Queen Elizabeth II. Nächste Haltestelle: Klein-Britannien

König Charles III. hält am Sarg seiner Mutter, Königin Elizabeth II., in der Westminster Hall, Wache. Foto: dpa/Dominic Lipinski

Mit dem Tod der Queen bröckeln die letzten Reste des britischen Empires. Ohne Elizabeth II. drohen die Fliehkräfte das Königreich und das Commonwealth zu zerreißen, meint Simon Rilling.

Als Elizabeth II. den Thron besteigt, ist Großbritannien eine Weltmacht. Siebzig Jahre später sind vom einstigen Glanz nur noch viel Pomp und ein Hauch schlechten Gewissens übrig geblieben. Der letzte Rest des einst weltumspannenden Empires steht vor einer ungewissen Zukunft. Denn der Tod der Queen ist mehr als das Ableben eines geschätzten Staatsoberhaupts, das nichts zu sagen hat, dafür aber umso huldvoller in die Menge winkt. Elizabeth II. war für Großbritannien die letzte Konstante einer sich rasant wandelnden Welt, das letzte Band, das die Zentrifugalkräfte des längst nicht mehr so vereinigten Königreichs bremste.

 

Ihr Tod trifft Großbritannien zur Unzeit und in einem geradezu beklagenswerten Zustand. Aus „Cool Britannia“ ist „Poor Britannia“ (armes Britannien) geworden: Die Entscheidung, die EU zu verlassen, katapultierte das Land in einen permanenten Krisenmodus. Schwer getroffen von Corona, schlittert das Königreich infolge des Ukraine-Kriegs nun in die Rezession. Und während viele Briten nicht mehr wissen, wie sie die nächste Gasrechnung bezahlen sollen, leistet sich eine zusehends entrückte Politikerkaste eine Eskapade nach der anderen. In sechs Jahren scheiterten drei Premierminister, zuletzt geradezu spektakulär Boris Johnson, der das Land mit einer fast schon atemberaubenden Inkompetenz gegen die Wand fuhr und dessen Amtszeit der britische Komiker Tom Walker als „Shakespear’sche Tragödie, verfasst von Affen an Schreibmaschinen“ bezeichnet.

Aus der Traum von einstiger Größe

Groß ist die Frustration über die beiden Parteien, die sich nur noch in ihrem Machtstreben und ihrer Unfähigkeit, die Probleme des Landes zu lösen, übertrumpfen. Ein Riss, den bislang einzig die „Großmutter der Nation“ halbwegs kitten konnte. Auch den ohnehin starken Fliehkräften in Schottland dürfte ihr Tod einen Schub geben. Aus der Traum von einstiger Größe, den viele Befürworter des Brexits geträumt hatten. Nächste Haltestelle: Klein-Britannien.

Zumal die identitätsstiftende Strahlkraft der Queen mit Blick auf das Commonwealth nicht weniger schmerzlich vermisst werden dürfte, jenen Staatenbund mit 55 seiner ehemaligen Kolonien, auf dem nach dem Brexit die wirtschaftlichen Hoffnungen Englands ruhten. Bereits 2021 sagte sich Barbados von der Krone los. Weitere werden folgen, denn auch hier war Elizabeth II. der Kitt, der alles zusammenhielt.

Rufe nach Abschaffung der Monarchie

So kündigte der Premierminister des Karibikstaats Antigua und Barbuda zwei Tage nach ihrem Tod an, in den nächsten drei Jahre ein Referendum über die Ausrufung einer Republik abzuhalten. Auch in Jamaika und Australien wird immer lauter über die Abschaffung der Monarchie diskutiert.

Bislang reichte ein Staatsbesuch der ewigen Monarchin, um die Wogen zu glätten und allzu laute Rufe nach mehr Unabhängigkeit in einem Meer kleiner Union-Jack-Flaggen zu versenken. Dass ihr Sohn Charles eine ähnliche Anziehungskraft auf die Reste des Empires ausüben könnte, erscheint ausgeschlossen. Vielmehr ist zu erwarten, dass mit Elizabeth II. auch das Empire endgültig zu Grabe getragen wird.

Der dunkle Schatten über dem Empire

Denn seine Untertanen in Übersee haben zwar den Glanz der Krone nicht vergessen, aber eben auch nicht, welche Verbrechen in ihrem Namen begangen wurden. Charles III. wird nicht nur ein verunsichertes, schwer gebeuteltes Land einen, sondern auch unangenehme Fragen nach der dunklen Vergangenheit des britischen Weltreichs beantworten müssen, nach Sklaverei, Kolonialismus und Genozid. Eine Aufgabe, der sich die nun viel gepriesene Elizabeth II. nur sehr stiefmütterlich widmete – und eine große Herausforderung für einen Mann, den bereits ein kaputter Füller aus der Fassung bringt.

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