Quatuor Modigliani in Stuttgart Wahnsinn mit Methode

Von Susanne Benda 

In der Stuttgarter Liederhalle hat das Quatuor Modigliani mit Streichquartetten von Haydn, Beethoven und Saint-Saëns begeistert.

Das Quatuor Modigliani Foto: Marie Staggat
Das Quatuor Modigliani Foto: Marie Staggat

Stuttgart - Der Klang ist erdig, direkt, sehr kräftig und dunkel. Das mag mit an dem großen, sonoren Instrument des Bratschers liegen, das einem am Dienstagabend im Mozartsaal sofort ins Auge fällt. Es liegt aber vor allem an dem Ton, auf den sich alle Mitglieder des Quatuor Modiglianigeeinigt haben: einen saftigen, satten, beweglichen, im dynamischen und klangfarblichen Miteinander extrem fein ausbalancierten Ton, der – ähnlich wie beim Quatuor Ébène – nie die Herkunft des Ensembles verleugnet. Und der bewirkt, dass man das Spiel des vor 16 Jahren in Paris gegründeten Quatuor Modigliani fast schubladenhaft genau bei jenem Stück als besonders stimmig und rund empfindet, mit dem es bei seinem Stuttgarter Gastspiel seiner Heimat Frankreich Tribut zollte.

Camille Saint-Saëns’ 1899 komponiertes erstes Streichquartett ist in seiner Haltung ein Stück der Mitte: elaboriert, nie extrem oder experimentell, dabei spieltechnisch höchst anspruchsvoll – ein Wohlfühlstück mit Klängen, in denen die Zuhörer gemeinsam mit den vier Streichern geradezu badeten. Die Selbstverständlichkeit und Gelöstheit, mit der das Quatuor Modigliani hier spielte, teilten sich unmittelbar mit.

Ein bisschen mehr Gelöstheit wäre schön gewesen

Das war zuvor, bei Haydns „Quintenquartett“ op. 76/2 und beim vierten von Beethovens Quartetten op. 18, nicht immer der Fall. Vor allem Haydns Werk hätte es gut getan, wenn die Musiker ein bisschen mehr losgelassen hätten. Da war der Eingangssatz, in dem die Spieler ebenso witzig wie klug zwei Quinten im Kreise herum reichen; dann das Andante, in dem der Primarius eine schmachtende Melodie – liebevoll, aber auch ein bisschen ironisch – über einen Klangteppich von gezupften Tönen legt; danach das Nachklappern der tiefen Streicher im Menuett; schließlich die Virtuosengesten des Cavatinen-artigen Finales: All dies wirkte bis ins Detail hinein exzellent geplant und dargeboten, hätte aber gewonnen, wäre es eine Spur befreiter erklungen. Ähnliches galt für Beethovens op. 18/4, dessen Zentrum wie bei Haydn zwei Sätze im Dreivierteltakt bilden. Das Fugato im Scherzo klang beim Quatuor Modigliani klar und kühl wie Marmor, die Sforzato-Akzente auf der dritten Zählzeit im Menuett kamen auf den Punkt, und das Abschluss-Prestissimo war tatsächlich eines: Wahnsinn! Dennoch hätte auch der große Jubilar des Jahres gewonnen, hätten die vier Franzosen ihre zweite Zugabe, Schostakowitschs augenzwinkernd durchs Tanzgenre polternde Polka, gleich zu Beginn ihres Konzertes gegeben. Selbst die intellektuellste aller musikalischen Gattungen verträgt es gut, wenn man ihr mal ein Lächeln schenkt oder zwischendurch auch einfach mal die Sau raus lässt.