Querschnittsgelähmte Stabhochspringerin Kira Grünberg Das Leben nach dem letzten Sprung

Von Ewald Walker, Innsbruck 

Kira Grünberg ist nach einem tragischen Unfall beim Stabhochsprung-Training querschnittsgelähmt. Ein Besuch bei der 22-Jährigen in Tirol, die sich langsam in ein anderes Leben tastet.

Die Karriere der Stabhochspringerin Kira Grünberg endet im  Juli 2015 brutal. Foto: Baumann
Die Karriere der Stabhochspringerin Kira Grünberg endet im Juli 2015 brutal. Foto: Baumann

Innsbruck - Der 30. Juli 2015 ist der Tag, der das Leben der Stabhochspringerin Kira Grünberg völlig verändert. Zwei Wochen vor ihrem 22. Geburtstag stürzt sie bei einem Unfall in der Innsbrucker Trainingshalle so unglücklich auf den Einstichkasten, dass sie sich den fünften Halswirbel bricht. Die Welt der jungen Österreicherin steht seitdem auf dem Kopf.

„Ich habe meine Arme und Beine nicht mehr gespürt, da war mir gleich alles klar“, erinnert sich die österreichische Rekordhalterin unter Tränen noch genau an ihren Unfall. „Kira hat sofort registriert, was los war“, ergänzt Frithjof Grünberg, Vater und Trainer der aus Reutlingen stammenden Sportlerin. Tausendmal hat sie diesen Bewegungsablauf schon ausgeführt, tausendmal ist nichts passiert. Ihr erster Trainingssprung an diesem Tag wird für immer ihr letzter Sprung sein. Es ist nichts mehr, wie es vorher war: es ist ein Sprung, der ihr Leben verändern wird – denn die Diagnose lautet: Querschnittslähmung.

Zwischen dem vierten und sechsten Halswirbel setzt man ihr eine Metallplatte ein. Seit Ende August 2015 befindet sich Grünberg in Bad Häring, rund 70 Kilometer von ihrem Wohnort in Innsbruck-Kematen entfernt. Über ihren Manager Tom Herzog gibt Kira Grünberg aus der Reha schon bald ein bemerkenswertes Signal:

„Ich weiß, dass ich jetzt eine Verantwortung habe und werde versuchen, jeden Tag zu trainieren und zu kämpfen, so wie wir es früher auch gemacht haben. Vielleicht erreichen wir doch mehr als alle glauben, und dann kann ich sicher vielen Menschen mit einem ähnlichen Schicksal etwas zurückgeben. Nämlich die Hoffnung und Kraft, die mir jetzt so viele Menschen schicken.“

Die Eltern kämpfen für ihre Tochter

Die Sportszene hat die junge Athletin mit großer Anteilnahme bedacht. Auch Politiker haben sie am Krankenbett besucht. Das Medieninteresse in über 80 Ländern war riesengroß. Doch wenn die Kameras ausgehen, ist Kira Grünberg mit ihren Eltern, den Ärzten und ihrem Schicksal wieder allein. Die Eltern kämpfen für ihre Tochter. Manchmal geht es über ihre Kräfte, Tag für Tag am Bett der Tochter zu sitzen, die kleinen Fortschritte zu begleiten.

„Ich war immer ihr Trainer, und ich werde auch jetzt ihr Betreuer bleiben“, sagt Frithjof Grünberg entschlossen und ergänzt: „Kira wird drei Jahre brauchen, um sich psychisch von diesem Unfall zu erholen.“ Dazu gehört auch, sich von den sportlichen Träumen zu verabschieden. „Alle Visionen, die Kira für sich und wir für unsere Tochter hatten, sind mit einem Mal zusammengebrochen“, sagt Mutter Karin Grünberg. Die Olympischen Spiele in Rio in diesem Sommer und die in vier Jahren in Tokio waren die großen sportlichen Ziele.

„Kira wurde von ihrem Vater sehr behutsam aufgebaut“, sagt Herbert Czingon , 35 Jahre lang Bundestrainer, der zuletzt 18 Monate auch mit Kira Grünberg zusammengearbeitet hatte. „Sie hatte das Potenzial, in naher Zukunft in die Bereiche vorzustoßen, in denen man internationale Medaillen gewinnt“, glaubt Czingon. Doch ihre große Leidenschaft hat Leiden geschaffen. Statt Sprünge in die internationale Spitze, der Griff nach Medaillen und Erfolgen, liegt ihre Zukunft nun in der Rehabilitation, im Rollstuhl.

Das Haus in Kematen muss behindertengerecht umgebaut werden, dies ist auch finanziell ein Kraftakt für die Familie. Mitte Februar ist Kira Grünberg erstmals seit Weihnachten wieder zuhause. Sie sitzt im Rollstuhl am Küchentisch. Ihre Stimme ist leise. „Ich bin halt immer auf Hilfe angewiesen“, sagt die blonde junge Frau. Die Querschnittslähmung fordert auch psychisch alles von ihr. Freund Christoph hält zu ihr. Ein wichtiger Rückhalt.

Vieles muss wieder neu erlernt werden

„Nie aufgeben, das Leben neu gestalten“, hat sich Kira Grünberg als Motto inzwischen vorgegeben. Mit den Handballen kann sie inzwischen ihren Rollstuhl langsam vorwärtsbewegen. Sie musste auch wieder lernen richtig zu atmen. Im Wechsel mit dem Bizepsmuskel und der Schwerkraft kann sie ihr Handy bedienen, mit einem Stift zwischen den Fingern schreibt sie „Kira“ auf weißes Papier – ein eindrucksvolles Dokument. Zum Essen bekommt sie Löffel und Gabel mit einer Manschette ans Handgelenk befestigt. Das Leben komplett neu gestalten, das ist die Folge der Querschnittslähmung. Demnächst soll ihr ein Hund, der derzeit für diese Zwecke ausgebildet wird, im Alltag helfen.

„Nein“, sagt sie, Stabhochsprung ist nicht gefährlicher als andere Disziplinen in der Leichtathletik“, und wischt so die Zweifel an ihrem Sport beiseite. Sie wird in ihrer Einschätzung von Herbert Czingon unterstützt. „Stabhochsprung birgt wie jede andere Disziplin ein gewisses Risiko. Wenn man das verfügbare Wissen und Können einbringt, ist es aber überhaupt nicht gefährlich. Die Verletzungsrisiken sind hier nicht höher als beim Hürdenlauf oder Weitsprung“, sagt der Trainer.

Der Vater ist jetzt der Zukunftsplaner

Frithjof Grünberg hat begonnen, das Haus rollstuhlgerecht umzubauen. „Hier entsteht eine Rolli-Dusche, dort kommt der Aufzug hoch, und da sollen die Therapieräume für Kira entstehen“ sagt Grünberg.Er ist jetzt mehr Zukunftsplaner, viel weniger Trainer.

Kira Grünberg wurde inzwischen zur Botschafterin des österreichischen Teams für die Olympischen Spiele im Sommer in Rio bestimmt. „Ich soll die Sportler motivieren“, sagt sie und freut sich auf die Aufgabe. Auch für Wings for Life wurde sie zur Botschafterin ernannt. Die Organisation fördert Forschungsprojekte mit dem Ziel, irgendwann die medizinische Heilung der Querschnittslähmung zu erreichen und damit Betroffenen ein Leben ohne Rollstuhl zu ermöglichen.

„Das wäre ein großer Wunsch von mir“, sagt sie. Diese verschiedenen Rollen geben ihr offensichtlich Kraft. „Kira ist durch den Unfall ein noch wunderbarer Mensch geworden“, beschreibt ihr Manager Tom Herzog Veränderungen. Im März wird Kira Grünberg aus Bad Häring nach Hause zurückkehren. Es sind für 2016 und 2017 spezielle Rehabilitationsaufenthalte in Deutschland und USA vorgesehen. Der Weg in das andere Leben ist lang.