Trotzdem ist der 53-Jährige einen Schritt voraus. Denn dort, wo Robert Kömmet lebt, sind Autos fast so selten wie Raumschiffe. Der Neckarbogen, so heißt das Viertel in Heilbronn, wurde als autoarmes Wohnquartier konzipiert. Futuristisch ist das nicht, aber hierzulande doch ziemlich visionär.
Das Auto kommt kaum noch raus
Robert Kömmet trägt keine ausgelatschten Birkenstocks, keinen geflickten Strickpulli, und er fährt auch nicht auf einem Lastenfahrrad. Kurzum: Der 53-jährige Architekt hat nichts von einem jener Ökofundis, deren Bild vor vielen inneren Augen auftaucht, wenn die Reizworte autoarmes Wohnen fallen. Er hat sogar ein Auto, einen bestimmt zehn Jahre alten Audi A1. Allerdings ist er kaum noch im Einsatz.
Tolle Radwege statt volle Straßen
Vielleicht mal, wenn es regnet und er seinen kleinen Sohn bei den Großeltern abholen muss. Oder wenn die Familie am Wochenende einen größeren Ausflug macht. Oder wenn ihn die Nachbarn nutzen, mit denen sich Kömmets ihr Auto teilen. Stattdessen erledigen er und seine Frau die meisten Dinge mit dem Fahrrad – und das mit Begeisterung. Weil es viele tolle Radwege gibt und deshalb vieles gut erreichbar ist. Abgesehen davon, liegt ihr Viertel ohnehin sehr zentral. „Seit wir hier wohnen, nutzen wir das Auto noch mal weniger“, sagt Robert Kömmet, der vor drei Jahren in den Neckarbogen gezogen ist.
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Der Neckarbogen ist das Wohnviertel, das auf dem Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau entsteht. Der erste Bauabschnitt mit 22 Gebäuden wurde im Jahr 2019 besiedelt, der zweite ist gerade im Werden. Wenn alles fertig ist, sollen rund 3500 Menschen in dem Quartier leben und etwa 1000 arbeiten – und nur wenige Autos Platz finden. Im ersten Bauabschnitt liegt der Stellplatzschlüssel bei 0,8. Konkret bedeutet das: Für die 374 Wohneinheiten dort stehen 312 Tiefgaragenstellplätze zur Verfügung.
Unverständnis und Argwohn
Das mag noch immer üppig klingen, ist es aber nur bedingt. Üblich ist bislang ein Stellplatzschlüssel von mindestens 1,0, also je Wohneinheit ein Parkplatz. Stellplätze sind denn auch häufig der Punkt, an dem sich der meiste Streit im Gemeinderat entzündet, sobald eine Verwaltung Pläne für ein Gebiet präsentiert, in dem Autos möglichst draußen bleiben sollen. Weniger als ein Auto pro Haushalt – wie soll das gehen?
Fragen dieser Art hat auch Robert Kömmet oft zu hören bekommen: Was machst du, wenn ein Großeinkauf ansteht? Oder: Wie schleppst du denn Getränke nach Hause? Oder: Was, wenn euch jemand besuchen kommt? „Es gibt schon Leute, die nicht verstehen, warum man sich das Leben so schwer macht“, sagt Robert Kömmet, dem sein Leben jedoch gar nicht schwerfällt. Statt eines Großeinkaufs setzen er und seine Frau inzwischen überwiegend auf mehrere kleinere Einkäufe, die sich gut im Fahrradanhänger transportieren lassen. Wasserkisten hat die Familie durch einen Wassersprudler ersetzt. Und Besucher sind nicht weniger willkommen als früher. Sie können mit dem Zug anreisen oder ihr Auto auf dem zentralem Parkplatz am Eingang des Quartiers abstellen.
Neue Straßen helfen nicht mehr
Wenn sie lange genug da sind, stellen sie womöglich fest, was Robert Kömmet schon länger weiß: „Das Auto soll alles bequem machen, aber schon nach dem Einsteigen ist es mit der Bequemlichkeit vorbei.“ Weil man im Stau steht oder sich über andere Autofahrer ärgert oder, oder, oder.
Ist das nicht verblüffend? Ausgerechnet in Heilbronn wird an der Zukunft der Stadt ohne Auto gebastelt. Heilbronn hat das Konzept nicht erfunden, das gibt’s bereits andernorts. Zu den bekanntesten Beispielen gehören das Französische Viertel in Tübingen und das Vauban in Freiburg. Aber Heilbronn – wo viele Menschen ihr Geld bei Audi verdienen? Das erscheint fast so paradox wie der Umstand, die Gliederung der Stadt überhaupt ändern zu wollen. Schließlich galt die Trennung sämtlicher Lebensbereiche Jahrzehnte als letzter Stand der Dinge. Wohnen, Arbeiten, Freizeit – alles hat seinen festen Platz, und die Verbindung haben Straßen hergestellt. Solange es wenig Autos gab, ging das gut. Inzwischen wird das von einigen aber anders wahrgenommen.
„Mehr Straßen lösen das Verkehrsproblem nicht wirklich“, sagt Hans Peter Künkele. Künkele ist Architekt und Stadtplaner – und arbeitet als Projektleiter für die Internationale Bauausstellung (IBA) in Stuttgart. Als solcher kann er auch sagen: „Wir beobachten, dass in vielen Kommunen ein Umdenken stattfindet.“
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In Salach, in Winnenden, in Nürtingen, am Stöckach in Stuttgart – um nur ein paar Beispiele aus der Region zu nennen. Überall dort sollen Quartiere entstehen, in denen gewohnt, gearbeitet, gehandelt und gelebt wird – und in denen Autos weitgehend nicht zu sehen sind und demzufolge auch keine omnipräsenten Parkplätze und dominierenden Autostraßen. 2027, das Jahr, in dem die IBA vollendet ist, werde man schon gut sehen können, dass durch die Autoarmut ein ganz anderes Gefühl fürs Zusammenleben entstehe, sagt Hans Peter Künkele.
Privilegien im Kindergarten
Daher, im Übrigen, rührt auch auch das futuristische Gefühl bei Robert Kömmet im Neckarbogen. Dort wirkt alles so aufgeräumt und ruhig, weil die Autos, die es gibt, in Tiefgaragen stehen. Wäre es nach der Stadtverwaltung gegangen, dann gäbe es auch diese Tiefgaragen nicht, sondern eine zentrale Quartiersgarage. Aber das war der Mehrheit im Gemeinderat damals noch nicht zu vermitteln. Beim zweiten Bauabschnitt nun ist das anders: Nur für die Hälfte der erlaubten Autos gibt es Stellplätze direkt unterm Haus.
Robert Kömmets Sohn übrigens kann mit seinen knapp vier Jahren schon super Fahrrad fahren. Das liegt, sagt der Vater, daran, dass er direkt vor der Haustür ein so großes Gebiet zum Üben hat. Rücksicht auf Autos muss man im Neckarbogen nicht nehmen. Der Kindergarten befindet sich auch im Viertel. Er ist nicht zu verfehlen. Man erkennt ihn an den Bobbycars, die davor stehen.
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