Putsch vor 100 Jahren Hitlers erster Griff nach der Macht
Vor 100 Jahren inszenierte der NSDAP-Chef einen missglückten Putsch im Münchner Bürgerbräukeller. Doch damals gefährdeten mächtigere Leute als Hitler die erste deutsche Demokratie.
Vor 100 Jahren inszenierte der NSDAP-Chef einen missglückten Putsch im Münchner Bürgerbräukeller. Doch damals gefährdeten mächtigere Leute als Hitler die erste deutsche Demokratie.
Der 9. November ist ein fatales Datum deutscher Geschichte. An einem 9. November wird 1918 der Kaiser gestürzt, entlädt sich 1938 der von Nazis geschürte Judenhass in der Reichspogromnacht. 51 Jahre später fällt am gleichen Tag die Berliner Mauer. Der 9. November 1923 ist aber weitgehend vergessen. Damals greift Adolf Hitler erstmals nach der Macht.
Wie kommt es zu dem Putsch?
1923 ist ein Horrorjahr für die Weimarer Republik. Im Januar besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Eine Hyperinflation lässt die Preise explodieren. Am 1. Oktober 1923 kostet eine Zeitung 330 000 Mal so viel wie zehn Monate zuvor. Im Laufe des Jahres gibt es in Berlin drei Regierungswechsel.
Reichskanzler Gustav Stresemann beendet am 26. September den passiven Widerstand gegen die Ruhrbesetzung. Rechte Kräfte sehen darin einen „zweiten Dolchstoß“ (nach der Revolution 1918). Bayern überträgt dem früheren Ministerpräsidenten Gustav Ritter von Kahr, einem antisemitischen Monarchisten, diktatorische Befugnisse. Kahr habe „Bayern zu einem Eldorado des Rechtsextremismus gemacht“, schreibt der Historiker Wolfgang Niess.
Was in Bayern geschieht, bewertet sein Kollege Hagen Schulze als „der offenste Verfassungsbruch seit 1871“. Reichspräsident Friedrich Ebert verhängt den Ausnahmezustand. Die Reichswehr weigert sich aber, in Bayern einzumarschieren („Truppe schießt nicht auf Truppe“). Ihr Chef, Generaloberst Hans von Seeckt, hegt selbst Pläne für ein diktatorisches Regime. Gemeinsam mit Reichwehr-Kommandeur Otto von Lossow und dem Chef der Bayrischen Landespolizei, Hans von Seißer, träumt Kahr von einem „Marsch auf Berlin“ (nach Vorbild der italienischen Faschisten), dem Sturz der Republik.
Welche Rolle spielt Hitler?
Die NSDAP, anfangs eine Splitterpartei, hat inzwischen 55 000 Mitglieder. Hitler, seit 1921 Vorsitzender, gilt in der bayrischen Presse als „der gerissenste Hetzer, der in München sein Unwesen treibt“. Er wäre mit seiner Partei jedoch „ohne potente Geldgeber längst am Ende gewesen“, betont Niess.
Ungeachtet eines NSDAP-Verbots in diversen deutschen Ländern, unter anderem in Baden, genießt Hitler in München Aktionsfreiheit. Ein aus Berlin verhängtes Verbot des „Völkischen Beobachters“ wird dort nicht vollstreckt.
In den Wochen vor dem Putschversuch agiert Hitler aber nur als Randfigur. „Das Spiel wurde von anderen bestimmt“, so Niess, vor allem von dem Triumvirat Kahr-Lossow-Seißer. Hitler habe sich in eine Art „Wettlauf zum Staatsstreich“ gedrängt gesehen, betont der Historiker Sven Felix Kellerhoff dieser Tage bei einem Vortrag in Stuttgart. Am Abend des 8. November übernimmt Hitler die Regie, kapert eine Veranstaltung mit Kahr im Bürgerbräukeller, schießt dort theatralisch in die Decke und erklärt: „Soeben ist die nationale Revolution ausgebrochen.“
Tags darauf marschiert er mit 3000 Anhängern zu Feldherrenhalle – zu wenige, um es mit Polizei und Reichswehr aufzunehmen. Als es zu einer wilden Schießerei kommt, wirft Hitler sich zu Boden, kugelt sich dabei den Arm aus, kann aber fliehen. In Zeitungsberichten wird das Spektakel als „Hanswurstiade“ bezeichnet. Der Historiker Heinrich August Winkler urteilt: „Hitler diskreditierte die ,seriösen‘ Putschpläne der nationalistischen Rechten und festigte dadurch ungewollt die verhasste Republik.“ Hitlers „voreiliges und dilettantisches Handeln“, so Winklers Kollege Hans Mommsen, habe ein frühzeitiges Ende der Weimarer Republik vereitelt.
Warum scheitert der Putsch?
Dem rechten Triumvirat Kahr-Lossow-Seißer wird schon am 4. November klar, dass Reichswehr-Chef Seeckt ein eigenmächtiges Vorgehen Bayerns nicht unterstützen würde. Seeckt bleibt bei seiner legalistischen Haltung: Er fühlt sich zwar nicht der Republik, aber dem Reich und dessen Repräsentanten verpflichtet. Eine Diktatur würde er nur mit Zustimmung des Reichspräsidenten installieren. Für das ursprünglich putschwillige bayerische Dreigestirn ist damit „der große Umschwung aller Dinge“ erreicht – gegen die Reichswehr wollen sie keinen Aufstand wagen. Hitler gegenüber geben sie im Bürgerbräukeller nur Lippenbekenntnisse ab, stellen hinterher aber klar, „sie hätten nur zum Schein Komödie gespielt“, so Niess.
Reichskanzler Stresemann erklärt Hitlers Aufruf zur „nationalen Revolution“ für null und nichtig, Seeckt wird „der verfassungsmäßige Schützer Stresemanns“, so der damalige Reichswehrminister Otto Geßler. Kellerhoff urteilt: „Der Held ist Stresemann.“
Was sind die Folgen?
Hitler wird am 11. November verhaftet und kommt im Februar 1924 mit neun Kumpanen wegen Hochverrats vor Gericht. „Auf der Anklagebank sitzt nur ein Teil von denen, die wirklich angeklagt werden müssten“, meint der Sozialdemokrat Rudolf Breitscheid. Prozessbeobachter berichten von einer „republikfeindlichen Atmosphäre“ im Gerichtssaal. „Hitler war der unangefochtene Star des Prozesses“, schreibt Niess. Er wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt – die Mindeststrafe. Für Niess ist das Urteil „praktisch ein Freispruch“. Kellerhoff wertet den Prozess als „eine der übelsten Rechtsbeugungen in rechtsstaatlicher Zeit“.
Während seiner Haft schreibt Hitler „Mein Kampf“. Noch vor Weihnachten 1924 kommt er wieder auf freien Fuß. Die NSDAP bleibt bis Februar 1925 verboten. Der Historiker Niess fasst zusammen: „Politisch stand Hitler nach dem Prozess vor dem Nichts.“