Die katholische Kirche hat ein schwieriges Verhältnis zur Homosexualität. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle
Die katholische Kirche findet es offiziell nicht in Ordnung, wenn Homosexualität ausgelebt wird: Warum wollen manche queere Menschen trotzdem der Kirche angehören?
Florian Gann (Text) und Sebastian Ruckaberle (Illustration)
10.09.2025 - 06:00 Uhr
Frauen, die sich küssen, Männer, die sich zu ihrer Liebe zu anderen Männern bekennen: Im Jahr 2022 machten Menschen aus dem Umfeld der katholischen Kirche in der Bilderserie #OutInChurch öffentlich, dass sie homosexuell oder trans sind. Damals riskierten die Menschen mitunter ihre Jobs, wenn sie in kirchlichen Berufen gearbeitet hatten. Heute ist die Kirche eine andere: Die private Lebensführung ist kein Kündigungsgrund mehr, homosexuelle Menschen dürfen in einem bestimmten Rahmen gesegnet werden. Aber gleichgeschlechtliche Sexualität darf in diesem Glauben eigentlich nicht stattfinden. Wie kann man queer sein und trotzdem seinen Glauben leben? Zwei Menschen aus Stuttgart erzählen ihre Geschichte, wie sie sie erlebt haben.
Rafael Steinbach (21): An seinem Tiefpunkt wird er gekündigt
Rafael Steinbach holt sich im Jahr 2021 seine Corona-Impfung ab. Der damals 17-Jährige sitzt mit seiner Mutter die übliche Nachbeobachtungszeit ab. Er schreibt Nachrichten mit einem Mann. Auf dem Display ploppen Emojis auf, die man in einer platonischen Beziehung nicht unbedingt verwendet. Die Mutter schielt kurz auf sein Handy und sagt: „Rafael, bist du andersrum?“ So erinnert er sich daran. Dieser kleine Moment hat Rafael Steinbach ungeplant vor seiner Familie geoutet. Gleichzeitig arbeitet er in einer kirchlichen Institution. Für ihn stellen sich nun zwei Fragen: Wie wird meine Familie, aber auch mein Arbeitgeber damit umgehen? Fragen, die für ihn existenziell sind.
Steinbach in der Stuttgarter Kirche St. Fidelis, wo regelmäßig ein Queergottesdienst stattfindet. Foto: Martin Niekämper
Steinbach ist ein gläubiger Mensch. Schon als Kind – er wächst in Rottweil auf – spürt er eine gewisse Berufung, in ein geistliches Amt zu gehen. Später beginnt er eine Ausbildung in seiner Diözese. Gleichzeitig weiß er: Das und seine Homosexualität, da prallen zwei Welten aufeinander. Das Buch, das er am meisten schätzt – die Bibel – sagt, dass er so nicht leben darf. Und die katholische Kirche pflegt, vereinfacht formuliert, ein schwieriges Verhältnis zur Homosexualität.
Solidarität von Kollegen, Gegenwind von der Kirche
In dieser Zeit lässt sich Steinbach auch für die Aktion #OutInChurch des Kölner Fotografen Martin Niekämper fotografieren. Begleitet wird die Aktion durch eine Dokumentation der ARD, Steinbach gibt auch Interviews. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Umfeld seines kirchlichen Jobs hätten ihn angesprochen, sagt Steinbach. Sie hätten sich mit ihm solidarisiert, auch gefragt, ob er Unterstützung bräuchte. Bis zu einem bestimmten Tag in der Berufsschule schien alles gut zu laufen.
Eines Tages hätten seine Ausbildungsleiterin und ein Lehrer zusammen in der Schule gestanden und gesagt: „Herr Steinbach, wir sehen, das hat alles keinen Wert mehr.“ So erzählt er es. Sechs Monate vor Ausbildungsende wurde ihm ein Aufhebungsvertrag hingelegt. „Ich bin dann tatsächlich eingeknickt und habe unterschrieben“, sagt Steinbach, er habe nicht die Kraft gehabt, sich dagegen zu stemmen. Er sei psychisch belastet gewesen wegen des Outings vor seiner Familie.
Keine offizielle Begründung
Eine offizielle Begründung für die Auflösung habe er nicht bekommen. Ein Kollege habe ihm nach der Kündigung erzählt, dass er ein Ärgernis in der Dienstgemeinschaft durch sein öffentliches Auftreten hervorgerufen habe, so sei es intern begründet worden. Steinbach sagt, er könne das nicht nachvollziehen, er habe in Interviews absichtlich weichgespült gesprochen.
„Die Herrschaften wussten, wie es mir damals auch mit dem Outing ging“, sagt Steinbach. „Ich war am Boden. Und alles, was die Kirche – die eigentlich immer Nächstenliebe predigt – gemacht hat, ist ordentlich nachzutreten. Und das werfe ich der Kirche heute auch ganz klar vor“, sagt er.
Er bleibt – trotz allem – in der Kirche
Danach hatte Steinbach mit dem Gedanken gespielt, aus der Kirche auszutreten. Dann sagt er sich: Damit würde ich all jene bestätigen, die mich aus der Kirche raushaben wollen. Also ist er geblieben. „Ich gebe weiterhin meine Stimme und mein Gesicht für die Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Die verzweifeln an diesen konservativen Haltungen in der Kirche und niemanden haben, der ihnen sagt: ‚Du bist okay so, wie du bist.’“
Rafael Steinbach (21) ist in Rottweil aufgewachsen und lebt heute in Stuttgart. Er arbeitet als Veranstaltungstechniker.
Heiko Hauger (51): Verliebt im Priesterseminar
Heiko Hauger wächst in einem Dorf im Südschwarzwald auf. Die Kirche ist immer schon da: Ostern, Erntedank, Himmelfahrt – christliche Feiertage prägen den Jahresablauf, der Gang in die katholische Kirche im Ort fällt nur selten aus. Als Kind ist Hauger Ministrant und der Priester sein Vorbild. Für ihn ist klar: Er will das auch werden, noch ohne genau zu wissen, was das alles mit sich bringt.
Heiko Hauger hat sein Priesterseminar einst abgebrochen und arbeitet heute nach langer Zeit wieder in einer kirchlichen Einrichtung. Foto: Florian Gann
In der Pubertät wird Hauger klar, dass er schwul ist. Zumindest irgendwie, denn ein Wort dafür hat er noch nicht. Später erkennt er, dass das keine Realität ist, die er im kirchlichen Umfeld leben kann. Er weiß: So, wie ich jetzt bin, ist aus kirchlicher Perspektive etwas falsch mit mir. Da ist auch der ständige Gedanke: Was wäre, wenn meine Familie Bescheid wüsste? Aber für Heiko Hauger kommt nicht in Frage, der katholischen Welt den Rücken zuzukehren, sie hat ihm glückliche Momente beschert. Er bewegt sich in dieser Welt wie ein Fisch im Wasser. Also arrangiert er sich in dieser Welt.
Er muss sich entscheiden: Priester sein oder einen Mann lieben?
Gleich nach dem Abitur geht es mit 20 ins Priesterseminar. Für ihn eine gute Zeit, in der er viele Freundschaften schließt. Die Mentalität dort, so erzählt es Hauger: Don’t tell, don’t ask. Also: Er erzählt niemandem von seiner Homosexualität, und es fragt auch niemand danach. Dann kommt Marius ins Spiel. Heiko Hauger ist da im elften Semester, der Weg zum fertigen Priester nicht mehr so weit.
Ihre Geschichte beginnt als intensive Freundschaft. Dann wird daraus mehr, sie verlieben sich. Ihr Gefühlszustand pendelt zwischen dem verliebten Schweben auf Wolke 7 und der Frage: Wie soll es für uns weitergehen? Sich die Liebe einzugestehen und sie öffentlich zu machen, würde auch bedeuten: Der bisher eingeschlagene Weg würde enden. Die Suche nach Beruf und Berufung, alles würde wieder von vorne beginnen.
Viele positive Reaktionen
Sie pendeln gefühlsmäßig hin und her, versuchen immer wieder, ihre Beziehung auf Freundschaft zurückzudrehen. Es klappt nicht. Vier Jahre verstecken sie ihre Beziehung, bevor sie sich für das Coming-out entscheiden. Die Zeit im Priesterseminar ist damit vorbei.
Klar, manche hätten sich schwer getan damit, der Pfarrer im Heimatdorf zum Beispiel. „Ich bin ihm trotzdem dankbar für vieles, was ich durch ihn erlebt habe“, sagt Hauger. Auch mit seiner Mutter muss er erst wieder eine gemeinsame Ebene finden. Insgesamt hätte er aber viele positive Reaktionen bekommen. Etwa von der Pfarrsekretärin zuhause. „Heiko, ich muss dir gratulieren“, habe sie gesagt. Sie habe signalisiert: „Du bist okay so, wie du bist, du gehörst dazu“, sagt Hauger. Das habe ihm zu diesem Zeitpunkt extrem viel bedeutet.
Die Kirche soll ein sicherer Ort für alle sein
Generell müsse es in der Kirche einen Safe Space, einen sicheren Ort geben, „wo die Leute mit ihrer Identität nicht infrage gestellt werden“, sagt Hauger. „Man ist ab dem Zeitpunkt, in dem man sich mit seiner sexuellen Identität offenbart, sehr verletzlich. Wenn man dann noch abgelehnt wird, ist das besonders schwierig.“ Er zitiert eine Zeile, die auf einem der #OutInChurch-Bilder zu sehen ist: „Ich will, dass du bist“ – die Botschaft vermitteln, dass man jemanden nicht verändern wolle, „das muss die Position der Kirche sein“, sagt Hauger.
Heiko Hauger (51) lebt in Stuttgart. Jahrelang arbeitete er als Bestatter. Heute ist er unter anderem im Projekt „Queersensible Pastoral“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig.
Queere Menschen zeigen sich
Ausstellung Bis zum 11. September findet im Haus der katholischen Kirche in Stuttgart die Ausstellung „Gut.Katholisch.Queer. Für eine Kirche ohne Angst“ statt. Dort sind Bilder der Initiative #OutInChurch des Kölner Fotografen Martin Niekämper zu sehen.
Finissage Am letzten Tag der Ausstellung spricht unter anderem Fotograf Niekämper ab 19 Uhr über die Entstehung der Bilderserie.
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