Querelen bei den Ambulanzengeln aus Remseck Streit bei privatem Rettungsdienst eskaliert

Von Julian Illi 

Nachdem Ex-Mitarbeiter der Firma Ambulanzengel von gravierenden Missständen dort berichtet haben, wehren sich nun die Chefs und wittern ein Komplott. Die Stadt Stuttgart sieht keine Verfehlungen, doch interne Dokumente werfen neue Fragen auf.

Beim  Rettungsdienst Ambulanzengel, der seinen Unternehmenssitz in Remseck hat,  gibt es massiven Streit mit Ex-Mitarbeitern. Foto: StZN
Beim Rettungsdienst Ambulanzengel, der seinen Unternehmenssitz in Remseck hat, gibt es massiven Streit mit Ex-Mitarbeitern. Foto: StZN

Remseck - Das Zentrum des Konflikts liegt in einem unscheinbaren Hinterhof in einem Remsecker Gewerbegebiet direkt am Neckar. Hier befindet sich die Wache des privaten Rettungsdienstes Ambulanzengel. Es riecht es nach scharfem Desinfektionsmittel, auf einem Wäscheständer trocknen dunkelblaue Uniformen. Die Krankenwagen, die hinter dem Rolltor parken, sind blau-rot-weiß lackiert, in einem Lagerraum stapeln sich Einmalhandschuhe und Papierlaken kartonweise. Alles wirkt aufgeräumt und sauber.

Die Geschäftsleitung des Unternehmens hat hierher eingeladen, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Ihre Sicht auf einen Konflikt, der mittlerweile den Ruf der Firma bedroht. Im Mittelpunkt steht rund ein Dutzend ehemaliger Mitarbeiter. Diese hatten sich vor wenigen Wochen mit einem Hilferuf an Behörden in der Region gewandt. Tenor: Bei den Ambulanzengeln gebe es massive Missstände. Von unqualifiziertem Personal war ebenso die Rede wie von Verstößen gegen die Hygienebestimmungen und Fahrzeugen ohne Tüv. „Dort läuft alles falsch“, sagt eine Ex-Angestellte.

Chefs vermuten ein Komplott der Ex-Mitarbeiter

Simonetta Ciriolo und Manuel Fonseca sind dagegen der Meinung, dass das alles nicht stimmt. Im Gegenteil: Die Firmenchefs wittern ein Komplott von gekränkten Ex-Angestellten, die allesamt gekündigt worden seien und nun das Unternehmen schädigen wollten. Die beiden werden nicht müde zu betonen, dass es keine Missstände gebe: Alle Geräte und Autos hätten gültige Plaketten (das ist beim Rundgang der Fall). Nie habe man unqualifiziertes Personal eingesetzt, und auf die Hygiene lege man größten Wert.

Rückenwind bekommen sie inzwischen von der Stadt Stuttgart: Diese hat in den vergangenen Wochen die Vorwürfe geprüft und kommt zu dem Schluss, dass sie keine Bußgelder verhängen oder anderweitig gegen das Unternehmen vorgehen muss. Die Besatzungen auf den Krankenwagen hätten in den geprüften Fällen dem Gesetz entsprochen. Für die eingesetzten Fahrzeuge sei zudem eine aktuelle Tüv-Bescheinigung vorgelegt worden.

Ausgestanden ist die Krise für die Ambulanzengel damit aber nicht. Denn zwei andere Behörden beschäftigen sich weiterhin mit dem Rettungsdienst: Das Waiblinger und das Ludwigsburger Landratsamt prüfen ebenfalls die Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiter. Ludwigsburg mit seinem Gesundheitsamt und der Gewerbeaufsicht, weil der Firmensitz in Remseck liegt. Der Rems-Murr-Kreis ist involviert, weil die Ambulanzengel dort qualifizierte Krankentransporte vornehmen dürfen, ebenso wie in der Landeshauptstadt – und anders als im Kreis Ludwigsburg.

Stadt Stuttgart: keine Hinweise auf Missstände

Besonderes Augenmerk dürften die Prüfer dabei auf interne Dokumente legen, die auch unserer Zeitung vorliegen – und die neue Fragen aufwerfen. Denn laut eines Dienstplans sind zumindest manche der Vorwürfe der ehemaligen Mitarbeiter nicht so einfach vom Tisch zu wischen.

So wurde im September eine Mitarbeiterin eine komplette Woche in der Nachtschicht eingeteilt, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt war. Laut Jugendarbeitsschutzgesetz ist das verboten. Die Firmenchefs liefern aus ihrer Sicht zwar eine schlüssige Erklärung: Die Minderjährige habe im Rahmen ihrer Ausbildung den Nachtdienst kennenlernen sollen. Eine Einverständniserklärung des Vaters, dass die Tochter auch zwischen 22 und 6 Uhr arbeiten darf, hatte das Unternehmen eingeholt. Rechtlich macht das allerdings keinen Unterschied.

Die Geschäftsführer erklären, dass die Dienstpläne „der internen Orientierung dienen. Sie ändern sich ständig und werden immer wieder aktualisiert“. Verlässlich seien dagegen die Stempelkarten der Mitarbeiter und die Einsatzprotokolle.

Zu prüfen haben die Behörden auch, was in der Nacht auf den 10. Oktober passiert ist: Laut mehrerer Ex-Mitarbeiter musste der Einsatz eines Krankenwagens abgebrochen werden, weil die Leitstelle Stuttgart mitbekommen habe, dass die Besatzung nicht den Gesetzen entsprochen habe, weil kein ausgebildeter Rettungssanitäter an Bord gewesen sei. Der Wagen sei zurück auf die Wache beordert und das Personal ausgetauscht worden.

Was passierte in der Nacht auf den 10. Oktober?

Die Chefs der Ambulanzengel erklären hierzu, die Besatzung sei von Anfang an korrekt gewesen. Eine Ex-Mitarbeiterin habe mehrfach bei der Leitstelle angerufen und die ehemaligen Kollegen denunziert. Als eine junge Mitarbeiterin wegen der Nachfragen aus Stuttgart verunsichert gewesen sei, habe man zur „moralischen Unterstützung“ den Transport während der Schicht zurück auf die Wache gefahren, und der Geschäftsleiter Manuel Fonseca sei den Rest der Schicht mitgefahren.

Fakt ist: Der Einsatz musste in jener Nacht „unterbrochen werden“. Das bestätigt die Stadt Stuttgart als Aufsichtsbehörden über die Leitstelle. Zu den Gründe könne man wegen des Datenschutzes keine Angaben machen, heißt es aus dem Rathaus.

Dienstpläne werfen neue Fragen auf

Warum so viele ehemalige Angestellte gegen ihr Unternehmen schießen und Vorwürfe erheben, können sich die Leiter der Ambulanzengel kaum erklären. Höchstens damit, dass viele Personalwechsel nicht einvernehmlich verlaufen seien. Bei allen Gekündigten habe es „gravierende Verfehlungen“ gegeben. Einige der Kündigungen werden derzeit vor dem Arbeitsgericht verhandelt, mit anderen Ex-Angestellten hat die Firma bereits einen Vergleich geschlossen. Gegen jene, die öffentlich Vorwürfe erheben, will die Firma rechtlich vorgehen.

Sie nehme das alles sehr mit, sagt die Geschäftsführerin Simonetta Ciriolo. „Wir sind eigentlich ein Familienunternehmen.“

Verfahren eingestellt: Keine Strafe für Sanitäter

Unternehmen
Die Ambulanzengel gibt es seit 2016. Derzeit hat die Firma rund 30 Mitarbeiter. Angeboten werden Krankentransporte im Stadtgebiet Stuttgart und im Rems-Murr-Kreis, also Fahrten zur Behandlung ins Krankenhaus oder der Rücktransport zum Wohnort. Auch Fahrten zu ambulanten Behandlungen, wie zur Dialyse, gehören dazu. Das Unternehmen bietet außerdem Rückholungen aus dem Ausland an.

Zwischenfall
Anfang Oktober war es am Rande eines Verkehrsunfalls zu einem Streit zwischen einem Sanitäter der Ambulanzengel und einem Pressefotografen gekommen. Gegenüber unserer Zeitung sagte der Fotograf, er sei von dem Helfer tätlich angegangen worden. Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen und das Verfahren gegen den Sanitäter inzwischen eingestellt.




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