Vor über zehn Jahren baute der Unternehmer Bruno Staiger in Bönnigheim (Kreis Ludwigsburg) ein Haus in einer Pyramide. Noch heute ist der 85-Jährige begeistert von seiner Konstruktion und der Art zu Wohnen. Doch nicht nur das Gebäude ist eigen – auch der Mietpreis.
Es ist er wärmste Tag des Jahres bisher. Die Sonne knallt auf die Glasfassade der Bönnigheimer Pyramide, die wie ein Kunstwerk in der Landschaft funkelt. „Viele fragen mich, ob man es an solchen Tagen drinnen überhaupt aushält“, sagt Bruno Staiger, grinst und öffnet die Eingangstür. Im Inneren herrscht eine angenehme Temperatur, mehr als 40 Fenster und Klappen sorgen für einen leichten Windhauch. Auf den Terrassen der beiden Erdgeschosswohnungen baumeln Handtücher über Liegestühlen, in Terrakottakübel stehen exotische Pflanzen. Zwischen Stuttgart und Heilbronn liegt plötzlich ein Hauch von Mittelmeer.
Mehr als zehn Jahre nach dem Bauende ist die Bönnigheimer Glaspyramide immer noch das außergewöhnlichste Wohnhaus im Kreis – vielleicht sogar der Region. Bauherr Bruno Staiger ist von seinem Gebäude so begeistert wie am ersten Tag. „Ich verstehe gar nicht, warum die Glaspyramide in Paris jeder kennt – aber meine nicht.“
Staiger ist Unternehmer, Konstrukteur und Tüftler wie ihn der schwäbische Mittelstand liebt. Vor rund 50 Jahren gründete er die Staiger GmbH & Co. KG. Erst produzierte er Dichtungen, später Ventile für Kunden wie Bosch. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 170 Mitarbeitende. Doch der Mann mit dem Hang zum Besonderen wollte nie nur Firmeninhaber sein.
Erst Turm, dann Pyramide
In den 80er Jahren entwarf er als Hobbyarchitekt den Firmensitz in Erligheim – lichtdurchflutet, modern, nicht wie eine Fabrikhalle. Auch danach macht Staiger als Visionär auf sich aufmerksam. Für die Weltausstellung 2000 in Hannover entwarf er einen 165 Meter großen Turm aus Glas und Stahl in Form einer Leiter. „Das perfekte Sinnbild für den schwäbischen Geist und Aufstieg“, sagt der 85-Jährige.
Bruno Staiger im Wintergarten der Bönnigheimer Pyramide. Foto: Simon Granville
Der Leiterturm wurde nie gebaut, aber eine neue Idee wurde während der Weltausstellung in Hannover geboren: eine bewohnbare Glaspyramide. „Auf dem Messegelände in Hannover gab es ein chinesisches Restaurant in einer Glaspyramide“, sagt Staiger. „Ich habe es besucht und nach kurzer Zeit gemerkt, dass die Stahlkonstruktion ein ungeheuerliches Monster war.“ Staiger nahm sich vor, es besser zu machen und die Pyramide mit Leben zu füllen.
Der Unternehmer beginnt in den 2000er Jahren neben seiner Arbeit mit der Planung der Glaspyramide und nimmt sich Zeit – „vielleicht sogar zu viel Zeit“ – sagt er rückblickend. Erst 2013 sind die Pyramide und das Wohnhaus fertig. Wie viel sie gekostet hat? Darüber spricht er nicht gern. Manchmal überlege er jedoch, was er sich von dem Geld alles hätte kaufen können. „Aber ich bin eben meiner Leidenschaft gefolgt.
So sieht es in den Wohnungen aus. Foto: Simon Granville
Das Ergebnis seiner Leidenschaft: 300 Quadratmeter Wintergarten, 550 Quadratmeter Wohnfläche. Die sind verteilt auf vier Wohnungen in einem Haus im maurischen Stil, mit geschwungenen Formen, Fensterbögen und abgerundeten Kanten. Unten: großzügige Terrassen mit Zugang zum Wintergarten. „Im November kann man hier bei Schmuddelwetter in kurzer Hose seinen Kaffee genießen.“ Oben: Wohnungen mit zwei Geschossen und inklusive einer Wendeltreppe in die Pyramidenspitze.
Die Stahlkonstruktion hält die Pyramide ganz ohne Schrauben zusammen. Auch die Nachhaltigkeit des Hauses war 2013 seiner Zeit voraus – und ist es immer noch. Das Heizen und Kühlen funktioniert ohne fossile Brennstoffe. Energie wird über die hauseigene Fotovoltaikanlage gewonnen, die eine Wärmepumpe antreibt. Mit im Beton eingelassenen Kapillarrohren lassen sich die Innenräume wärmen oder herunterkühlen.
9,20 Euro Kaltmiete
„Das Wohnen in der Pyramide hat Luxuscharakter, ich vermiete es aber nicht zum Luxuspreis“, sagt Staiger. Aktuell verlangt er laut eigener Aussage 9,20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, laut mehreren Immobilienwebseiten rund drei Euro unter der durchschnittlichen Kaltmiete in Bönnigheim. „Ich bin auf die Mieteinnahmen nicht angewiesen“, sagt Staiger – er wolle einfach ein faires Angebot machen.
Wer in der Pyramide Freigeister, Künstler und Hippies als Mieter erwartet, liegt falsch. „Wir vermieten vor allem an Pärchen, viele kommen aus technischen Berufen bei Bosch, Porsche und Mercedes.“ Es gebe durchaus Fluktuation in den Wohnungen, immer wieder sucht er neue Bewohner. Aber nicht, weil es den Mietern nicht gefalle, sagt Staiger. Wenn die Paare Kinder bekommen, werde es in den Wohnungen schnell zu eng.
Auch Jahre nach der Fertigstellung ist Staiger immer noch begeistert von seiner Pyramide und den Bewohnern. Sein Bauwerk sollte die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie das Pendant in Paris. „Es gibt viele Pyramiden, meine ist die einzige, die mit Leben gefüllt ist.“