Das kulturelle Experimentierfeld in der Stuttgarter Altstadt bleibt erhalten: Die Stadt, die Anfang des Jahres das in den 1960ern erbaute Züblin-Parkhaus „zunächst mit den bestehenden Nutzungen übernommen hat“, wie Bürgermeister Thomas Fuhrmann erklärt, hat nun grünes Licht gegeben für ein queeres Projekt. Die Parkhausbetreiber von der Service Hüfner GmbH werden zu Sponsoren und finanzieren den neuen Treff. Damit erfüllt sich der Wunsch der bisherigen Betreiberin Sara Dahme, die nach dem Auszug ihres hoch gelobten Kultur Kiosk im vergangenen Dezember die gemeinnützige Gesellschaft „100 Prozent Mensch“ als ihre Nachfolgerin vorgeschlagen hat.
Das Züblin-Parkhaus bleibt vorerst für Autos und Kultur erhalten
Auch bei der Neuvermietung der Erdgeschossräume handelt es sich um eine Zwischennutzung. Zeitlich befristet ist der Mietvertrag allerdings vorerst nicht. Offiziell steht die städtebauliche Neuordnung des Areals an der Schnittstelle zwischen Bohnen- und Leonhardsviertel weiterhin auf der Projektliste der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027. Doch auf die Parkplätze könne nicht verzichtet werden, heißt es im Rathaus, solange das neue Parkhaus von Breuninger und das Haus für Film und Medien weiter hinter dem Zeitplan herhinken.
Der neue Name des Treffs lautet Utopia Kiosk, dessen Eröffnung ist für Mitte März geplant. Der queere Aktivist Holger Edmaier, der vor zehn Jahren das Projekt „100 Prozent Mensch“ gegründet hat, konnte mit seinem Team das Stadtplanungsamt überzeugen. Bereits im vorigen Oktober hatte die gemeinnützige Gesellschaft, die sich für eine „komplette Gleichstellung und Akzeptanz der sexuellen Orientierungen und die Gleichberechtigung aller Geschlechter“ einsetzt, im Rathaus ihr Konzept für den bisherigen Kultur Kiosk vorgestellt. Neben Open-Stage-Nights, Kunstausstellungen, Wohnzimmerkonzerten, Flohmärkten, Diskussionsrunden, Filmnächten, Performances, Mini-Festivals und vielem mehr soll es an zunächst drei Tagen in der Woche eine regelmäßige Gastronomie geben.
„Wir laden Menschen, die an queeren Themen interessiert sind, herzlich dazu ein, mitzumachen“, sagt Alisha Soraya, die Leiterin des Utopia Kiosks wird und nach Abschluss ihres Studiums seit dem vergangenem Jahr hauptamtlich für „100 Prozent Mensch“ arbeitet.
Queere Räume für Kunst und Kultur seien „essenziell für unsere Communities“. Mit ihrem Team will sie sich für die „Umsetzung eines solidarischen Bezahlsystems und anderen Konzepten“ einsetzen, die den Raum für viele Menschen zugänglicher machen soll. Das queere Projekt, das den zehnten Geburtstag am 1. März mit einem Konzert im Club Cann in Bad Cannstatt feiert, engagiert sich vor allem „in den Bereichen Bildung, Sichtbarkeit und Empowerment und produziert unter anderem Informationsmaterial sowie Kinderbücher zu queeren Themen“.
Christoph Hornikel, Geschäftsführer der Parkhausbetreiber von der Service Hüfner GmbH, die den neuen Treff künftig sponsert, freut sich: „Der Kultur Kiosk war ein Aushängeschild der Stadt Stuttgart – ein kleiner, aber bedeutsamer Ort für kulturelle Veranstaltungen aller Art. Wir sind glücklich, mit dem Projekt ,100 Prozent Mensch’ einen Kooperationspartner gefunden zu haben, der diesen Raum mit queerem Leben füllt und damit zu einem wichtigen, demokratiefördernden Teil Stuttgarts wird.“
Die Lehrerin und Kunstvermittlerin Sara Dahme, die den Kultur Kiosk vor drei Jahren in der Pandemie an einem schwierigen Ort der Altstadt eröffnet und zu einem kulturellen Hotspot gemacht hat, ist erleichtert, „dass wir unser Baby in gute Hände weitergeben können“. Dies helfe mit, dass Stuttgart bunt bleibe.
„Junge queere Spaces und Schutzräume für die LGBTQ+ Community werden in Stuttgart auch weiterhin dringend benötigt“, erklärt der Aktivist Holger Edmaier. Er bedankt sich für das Vertrauen der Vermieter.