Pyrotechnik in Deutschland Vorstoß des VfB Stuttgart: Dürfen Fans bald legal Pyro zünden?

Pyro in Fußballstadien – bald legal? Foto: dpa

Pyrotechnik ist ein Dauerthema rund um Fußballstadien. Seit Jahren gibt es keine Bewegung in der Debatte. Ein VfB-Vorstoß könnte dies nun ändern.

Es existieren wilde Geschichten darüber, wie Fußballfans es schaffen, Pyrotechnik ins Stadion zu transportieren. Die Story über die Körperöffnungen, die von vielen Sicherheitskräften angeblich nicht näher begutachtet werden, ist nur eine von vielen.

 

Dabei kann es rund um die verbotenen Leuchtmittel kreativ zugehen. Ein im Netz seit Jahren kursierendes Video zeigt polnische Ultras, die sich einen Essenslieferdienst ans Stadion bestellen. Misstrauisch beäugt von den anwesenden Polizeikräften, reicht der Lieferdienstfahrer braune Papiertüten und Kartons über den Zaun, die von den Fans entgegengenommen werden. Ob wirklich Pyrotechnik darin war, ist nicht zu verifizieren. Gesichert ist die Information, dass es wenig später im Block lichterloh brannte – und niemand mit Pizzastücken oder Burgern gewunken hat.

Klar ist: Seit Ende des Corona-Lockdowns nehmen die Einsätze von Pyrotechnik zumindest in deutschen Stadien landauf, landab konstant zu. Das zeigen die Zahlen der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS), eine Polizeidatei. Die dort gesammelten Daten belegen die Zunahme, allerdings auch eine gleichbleibend niedrige Zahl an Verletzungen, die auf Pyrotechnik zurückzuführen sind. Jedenfalls ist dies ein Argument, das man immer wieder zu hören bekommt, wenn man sich mit Personen aus der aktiven Fanszene unterhält. Auch in jener des VfB Stuttgart.

Die Fans, die Pyros und die Haltung der Clubs sowie der Sicherheitsbehörden und Verbände dazu – es ist seit Jahren auch in Deutschland eine explosive Gemengelage. Und nun, rund um den nahenden Jahreswechsel, steckt noch mehr Zündstoff in der Debatte. Denn auf der viel beachteten Innenministerkonferenz (IMK) vor ein paar Wochen in Bremen, in der es übergeordnet um die Stadionsicherheit ging, spielte das Brennpunktthema Pyrotechnik eine exponierte Rolle. Klar ist: Politik und Polizei fahren bisher weiter eher die harte Linie, die eine Null-Toleranz-Politik und saftige Geldstrafen für die Vereine nach dem Pyro-Abbrennen ihrer Fans vorsieht.

Umdenken bei Proficlubs in Sachen Pyrotechnik

Im Zuge der Debatten und der Proteste der aktiven Fanszenen gegen verschärfte Sicherheitsmaßnahmen rund um die IMK im Allgemeinen aber hat zuletzt eine Art Umdenken bei einigen Proficlubs stattgefunden. Darunter ist der VfB Stuttgart – der nun gegenüber unserer Redaktion weitreichende Änderungen zumindest im Umgang mit den Pyros in den Arenen einfordert.

Konkret: Der VfB kann sich vorstellen, in Eigenregie eine Art Pilotprojekt zu starten. Vorstandschef Alexander Wehrle war Teil einer Arbeitsgruppe mit Vertretern des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), Proficlubs und Fans, die sich mit Sicherheitsthemen und damit auch der Pyrotechnik befasst hat. Der VfB zieht nun in Erwägung , einen eigenen Feldversuch zu starten – der da heißt: Der Einsatz kontrollierter Pyrotechnik unter Einhaltung von gewissen Sicherheitsaspekten soll möglich sein, respektive erst einmal ausgetestet werden.

„Das wäre vor allem vor dem Hintergrund Nutzung von Pyrotechnik bei anderen Großveranstaltungen mit hohen Zuschauerzahlen zeitgemäß“, sagt Wehrle gegenüber unserer Redaktion – und betont: „Die Verbände sollten sich dafür offen zeigen.“

Die Haltung Wehrles und der gesamten Stuttgarter Vereinsspitze darf man so verstehen, dass im Zweifel eher eine Duldung der Pyro-Aktivitäten der aktiven Fanszene vorherrscht. Auch, weil die Ultras meist recht verantwortungsbewusst mit den Pyros umgehen. Bedeutet: Nichts verlässt die Hand, obendrein gibt es keine Böller und Raketen. Zum Vergleich: Fans von Eintracht Frankfurt fielen zuletzt in Köln und Barcelona negativ auf, als sie Leuchtraketen auf das Spielfeld und in andere Zuschauerblöcke schossen. Da wäre, klar, auch bei Wehrle die rote Linie überschritten. Beim VfB aber erfahren Pyro-Shows bei Heimspielen schon jetzt eine inoffizielle Duldung, wirken bisweilen angekündigt. Wehrle pflegt über den Fan-Ausschuss der Weiß-Roten allgemein einen intensiven Kontakt zur aktiven Szene.

Der Vorstandschef betont nun, dass der jüngst veröffentlichte ZIS-Jahresbericht belegt, dass das Stadionerlebnis in Deutschland sicher sei: „Er zeigt aber auch, dass der Einsatz von Pyrotechnik angestiegen ist, wobei es sich in vielen Fällen um Ordnungswidrigkeiten und nicht um Straftaten handelt. Dies soll die Gefahr bei unkontrolliertem Abbrennen aber nicht negieren.“ Wehrle sagt gegenüber unserer Redaktion weiter, dass der VfB sich für eine Veränderung des Strafsystems einsetze: „Das soll aber keine Revolution sein, sondern eine Evolution.“

Die Polizei verfolgt Pyrotechnik-Aktionen konsequent, da es sich mindestens um eine Ordnungswidrigkeit handelt. Foto: Marijan Murat/dpa

Die Kernbotschaft Wehrles nach den Eindrücken der vergangenen Jahre lautet so: „Alle beteiligten Akteure inklusive der Sicherheitsbehörden sind sich darüber einig, dass zum aktuellen Zeitpunkt Pyrotechnik nicht komplett zu verhindern ist.“ Der DFB verweist auf Anfrage unserer Redaktion auf seine „Richtlinie zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesspielen“. Die fordert zunächst ein, dass der Veranstalter, also der jeweilige Club, dafür sorgt, dass „keine Pyrotechnik und vergleichbare Gegenstände (…) abgebrannt oder verschossen werden.“

Dann aber kommt mit dem Blick auf die Pilotprojekt-Initiative des VfB ein entscheidender Zusatz: Die Sicherheitsrichtlinie gewährleistet, dass eine Befreiung für den Veranstalter erteilt werden kann „in begründeten Ausnahmefällen unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten“. Dabei muss eine behördliche Genehmigung des Feuerwerks vorliegen sowie die Durchführung durch eine Fachfirma erfolgen.

VfB Stuttgart will Pyrotechnik-Pilotprojekt

Bedeutet weiter konkret: Der VfB muss, wenn er das Pilotprojekt durchziehen will, zunächst die Genehmigung der örtlichen Behörden und der Sicherheitsorgane einholen. Ist die erteilt, prüft der DFB mit seiner „Kommission Prävention & Sicherheit & Fußballkultur“ als zwischengeschaltete Instanz den Fall nochmals – falls auch da die Genehmigung vorliegt, stünde dem kontrollierten Abbrennen von Pyrotechnik nichts mehr im Wege. In den Jahren 2019 und 2020 gab es bereits zwei solcher Genehmigungen, darunter war der Hamburger SV.

Allerdings: Der Abstimmungsaufwand durch die verschiedenen Instanzen ist extrem hoch. Es braucht vonseiten des VfB also ein so sicheres wie wasserdichtes Konzept, um das Projekt am Ende umsetzen zu können.

Choreo vor dem DFB-Pokalfinale – bei diesem Spiel gab es erstmals seit Jahren wieder Vorfälle hinsichtlich „nichts verlässt die Hand“ – es wurden unter anderem Böller geworfen. Foto: Pressefoto Baumann

Wie auch immer – ein so übergeordneter wie unumstößlicher Fakt ist im Zuge aller Debatten und Pläne auch: Pyrotechnik birgt Gefahren. In Teilen auch, wenn sie kontrolliert abgebrannt wird. Denn im Innersten der Flamme können über 1000 Grad Celsius erreicht werden. Insbesondere die Schlacke und die glühenden Kohleteilchen, die heruntertropfen, sind im wahrsten Sinne brandgefährlich und können insbesondere in dicht gedrängten Stehblöcken Brandverletzungen verursachen. Auch, weil sie sich zunächst unbemerkt in Jackenärmel oder Kapuzen verfangen können.

VfB-Fans zündet Pyrotechnik – die Vermummung dient dazu, eine Identifizierung zumindest zu erschweren. Foto: Pressefoto Baumann

Obendrein kommt die Feuershow der Fans den Vereinen teuer zu stehen – die Verbände bitten zuverlässig zur Kasse. Der VfB etwa musste in der laufenden Saison bisher 167 000 Euro Strafe zahlen wegen des Einsatzes von Pyrotechnik in der Fankurve. Dabei ist die Show von Bochum beim DFB-Pokalspiel vor ein paar Wochen noch nicht einmal eingerechnet. In der vergangenen Saison waren es insgesamt 608 000 Euro, in der Spielzeit 2023/24 betrug das Strafmaß für die Weiß-Roten im Gesamten 436 000 Euro. Teile der Strafsumme kann der Club für Präventivmaßnahmen einsetzen, wovon der VfB auch Gebrauch macht: 329 000 Euro wurden in den vergangenen Jahren entsprechend verwendet.

„Grundsätzlich ist der Einsatz von Pyrotechnik mit potenziellen Gefahren verbunden“, sagt VfB-Chef Wehrle. „Dies ist sowohl den Nutzern als auch den Clubs bewusst. Allerdings wird von außen zu schnell der Gewaltbegriff genutzt.“ Was Wehrle meint: Wenn Pyrotechnik nicht die Hand verlasse und nach dem Abbrennen zum Beispiel in einen Ordnergraben abgelegt werde, sei es nicht das Ziel, andere zu verletzen: „Werden dagegen zum Beispiel Böller gezündet, ist der Fall anders zu betrachten. Hier setzen wir uns für eine härtere Sanktion ein.“

So denkt ein „Normalo“ von der Gegengerade über das Thema

Zumindest in dem Punkt rennt der Vorstandschef bei einem Mann offene Türen ein, der wohl als so etwas wie der Prototyp des in Fachkreisen gerne als „Normalo-Fan“ bezeichneten Anhänger gilt. Diese sind ja in der Regel in der Mehrheit in den Stadien der Republik, die auf den vier Rängen ein breites Potpourri der Anhängerschaft quer durch die Gesellschaft zu bieten haben. Helmut Bäuerle also, Steuerberater aus Stuttgart, war 1974 zum ersten Mal im Neckarstadion. Seit dem Jahr 2008 hat er eine Dauerkarte auf der Gegengeraden der Stuttgarter Arena. Auswärts reist er zu rund einem Drittel der VfB-Partien mit.

Pryoshow der VfB-Fans vor dem Spiel gegen Augsburg. Foto: Pressefoto Baumann

„Pyrotechnik“, sagt Bäuerle, „ist verboten, also darf man es nicht – es gehört für mich auch nicht dazu zu einem Stadionerlebnis.“ Allerdings, so betont es der VfB-Fan, würde er es akzeptieren, wenn sich bei Heimspielen in der Cannstatter Kurve ein Platz für das „absolut kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik, inklusive sicherer Entsorgung“ finden ließe.

Generell aber, so betont es Bäuerle, hätten die Ultras in vielen Vereinen „eine viel zu große Macht, sie nehmen sich oft viel zu wichtig. Wenn aus Protest Tennisbälle geworfen werden und das Spiel unterbrochen werden muss oder wenn eine Zaunfahne nicht abgehängt wird, obwohl es der Sicherheit zuträglich wäre, kann ich das nicht mehr verstehen – man muss nicht immer gegen alles und jeden sein.“

Allerdings: Bäuerle betont auch, wie toll er die von der aktiven VfB-Fanszene initiierten Choreografien in der Kurve immer finde und dass er genau dafür auch regelmäßig Geld spende. Nicht infrage kommt das für die Aktivitäten mit der Pyrotechnik – mit der die aktiven Fanszenen der Republik immer auch eine Art Visitenkarte abgeben wollen, frei nach dem Motto: Schaut her, was wir zu zeigen imstande sind!

Und übergeordnet geht es dabei immer auch um verhärtete Fronten zwischen den Fans und den Verbänden, den Behörden, den Sicherheitskräften sowie teils auch den Clubs. Längst ist die Sache auf einer symbolischen Ebene angesiedelt. Mit Pyros als eine Art Statussymbol. Jedes Sicherheitssystem ist dabei immer nur so gut wie seine Schwachstelle. Ultras kennen und nutzen sie, wollen sie die verbotenen Leuchtmittel in die Stadien bekommen.

Pyrotechnik im Fußball

Historie
Pyrotechnik im Fußball gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten zu beobachten. Wie der Fußball auch haben sich die Fans entsprechend gewandelt, man kann von einer Professionalisierung sprechen. Man muss grundsätzlich zwischen drei Arten des Einsatzes unterscheiden.

Große Aktionen, die einer Choreografie gleichkommen und genau so auch eingesetzt werden. Um ein Bild zu erzeugen, dass die Kurve ein Stück weit auch definiert. Gleichung: Je größer, bildstarker eine Aktion, desto mehr Anerkennung für die Kurve.

Einzelne Fackeln nach einem Tor, zu einem Lied oder als Gedenken an einen Verstorbenen sind mehr als Push gedacht, sollen die Menge anheizen. Können aber auch als Ergänzung zu einer Choreografie eingesetzt werden.

Wenn etwas verlässt die Hand verlässt (Böller, Rakete, Fackel), dann ist das als Waffe gedacht, soll verletzen oder es wird zumindest in Kauf genommen, dass dies passieren kann. Für viele Szenen, auch in Stuttgart, ein No-Go. Es kommt sehr selten vor. In den letzten Jahren konnte man beim DFB-Pokalfinale im Mai zwei Böller notieren, davor beim Auswärtsspiel in Kopenhagen vor über 10 Jahren.

Leuchtmittel
Im Kontext der Pyrotechnik gibt es einige Fachbegriffe, die wir im Folgenden aufzählen:

Breslauer: Einzelnes, grelles und starkes Lichtelement mit in der Folge starker Rauchentwicklung.

Böller: Knallkörper, der nach dem Zünden einen schussähnlichen Knall hervorbringt.

Rauchshooter: Auch Rauchgranate, Nebelgranate oder Rauchpatrone genannt. Pyrotechnischer Gegenstand, der durch eine langsame, kontrollierte Verbrennung eine große Menge an dichtem, farbigem Rauch erzeugt.

Farbtopf: pyrotechnischer Gegenstand, der einen speziellen farbgebenden Satz (Mischung aus Oxidationsmitteln, Brennstoffen und Farbstoffen) enthält, um bei Zündung einen farbigen, oft sternenartigen Effekt zu erzielen.

Blinker: Feuerwerkskörper, der durch das schnelle Abbrennen eines speziellen pyrotechnischen Satzes stroboskopartige Lichtblitze erzeugt.

Fackel: Oft als Bengalo (bengalisches Feuer) bezeichnet, ist ein pyrotechnischer Gegenstand, der durch spezielle chemische Zusätze einen intensiven, farbigen Lichtschein und viel Rauch erzeugt.

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