppchen kommen nur im Vorbeigehen vor, Vittoria Girelli spielt sie alle, witzig, wild, frech und wird immer wieder von Dienern von der Bühne geschoben. Wer auf Details wie Mimik und Gestik achtet, hat noch mehr Freude!

Proben-Trailer zu „Bliss“

Miriam Kacerova und Roman Novitzky geben lustvoll das Herrscherpaar, wobei der König mal gern das Puppenbaby wirft oder mit dem Kinderwagen Rennen fährt. Angela Zuccarini gibt grandios Machoposen, schlägt sich als böse Fee Carabosse auf die Brust, gefährlich die grauschwarze Turmfrisur schwenkend. Apropos Haare, höher, schräger, länger ist hier der Trend bei der Hofgesellschaft, knallgelb die Perücke des Prinzen von Frankreich – aufgeblasener hätte Fabio Adorisio ihn im Louis-XIV.-Kostüm nicht geben können. In Marilyn-Blond mit Pony kommt der deutsche Prinz daher. Diesen dumpf dreinblickenden Siegfried im weißen Flitterleibchen gibt Christopher Kunzelmann vom Feinsten. Nicht zu vergessen Louis Stiens als aufgeplusterter Haushofmeister Catalabutte, der schon mal mit dem Orchester in den Taktstock-Clinch geht.

Prinzessin in der Hüpfburg

Wunderbar auch Agnes Su als Fliederfee mit Mr.-Spock-Ohren, die erst sanft, dann energisch Desiré, der Prinz ist schwer von Begriff, auf einer gelben Designercouch den Therapieweg weist. In einer filmischen Vision erscheint ihm Aurora (herausragend: Elisa Badenes), in die er sich sofort verliebt – trotz Monobraue. Ihr Schloss? Eine aufgeblasene Hüpfburg statt in Kinderknallfarben in Silbergrau. Das Bühnenbild entwarf Inger mit Salvador Mateu Andujar und Fabiana Piccioli, die auch für das teilweise kalte, aber umso effektvollere Licht zuständig war.

Es gäbe mehr zu sagen. Aber auch den anderen Stücken gebührt Lob. Sein „Out of Breath“, das 2019 beim Stuttgarter Ballett erstaufgeführt wurde, ist eine Wiederentdeckung. Inger verarbeitet darin die komplizierte Geburt seines ersten Kindes, bei dem er die schmale Grenze zwischen Leben und Tod erlebte. Entsprechend versuchen drei Paare immer wieder eine volutenartige Mauer zu überwinden, rennen dagegen an, halten sich in Schach, helfen sich, waten in Zeitlupe zu den aufreibenden und treibenden Kompositionen von Jacob Ter Veldhuis und Félix Lajkó. Aufregend: Sebastian Klein an der Solo-Violine, mitreißend: Agnes Su, Elisa Badenes, Daiana Ruiz, Jason Reilly, Shaked Heller und Louis Stiens.

Gelöst und lässig

Angekommen in Stuttgart ist nun zudem „Bliss“, das erstaufgeführt wurde. Eine lässige Choreografie! Inger schickt die Tanzenden in Straßenkleidern in frische Soli, Duette und Gruppenszenen. Sie biegen, drehen, wiegen sich und schnippen mit den Fingern zu den Läufen und Synkopen des legendären „Köln Concert“ von Keith Jarrett, als ob das ihnen just eingefallen wäre. Der Pianist improvisierte das gesamte Konzert 1975. Genau das wollte Inger aufnehmen, dieses Gefühl des Gelösten, Freien, Unerwartbaren, des grenzenlos sich Entwickelnden ohne Richtung. Wahre Glückseligkeit eben – wie der Abend.

Termine 4. März sowie 2., 9., 11., 15. und am 17. April. Für den Märztermin gibt es eventuell Restkarten an der Abendkasse.

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