Queer-Kunst in Schwäbisch Gmünd Gott schenkte ihr einen Vollbart

Junge Frau mit Bart: Die Heilige Wilgefortis wurde ans Kreuz geschlagen. Foto: Museum im Prediger

Es gab immer Homosexualität und Menschen zwischen den Geschlechtern – trotz Verbot. In Schwäbisch Gmünd kann man nun erstaunliche Bilder und Geschichten entdecken.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Wäre Donald Trump etwas gebildeter, hätte er wohl nicht per Executive Order entschieden, dass es in den USA nur noch zwei Geschlechter gibt. Denn Gott ist da weniger kategorisch. Zumindest hatte er ein Erbarmen, als eine schöne junge Frau nicht heiraten wollte. Sie betete, dass Gott ihr einen Bart wachsen lassen soll – mit Erfolg. Ihrem Vater gefiel das aber nicht. Am Ende wurde die Heilige Wilgefortis ans Kreuz geschlagen – mit Vollbart.

 

Im Prediger in Schwäbisch Gmünd kann man nun ein mittelalterliches Gemälde dieser jungen Frau am Kreuz sehen. Es ist eines von vielen interessanten Werken, die für die Ausstellung „Wish You Were Queer“ zusammengetragen wurden. Der Streifzug durch die Geschichte spürt das auf, was meist verheimlicht werden musste: dass Mann und Frau keine scharf abgegrenzten Kategorien sind, so, wie auch Liebe und Lust zwischen den Geschlechtern nicht so selten sind.

Verhaftet wegen Homosexualität

Im antiken Griechenland und im Römischen Reich war das kein Problem, wie zahllose homoerotischen Zeichnungen auf antiken Gefäßen beweisen. Mit dem Christentum kam die Angst vor dem „Dazwischen“ – auch wenn es bis in höchste Kirchenkreise zu finden war. Auch Carl Schlegel war schwul. Der deutschstämmige Pfarrer setzte sich in den USA bereits um 1900 für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ein. 1903 wurde er dann in Schwäbisch Gmünd wegen Homosexualität verhaftet.

Erstaunlich viele Personen und Werke in der Schau haben Bezüge zu Schwäbisch Gmünd. 2022 wurde hier eine Geschichtswerkstatt gegründet, um Lücken in der queeren Erinnerungskultur zu schließen.

Die Ausstellung, die Martin Weinzettl mit einem Team zusammengestellt hat, zeigt neben Gemälden auch Ergebnisse der Recherchen – zum Beispiel eine Zeitungsnotiz zu Irene, die sich 1976 vor einen Schnellzug aus Stuttgart warf. Sie sei psychisch krank gewesen, heißt es in der Meldung – eine gängige These, wenn es um transsexuelle Menschen ging.

Adam wurde hingerichtet

Es gibt allerhand Biografien und Schicksale zu entdecken. So war Eva Barbierer biologisch eine Frau, lebte aber mit dem Namen Adam als Mann und heiratete sogar. 1565 in Nördlingen wurde Adam/Eva hingerichtet. Sein letzter Wille, in Männerkleidern sterben zu dürfen, wurde gewährt.

Abweichungen vom starren binären Schema gab es zu allen Zeiten und in allen Kontexten – auch bei den Nazis. Ernst Haug war ein strammer Parteigenosse, verheiratet und Vater mit unauffälligem Lebenswandel – bis er bei der Wehrmacht mit einem Kameraden erwischt wurde. Nach viereinhalb Jahren Haft im Moorlager Esterwegen kam er frei und distanzierte sich fortan entschieden von rechten Ideologien.

Bei den zwei Männern, die auf einer Zeichnung von 1851 so dicht und vertraut unterm Baum dösen, bestehen kaum Zweifel daran, dass sie mehr als Freunde sind. Das Hemd aufgeknöpft, die Hand am Bein des anderen. Das sommerlich-entspannte Motiv stammt von Emanuel Leutze. Auch er kam aus Schwäbisch Gmünd, machte später aber als Maler Karriere in Amerika.

Prominente Künstler sind auch vertreten

1972 gründete sich in Schwäbisch Gmünd eine Homo-Initiative. Man bat den Oberbürgermeister um ein Gespräch. „Ich bin der Auffassung“, schrieb der zurück, „dass Sie Ihre Ziele auch allein und ohne ein persönliches Gespräch mit mir verfolgen können.“ Es ist erstaunlich, wie viele Probleme selbst moderne, aufgeklärte Gesellschaften mit dem Thema haben. So wagte das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch erst 1990, einen Kuss unter Männern zu zeigen – in der „Lindenstraße“. Es dauerte bis 1994, als endlich der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte, abgeschafft wurde.

Gemälde prominenter Künstler wie Patrick Angus oder Norbert Bisky in der Ausstellung zeigen, dass queere Themen heute zumindest in der Kunst selbstverständlich sind. Seit der Einführung der eingetragenen Lebenspartnerschaft werden auch häufiger Regenbogenfamilien thematisiert. Denn zur Akzeptanz gehört Sichtbarkeit, weshalb heute auch Trans- und Intersexualität in Debatten und der Kunst häufiger verhandelt werden – zumindest dort, wo man deren Existenz nicht leugnet und per Gesetz verbietet.

Wish You Were Queer. Museum und Galerie im Prediger, Johannisplatz 3, Schwäbisch Gmünd. Bis 26. Oktober, Di bis Fr 14 bis 17 Uhr, Do 14 bis 19 Uhr, Sa, So 11 bis 17 Uhr

Weitere Themen