Es ist still in der Schießanlage in Hirschlanden. Drei Sportschützen und eine Sportschützin stehen am Schießstand. Ihr rechter Arm ist ausgestreckt, in ihrer Hand eine Pistole. Am anderen Ende des Raumes hängen Schießscheiben. Auf ihnen ist ein Kreis zu sehen, der sich aus zehn Ringen aufbaut. Die innersten davon sind schwarzmarkiert. Darauf zielen die Schützen, wollen möglichst weit in die Mitte treffen. Ihre Hände sind ruhig, sie verharren still. Einer von ihnen bewegt die Pistole etwas, visiert die Schießscheibe genauer an. Dann wird die Stille durch den Knall eines Schusses verdrängt, gleich darauf löst sich der nächste. Ein klapperndes Geräusch ertönt, als die Kugeln auf dem Kugelfang und dem Sensor an den Schießscheiben auftreffen.
Ein ganz normales Training unter Sportschützen auf den ersten Blick. Aber diese Gruppe eint mehr als nur die Freude am Zielen und Treffen der Schießscheiben.
Eine queere Sportschützenabteilung
Sie gehören zu der Abteilung Sportschießen des Stuttgarter Sportvereins Abseitz. Alle zwei Wochen treffen sich die Mitglieder mittwochs in der Schießanlage des Schützenvereins Hirschlanden, um zu trainieren. Das Besondere: Abseitz ist ein queerer Sportverein, in der Abteilung Sportschießen trainieren schwule und lesbische Schützen und Personen, die sich mit der queeren Community verbunden fühlen.
Eine queere Schützenabteilung scheint im ersten Augenblick ein Widerspruch zum gängigen Bild eines Schützenvereins in der Öffentlichkeit zu sein. Dort treffen sich doch eigentlich alte, konservative Männer die mit ihren Gewehren auf Zielscheiben mit Tieren darauf schießen und sich danach zum Stammtisch zusammensetzen? Dieses Klischee ist natürlich mittlerweile veraltet, vielerorts werden Schützenvereine immer offener. So zum Beispiel auch der Schützenverein Hirschladen, der die Abteilung von Abseitz mit offenen Armen aufgenommen hatte, als die angestammte Anlage in Stuttgart-Vaihingen geschlossen und die Gruppe nach einem neuen Trainingsort gesucht hat.
Körperbeherrschung ist das A und O
„Wir wollen, dass es hier rot wird“, erklärt Marc Oliver Stümpflen, der Abteilungsleiter, und zeigt auf einen Bildschirm über dem Schießstand. Dort ist zu sehen, wo genau ein Schuss gelandet ist. Er wird als roter Punkt angezeigt, wenn er den zehnten Ring der Scheibe, als den innersten, getroffen hat. „Bei uns geht es nicht um Pulverdampf und Knall, sondern um Körperbeherrschung“, schildert er. Die Grundsätze beim Schießen: Statik und Ruhe. Mit wildem Geballer, wie es ebenfalls dem Klischee der Schützenvereine entspricht, hat das nichts zu tun.
Geschossen wird mit Luftpistolen und Luftgewehren, erzählt sein Stellvertreter Frank Schiele. „Die Kernkompetenzen sind Ruhe, Konzentration, Abschalten. Das hat etwas Meditatives“, schwärmt er. Schiele ist schon viele Jahre dabei, hat auch seinen Ehemann zu dem Sport gebracht. „Er war dann sehr zu meinem Leidwesen schnell besser als ich“, erzählt er lachend.
Ein geschützter Raum für queere Menschen
Insgesamt hat die Abteilung 24 Mitglieder. Der Verein Abseitz, zu dem die Abteilung gehört, ist laut Marc Oliver Stümpflen einer der größten queeren Sportvereine Deutschlands, hat 20 Abteilungen und mehr als 800 Mitglieder. Gegründet hat er die Abteilung im Jahr 2004, nachdem er mit ein paar anderen Schützen bei einem queeren Sportfestival angetreten war.
Solche queeren Vereine wie Abseitz oder die Abteilung braucht es auch heute noch, denn es gebe immer noch Leute, die sich in ihren Sportvereinen nicht outen können, erklärt Stümpflen. „Zum Beispiel beim Fußball, es gibt aber auch noch konservative Schützenvereine im ländlichen Raum.“ Er selbst ist seit 40 Jahren Mitglied in einem Schützenverein auf dem Land, hatte sich dort lange Zeit nicht geoutet. Als dann schließlich doch bekannt wurde, dass er einen Partner hat, seien die Reaktionen allerdings nur positiv gewesen. „Heute denke ich, ich hätte das viel früher machen sollen.“
Hier kann jeder sein, wie er will
In der Schießhalle in Hirschlanden ist es einfach egal, wer wen liebt oder wer sich wie zeigen will. „Hier darf jeder sein, wie er will“, spricht Stümpflen aus, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Wenn man die aktuelle Studie von Plan International betrachtet, wonach sich 48 Prozent der Befragten gestört fühlen, wenn Männer ihr Schwulsein in der Öffentlichkeit zeigen, kann man diese Botschaft aber wohl nicht oft genug wiederholen. „Wir sind als Abteilung überhaupt nicht schrill“, erläutert der Leiter. „Das macht es aus, dass es nicht zu bunt und verrückt ist, sondern dass es einfach normale Menschen sind“, fügt Dajana Suhr hinzu. Sie selbst ist heterosexuell, seit einem Dreiviertel Jahr Schützin in der Abteilung und nimmt mit ihrer Familie am Training teil.
Die sexuelle Orientierung der Mitglieder ist in der Abteilung eigentlich zweitrangig. Stümpflen gibt zu, dass er von manchen Mitgliedern gar nicht wisse, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen zu fühlen. „Bei uns stehen der Sport und die Kameradschaft im Vordergrund“, sagt der Abteilungsleiter.
Fast schon eine kleine Familie
Wie innig die Gemeinschaft ist, merkt man beim gemeinsamen Abendessen nach dem Training, das sogar fast wichtiger zu sein scheint, als das Schießen. Sie versammeln sich auf der Terrasse der Vereinsgaststätte in Hirschlanden unter aufgespannten weißroten Sonnenschirmen. Am Tisch brandet Lachen auf, als sich Marc Oliver Stümpflen zu seinem Salat eine Portion Pommes ordert. „Ich bin dafür bekannt, dass ich sonst bei allen die Pommes klaue“, erzählt er. Die Schützen unterhalten sich vertraut, es ist, als würde man bei einer Familie mit am Tisch sitzen. Eine kameradschaftliche, wertschätzende und offene Gemeinschaft. Schließlich verabschieden sie sich mit einer herzlichen Umarmung. In zwei Wochen werden sie wieder die Schießscheiben zum Klappern bringen, wie das Sportschützen eben tun.