„Früher waren wir gemeinsam dort“, sagt Lara Lindmayer, „jetzt hängt nur noch sein Trikot im Stadion.“ Es erinnert an einen tollen Sportsmann. Aber auch an einen tragischen Unfall.
Am 3. Februar war Mike Glemser (25) mit seinem Team zu Gast beim SC Riessersee. Nach einem Check prallte er mit seinem Kopf rückwärts gegen die Bande, blieb regungslos liegen, spürte seine Arme und Beine nicht mehr. Mit dem Helikopter wurde er in die Unfallklinik nach Murnau transportiert. Nach zwei Operationen und zehn Tagen im künstlichen Koma stand fest: Glemser ist querschnittgelähmt. Seither geht es nicht mehr um Tore und Punkte auf dem Eis. Sondern um Siege über den eigenen Körper.
Mike Glemser benötigt keine Beatmungsmaschine mehr
Zuletzt erkämpfte sich Glemser einen bemerkenswerten Erfolg. Seit Mitte vergangener Woche kann er wieder alleine atmen. Die Maschine, an die er anfangs immer und später die meiste Zeit angeschlossen sein musste, benötigt er nicht mehr, die Kanüle in seinem Hals auch nicht. „Das bringt ihm ein großes Stück Selbstständigkeit zurück“, sagt Lara Lindmayer (24). „Es ist ein wichtiger Fortschritt, auch wenn er selbst das gar nicht so empfindet. Umso wichtiger ist es, ihn zu motivieren, ihm positives Denken zu vermitteln und neue Kraft zu geben.“ Es ist eine Grenzerfahrung. Auch für die Menschen, die sich um Mike Glemser kümmern.
Wenn Lara Lindmayer über die vergangenen Wochen spricht, gerät sie immer wieder ins Stocken. Oft fließen Tränen. Und zugleich ermahnt sie sich ständig, stark zu bleiben. „Unser Leben hat sich total verändert“, sagt sie, „ich muss jetzt eine Stütze für ihn sein.“
Den Tag, an dem sich das Schicksal wendete, wird Lara Lindmayer nie vergessen. Sie war zu Hause in Stuttgart, eine Freundin feierte eine Babyparty. Via Instagram bekam sie mit, dass beim Spiel in Garmisch-Partenkirchen etwas Schlimmes passiert war. Und dass es um Mike Glemser ging. Am nächsten Morgen, in der Unfallklinik in Murnau, erklärte ihr der behandelnde Arzt, wie schwer das Rückenmark ihres Freundes beschädigt worden ist. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf, als sie ihn leb- und hilflos auf der Intensivstation liegen sah. Nur einer nicht. „Ich habe keine Sekunde daran gedacht zu gehen. Mir war von Anfang an klar, dass wir das gemeinsam durchstehen werden.“
Starke Unterstützung von den Arbeitgebern
Mike Glemser und Lara Lindmayer stammen aus Stuttgart, erstmals getroffen haben sie sich vor zwei Jahren in Hannover. Und lieben gelernt, nachdem der Eishockeyprofi im vergangenen Sommer nach Rosenheim gewechselt war. Kurz vorher ist Lara Lindmayer, die in München bei der Deutschen Funkturm (einer Telekom-Tochter) arbeitet, ins nur 40 Kilometer entfernte Ebersberg gezogen. „Bei uns war viel Zufall im Spiel“, sagt sie, „aber letztlich hat alles Sinn ergeben.“ Was sich seit dem Unfall nicht verändert habe. Im Gegenteil. „Ich kann das nur schwer in Worte fassen“, sagt Lara Lindmayer, „aber durch die letzten Wochen ist unsere Verbindung extrem gestärkt worden.“
Zusammen mit Vater Kenneth Glemser, der in Vaihingen für Mercedes-Benz Global Training arbeitet, wohnt Lara Lindmayer in einer Wohnung in der Nähe der Klinik, die ihnen vom SC Riessersee vermittelt worden ist. Ihr Apartment in Ebersberg hat sie gekündigt, die Möbel in Stuttgart zwischengelagert. Beide werden von ihren Arbeitgebern stark unterstützt, können sich ihre Aufgaben flexibel einteilen. Lara Lindmayer erledigt ihren Job vor allem in der Nacht und frühmorgens: „Schlafen kann ich sowieso nicht.“
Lara Lindmayer überspielt ihre Traurigkeit
Seit dem Unfall war sie an jedem Tag im Krankenhaus, oft länger, als es die eigentlichen Besuchszeiten erlauben. Weil sie spürt, dass jede Minute an der Seite ihres Freundes wichtig ist. „Wenn Leute bei ihm sind, dann versucht er, der alte Mike zu sein“, erklärt sie, „doch wenn wir alleine sind, kommt es schon vor, dass er sein Leben infrage stellt. Manchmal sagt er sogar, er würde jetzt am liebsten aus dem Fenster im dritten Stock springen. Es ist meine Aufgabe, ihn immer wieder aus diesen Löchern rauszuholen.“ Egal, wie sie selbst sich gerade fühlt.
Besonders schlimm war der Tag, an dem Lara Lindmayer die Nachricht erhielt, dass eine Freundin von ihr unerwartet verstorben ist. Normalerweise versucht sie, nicht zu weinen, wenn sie bei ihrem Freund im Krankenhaus ist. Doch diesmal konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. „Ich weiß ja, dass er nicht in der Lage ist, mich in den Arm zu nehmen und zu trösten. Deshalb kann und will ich ihn nicht mit meiner Traurigkeit belasten“, sagt die 24-Jährige, „stattdessen muss ich ihm Energie geben. Jeden Tag.“ Schließlich gehe es darum, niemals aufzugeben. Und um kleinste Fortschritte zu kämpfen.
Positive Beispiele für Mike Glemser
Mittlerweile durfte Mike Glemser die Beatmungsstation verlassen, er wurde in die Reha-Abteilung verlegt. Nächstes Ziel ist, seinen Kreislauf sowie die Kopf- und Rumpfmuskulatur so zu stabilisieren, dass es für ihn irgendwann möglich sein wird, länger im Rollstuhl zu sitzen und nicht mehr den ganzen Tag liegen zu müssen. Zugleich hat er nun Patienten um sich, die positive Beispiele sind. „Er sieht, was sich bei manchen, denen es anfangs so erging wie ihm, im Lauf der Zeit alles verbessert hat und wie diese Leute ihr Leben meistern“, sagt Vater Kenneth Glemser, der enorm froh ist, sich die Last und Verantwortung mit Lara Lindmayer teilen zu können: „Wie sie mit der Situation umgeht, ist gigantisch. Sie ist erst 24 Jahre alt und lässt doch keinen Zweifel daran, für Mike da sein und mit ihm leben zu wollen. Sie ist eine absolut bewundernswerte Persönlichkeit.“
An diesem Dienstag stehen die Starbulls Rosenheim erneut auf dem Eis. Im ersten Duell des Play-off-Viertelfinales geht es gegen die Tilburg Trappers. Lara Lindmayer wird wieder im Stadion sein, viele Fragen nach ihrem Freund beantworten, sich für die große Anteilnahme bedanken. Und fühlen, dass es nie mehr so sein wird, wie es früher war. Vor dem Unfall, der alles verändert hat.
Unterstützung für Mike Glemser
Anteilnahme
Noch immer gehen sehr viele Nachrichten bei den Angehörigen von Mike Glemser ein. „Die Anteilnahme ist unfassbar groß“, sagt Lara Lindmayer, die Freundin des querschnittgelähmten Eishockeyprofis aus Stuttgart, „ich lese mir alles durch, tausche mich mit den Leuten aus. Das tut gut, weil wir spüren, dass wir nicht alleine sind. Auch Mike freut sich sehr, dass so viele Menschen an ihn denken und hinter ihm stehen.“
Spendenaktion
Die von den Starbulls Rosenheim initiierte Spendenaktion zugunsten von Mike Glemser läuft weiter. „Was Vereine und Einzelpersonen hier leisten, ist überwältigend“, sagt Lara Lindmayer. Mittlerweile sind rund 600 000 Euro zusammengekommen. Alle Informationen gibt es im Internet unter www.starbulls.de/bestrong.