Cruising am Stuttgarter Fernsehturm Sex-Abenteuer ja, aber es gibt Regeln

Am Freitag haben Thomas Ulmer und Julia Zimmermann von der Polizei über eine Kampagne auf der Waldau informiert. Foto: Caroline Holowiecki

Im Wald rund um den Fernsehturm treffen sich seit Jahren Männer für schnellen Sex. Der Dreck, den sie bisweilen hinterlassen, führt jedoch zu Ärger. Eine Aktion, an der sich die Polizei beteiligt, soll Entspannung für alle Beteiligten bringen.

Es ist Freitag, kurz vor 21 Uhr. Touristen verlassen den Fernsehturm, schießen Fotos des hell erleuchteten Riesen. Der Parkplatz leert sich zusehends. Da kommt ein Mann mit dem Handy in der Hand aus dem Dunklen zu seinem Audi, schließt auf, trinkt einen Schluck. Danach sperrt er den Wagen ab – und macht sich wieder auf den Weg in den Wald. Vermutlich ist er auf der Suche nach einem Schäferstündchen. Das Dickicht auf der Waldau ist seit Jahren als Treffpunkt für schnellen Männersex bekannt.

 

Das Treiben hat allerdings einen negativen Effekt: Im Wald liegen bisweilen massig Kondome, Taschentücher und anderer Müll. „Es gab immer wieder Beschwerden“, sagt Thomas Ulmer. Er ist sowohl Polizeisprecher im Präsidium Stuttgart als auch der Vorsitzende von VelsPolSÜD, der Interessenvertretung für queere Beschäftigte in Polizei, Justiz und Zoll in Baden-Württemberg und Bayern. Anwohner und Spaziergänger beklagten sich regelmäßig über den Schmutz.

Es gab auch Beschwerden aus der queeren Community

2021 habe es zudem erstmals aus der queeren Community heraus Beschwerden gegeben, die Polizei verhalte sich homophob, weil sie Männer auf der Waldau kontrolliere. „Das sind immer unterschiedliche Wahrnehmungen, aber man hat das ernst genommen“, sagt Thomas Ulmer. In der Konsequenz habe es eine Fortbildung bei der Polizei gegeben, etwa darüber, warum sich mancher im Schutz der Dunkelheit zum Verkehr verabrede, weil zum Beispiel seine persönliche Situation es nicht zulasse, sich zu outen.

Außerdem gab es einen Runden Tisch. Herausgekommen ist eine Infokampagne des Polizeipräsidiums Stuttgart, der Stadt, von VelsPolSÜD sowie der Regenbogen-Institutionen Projekt 100% Mensch und Zentrum Weissenburg mit dem Titel: „Cruising mit Respekt“. Cruising ist das englische Wort für umherfahren. In der Schwulenszene ist damit die Suche nach einem Sexpartner gemeint.

Das ist das Ziel der Kampagne

Das Ziel der Kampagne ist, bei jenen, die sich in der Öffentlichkeit vergnügen, ein Verständnis dafür zu schaffen, was erlaubt ist und was nicht. Zentrale Aussage: Gegen Cruising spricht grundsätzlich nichts, solange die Beteiligten volljährig sind und einvernehmlich miteinander verkehren und solange keine Dritten belästigt werden, vor allem keine Kinder. Zudem wird auf dem Flyer gemahnt: „Keine mutwillige Zerstörung! Hinterlasse den Ort in einem ordentlichen Zustand! Nimm deinen Müll mit!“

Aus der Bürgerschaft ist dieser Tage zu hören, dass sich die Abfallsituation auf der Waldau entspannt habe. Es stünden auch einige neue Mülleimer im Gebiet. Am Freitagabend hat die Polizei zudem auf der Waldau Präsenz gezeigt, über „Cruising mit Respekt“ informiert und Plakate aufgehängt. „Das Ziel ist nicht zu kontrollieren, sondern aufzuklären“, sagt Julia Zimmermann, ebenfalls Polizistin in Stuttgart und wie Thomas Ulmer intern Ansprechperson für Fragen, die die queere Community betreffen. Sie spricht im Zusammenhang mit dem Wald von einem Schutzraum.

Im vergangenen und in diesem Jahr war die Polizei mit dem „Cruising mit Respekt“-Material beim Christopher-Street-Day präsent. Das eine oder andere Gespräch führen die Beamten auch in dieser Nacht unterm Fernsehturm. Nicht alle Männer sind aber bereit dazu. Der Audi-Fahrer etwa sucht rasch das Weite, als der Streifenwagen aufs Gelände einbiegt. Thomas Ulmer verwundert das nicht. „Dass jemand, der hier durchs Unterholz kriecht, von der Polizei nicht viel wissen will, ist klar.“

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