Pussy-Club-Prozess "Die Frauen sind fix und fertig"

Von Frederike Poggel 

Zwangsprostituierte sagen im Pussy-Club-Prozess aus. Das Frauen-Informationszentrum betreut die Rumäninnen - und das ist dringend nötig.

Der Pussy-Club beschäftigt die Gerichte immer noch. Foto: dpa 2 Bilder
Der Pussy-Club beschäftigt die Gerichte immer noch. Foto: dpa

Stuttgart - Die Unterarme auf den Tisch gestützt, wirkt die Zeugin zerbrechlich. Die Glitzersteine, die sich auf dem pinkfarbenen Shirt zu einem kleinen Hund formen, heben und senken sich, als sie spricht. Es fällt der 22-Jährigen nicht leicht, vor Gericht über die Zeit im Pussy-Club in Berlin zu sprechen, einem Billigbordell, in dem sie Männer unter üblen hygienischen Zuständen im Minutentakt bediente. Vor ihr, erhöht, sitzen die Richter in ihren schwarzen Roben. Hinter ihr, vielleicht ist das noch einschüchternder, die Männer, die ihr das angetan haben sollen.

Sie stehen wegen Menschenhandels, Zuhälterei und Sozialversicherungsbetrugs in Millionenhöhe vor dem Landgericht Stuttgart. Die Aussagen der Zwangsprostituierten, die sie mit falschen Versprechungen aus Rumänien unter anderem nach Fellbach, Heilbronn und Berlin gelockt haben, sollen die Beweise gegen sie erhärten. Von den einst zehn Angeklagten müssen sich noch drei mutmaßliche Drahtzieher verantworten. Ein Verfahren wurde eingestellt, sechs Täter wurden zu Haftstrafen verurteilt - nicht zuletzt dank der Aussagen vieler junger Frauen.

Der Zeugin fällt die Aussage schwer, sie ist unkonzentriert, nervös, aber nicht allein. Neben ihr sitzt Claudia Robbe vom Stuttgarter Fraueninformationszentrum, kurz FIZ. Die Sozialpädagogin kennt sich aus. Sie hat sich berufsbegleitend zur Prozessbegleiterin ausbilden lassen und saß neben vielen der zwölf Zeuginnen, die in dem Verfahren bisher aussagten.

Sie schämen sich für das, was sie tun mussten

Einen Tag vor ihrer Vernehmung landen die Frauen in Stuttgart: ohne ein Wort Deutsch, ohne Hotelzimmer, ohne den Funken einer Ahnung, was sie in einem deutschen Gericht erwartet. Sie wissen nichts von ihren Rechten, ihren Pflichten, dass sie als Nebenklägerinnen auftreten können. "Vor allem wissen sie nicht, dass sie den Tätern begegnen", sagt Claudia Robbe.

"Fast alle sind sie traumatisiert. Wenn dann ein Verteidiger sie hart rannimmt und fragt, warum sie mit 40 Männern am Tag Sex hatte, muss ich schauen, wie ich sie wieder halbwegs stabil kriege", sagt Robbe. "Teilweise sind die Frauen nach den Vernehmungen völlig fix und fertig." Manche reagieren extrem: eine der Zwangsprostituierten, die aufgrund einer Verwechslung bei der Bordellrazzia monatelang unschuldig in Haft saß, erlitt mitten in der Befragung aus Panik einen epileptischen Anfall. Dazu tun sich viele Frauen schwer, die Praktiken in den Flatratebordellen klar beim Namen zu nennen. Sie schämen sich für das, was sie tun mussten.

Manche der Frauen sind auch eingeschüchtert durch die Kommentare, die die Angeklagten in ihrem Rücken ihnen zuraunen. Sie haben Angst, zu Recht: die Familie einer Zeugin wurde in Rumänien von einem ehemaligen Angeklagten im Pussy-Club-Verfahren, der mit einer Bewährung davongekommen war, bedroht. Eine andere Zeugin kann nicht zurück zu ihren zwei Töchtern und ihrer Mutter, weil dort Angehörige mehrerer Verurteilter leben.

"Von Sex war nie die Rede"

Um sie zu schützen, wird vor Gericht der Wohnort der 22-Jährigen nicht angegeben. Sie benennt keinen der Angeklagten konkret als Täter, obwohl sie zumindest den wiedererkennen sollte, der sie von Rumänien nach Deutschland gefahren hat. Dieser Nachbar eines Exfreundes habe ihr angepriesen, als Begleitdame in Deutschland 1200 Euro die Woche zu verdienen. "Von Sex war nie die Rede. Aber als ich dann hier war, musste ich arbeiten: für die Fahrt hatte ich Schulden bei ihm."

Was sie vor Gericht erzählt, hören auch die Prozessbegleiterinnen zum ersten Mal. Sie sprechen nicht über die Inhalte des Verfahrens, sondern helfen den Frauen praktisch: kümmern sich um eine Unterkunft; gehen shoppen, wenn die Zeuginnen nichts für eine Verhandlung Passendes eingepackt haben; organisieren auch mal ein Freizeitprogramm für die Rumäninnen, die hier niemanden kennen. Und sie kümmern sich um die medizinische Versorgung der Frauen, die fast alle unter chronischer Hepatitis leiden, sich einen Arztbesuch in ihrer Heimat aber nicht leisten können.

Nach den paar Tagen in Deutschland geht es für die Frauen dann meist zurück in ihre Heimat. In die gleiche Misere, aus der sie einst auszubrechen versuchten, als sie den falschen Versprechungen der Zuhälter erlagen. So schwer es den Betreuerinnen vom FIZ auch fällt: ihr Job ist damit getan.

Sonderthemen