Joachim Schäck treibt viel Sport. Der 65-Jährige fährt lange Strecken mit seinem Handbike. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Bei einer Motorradausfahrt mit Kollegen vom Revier ist es passiert. Da fegte es Joachim Schäck in einer Kurve von der Straße. Seither ist der Stuttgarter querschnittsgelähmt, aber nicht gebrochen. Mit Sport motiviert er nicht nur sich selbst.
Sie waren zu fünft bei der schicksalhaften Ausfahrt. Fünf Kollegen vom Revier Feuerbach/Weilimdorf, fünf Motorradfahrer unterwegs in den Dolomiten. Es war der 26. Juli 2010. Joachim Schäck war seit einem halben Jahr Revierleiter – und glücklich. Nach 20 Jahren bei der Kriminalpolizei, wo er sich vor allem um organisierte Kriminalität und Geldwäschebekämpfung gekümmert hatte sowie zwei Jahren Auslandsmission im Kosovo, war der Kriminaloberrat froh über die neue Position. Revierleiter „ist einer der schönsten Jobs, den man machen kann bei der Polizei“, ist er überzeugt. Da sei man nah dran am Menschen.
Die vier anderen kamen gut durch die entscheidende Kurve. Er jedoch streifte mit seiner Honda die Leitplanke, ab dann setzt die Erinnerung aus. Er erinnert sich nicht mehr, wie er abhob, nicht mehr, wie er landete. Die Erinnerung setzt erst wieder ein, als er zu sich kam: vor ihm der Baumstumpf, auf dem er aufgeprallt war. Als er feststellte, dass er sich vom Oberkörper abwärts nicht mehr bewegen konnte, war dem damals 52-Jährigen klar, was das bedeutete.
Er merkt zu spät, wenn die Beine auskühlen
Fast 13 Jahre später: Joachim Schäck kommt aus dem Park der Villa Berg heruntergefahren mit dem Handbike, biegt links in die Sickstraße ein. Er sitzt tief in dem Gefährt, die Beine liegen ausgestreckt in Schlaufen, die Arme bewegen sich schnell in kreisenden Bewegungen. Er ist ein geübter Fahrer. Meist ist er an die 35 Kilometer unterwegs – fährt zum Beispiel Richtung Stuttgart-Vaihingen und am Bärenschlössle vorbei – oder es geht vom Stuttgarter Osten Richtung Rotenberg und über Fellbach zurück nach Hause.
In diesem Jahr ist er aus Wettergründen seltener mit dem Spezialfahrrad losgekommen als sonst. Er fährt nur bei warmen Temperaturen, damit die Beine nicht auskühlen. Das merke er erst, wenn sein Körper plötzlich schlottert. „Dann brauche ich Stunden, bis ich wieder aufgewärmt bin.“ Fit hält er sich aber auch, wenn das Handbike in der Tiefgarage bleibt. Bewegung, sagt Schäck, der Übungsleiter bei zwei Vereinen ist, sei gerade für Menschen im Rollstuhl „enorm wichtig“. Das ist auch der Grund, warum er seine Geschichte erzählt: um andere zu mehr Sport zu motivieren.
Der Arzt spricht Klartext, das kommt bei dem Patienten gut an
Schäck ist ab dem sechsten Brustwirbel abwärts gelähmt. Er lag damals in drei Kliniken in Italien, wurde in Treviso operiert. „Zwei tolle Kollegen“ fuhren dem Hubschrauber jedes Mal mit dem Motorrad hinterher. Sie organisierten nach der OP den Rücktransport nach Deutschland, wo er ins Ulmer Querschnittsgelähmtenzentrum kam – für ihn ein Glücksfall. Sein Arzt habe gleich Klartext gesprochen: „Sie haben einen kompletten Querschnitt, da wird sich auch nichts mehr daran ändern.“
Natürlich bedeutete die Lähmung eine „komplette Umstellung“ seines Lebens. „Aber es hilft ja nichts. Ich versuche, das beste draus zu machen“, dachte er sich damals. Und das gilt auch heute noch. Seine Frau Dorothea Kolzenburg findet es gut, dass ihr Mann keiner ist, der mit seinem Schicksal hadert. „Hadern führt doch zu nichts“, sagt auch sie beim Gespräch am frühen Abend in der Wohnung des Polizistenpaares.
Stürzt er, kommt der 65-Jährige alleine zurück in den Rollstuhl
Im Querschnittszentrum habe die Devise gegolten: „Heute helfen wir dir, morgen machst du es selber.“ Er profitierte davon, dass er immer schon viel Sport gemacht hatte. Nach viereinhalb Monaten wurde er entlassen. Für seinen Zimmergenossen mit fast dem gleichen Krankheitsbild ging es erst nach zehn Monaten nach Hause. Der sei auch heute viel mehr auf fremde Hilfe angewiesen. Falle er vom Sofa, müsse der Nachbar kommen. Joachim Schäck schafft es alleine zurück in den Rollstuhl. Die Übung macht sich bezahlt – und das Hanteltraining.
Vor zehn Jahren hatte er sich auf die Suche nach einem Sportkurs für erwachsene Rollstuhlfahrer gemacht. Damals gab es nur in der Region Angebote. Er wurde Mitglied beim TSV Schmiden in Fellbach. Seit sechs Jahre ist er selbst Übungsleiter. Sie spielen Volleyball mit Luftballons, Tischtennis und Basketball, machen Gymnastik und weitere Bewegungsübungen. „Es geht nicht um Leistung, nur der Spaß zählt“, sagt Schäck, der ein ähnliches Angebot gerne auch in Stuttgart beim Verein Sportkultur anbieten würde. Doch dort fanden sich bisher nicht genügend Interessenten. Den 65-Jährigen wundert das. Rollstuhlfahrer dürfte es genügend in der Landeshauptstadt geben.
„Meine Frau ist meine Frau und nicht meine Pflegerin“
Das gesamte körperliche Wohlbefinden verbessere sich, wenn man als Mensch im Rollstuhl Sport treibe, sagt er. Es wirke sich positiv auf den Kreislauf, die Verdauung und die Psyche aus. Man habe weniger Schmerzen. Bei ihm habe der Sport „auf jeden Fall“ dazu beigetragen, dass er im Beruf so lange Leistung bringen konnte: Er war zuletzt als Kriminalinspektionsleiter für vier Dezernate und 170 Mitarbeiter zuständig. Im Oktober 2018 verabschiedete er sich regulär in den Ruhestand – nach 43 Dienstjahren.
Natürlich frage auch er manchmal um Hilfe, sagt Joachim Schäck, zum Beispiel im Supermarkt, wenn er beim Einkaufen etwas im Regal nicht erreichen könne. Doch was er selbst tun kann, macht er selbst. Er will nicht von anderen abhängig sein. Das gelte auch für seine Frau. „Meine Frau ist meine Frau und nicht meine Pflegerin“, betont Schäck. Die beiden hatten sich auf der Auslandsmission kennengelernt. Sie ist für ihn 2006 aus Hamburg nach Stuttgart gezogen. Beide sind sportlich, beide lieben das Reisen. Nur Tauchen gehen muss sie jetzt ohne ihn. Einmal im Jahr fährt sie in den Tauchurlaub, wissend, dass ihr Mann in der Zeit gut alleine zurechtkommt. „Ich bin beeindruckt, was er meistert“, sagt Dorothea Kolzenburg.
Das Handbike hat sich Schäck extra angeschafft – normalerweise fährt er 30 bis 35 Kilometer pro Tour. Foto: Lichtgut/
Fit im Rollstuhl
Angebot Der Verein Sportkultur Stuttgart sucht weiterhin Interessierte an einem Rollstuhl-Sport-Kurs in Stuttgart. Der Kurs richtet sich an Erwachsene und soll mittwochs von 16.30 bis 18.15 Uhr stattfinden, und zwar in der Turn- und Versammlungshalle, Hedelfinger Straße 159. Die Teilnahmegebühr beträgt für Mitglieder 5 Euro im Monat, Nicht-Mitglieder zahlen 15 Euro pro Monat. Informationen unter Telefon 0711 / 42 24 81 oder per E-Mail an info@sportkultur-stuttgart.de.