Quo vadis, Waldenbuch? Stadt mit zwei Gesichtern

Von Thomas Krämer 

Die Schönbuchgemeinden sind im Umbruch. Die früheren Bauerndörfer wandeln sich fast schon in kleine Städte. In einer Serie beleuchten wir die Entwicklung einzelner Quartiere. Diesmal: Waldenbuch.

Die pittoreske Altstadt ist ein Teil von Waldenbuch. Der andere ist oben auf dem Kalkofen entstanden. Foto: Thomas Krämer
Die pittoreske Altstadt ist ein Teil von Waldenbuch. Der andere ist oben auf dem Kalkofen entstanden. Foto: Thomas Krämer

Waldenbuch - Waldenbuch selbst ist ein artiger, zwischen Hügeln gelegener Ort mit Wiesen, Feld, Weinbergen und Wald und einem herrschaftlichen Schloss.“ 1797 schrieb Goethe diese Worte in sein Reisetagebuch, als er auf dem Weg in die Schweiz war. Seine Zeilen stimmen bis heute – und auch wieder nicht. Denn Waldenbuch schmiegt sich zwar immer noch ins Aichtal, wird überragt vom Turm der Stadtkirche St. Veit, von den dicken Mauern des Schlosses und von den Giebeln der viele hundert Jahre alten Fachwerkhäuser der historischen Altstadt. Große Teile Waldenbuchs liegen jedoch längst nicht mehr zwischen Hügeln, sondern darauf. Denn vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg drängten die Menschen in den Ort.

Zwischen 1939 und 1961 verdoppelte sich die Einwohnerzahl auf 4475. Rund um den Altstadtkern im Aichtal wurde der Platz knapp. „Das zusammengedrängte Wohnen führt, abgesehen von gesundheitlichen Schäden, oft zu Streitigkeiten zwischen Vermieter und Mieter“, beschrieb Bürgermeister Ludwig Blümlein 1950 die Situation, auch das Verhältnis zwischen Neu- und Altbürgern würde darunter leiden. Daher wurde außerhalb der Altstadt gebaut.

In den 1960er Jahren entstand auf dem Kalkofen ein rund 18 Hektar großes, zweites Stadtzentrum, wo schließlich mehr Einwohner lebten als im Altstadtkern. Und das hatte Folgen. Das Schulhaus bei der Kirche wurde geschlossen und 1956 durch die Oskar-Schwenk-Schule ersetzt. „Oben“ wurden auch das Sportgelände und 1974 das Hallenbad gebaut. Es siedelten sich Geschäfte an, die Stadtbücherei bekam ihren Platz. Und auf der großen Freifläche neben dem Hallenbad könnte nach aktuellen Planungen schon bald ein Mehrgenerationenhaus entstehen. „Das ist ein weiterer Baustein unseres Konzepts einer kompakten Stadt mit kurzen Wegen“, sagt Bürgermeister Michael Lutz. Doch der Altstadtkern wurde bei all dieser Entwicklung auf dem Kalkofen nicht vergessen und in den 1980er Jahren in das Landessanierungsprogramm aufgenommen. Aktuell sind weitere Verbesserungen geplant. Ein Alt gegen Neu, Unten gegen Oben gebe es laut Lutz nicht. „Die Bürger im neuen Teil finden sich im historischen Stadtkern wieder, es gibt ein Miteinander im Bewusstsein um diesen Schatz.“ Und die Verbindung im wahren Wortsinne könnte demnächst ein Bürgerbus herstellen, der die Stadtteile anfahren soll.

Früher hat es hier viele Handwerker gegeben

Doch wovon lebten und leben die Menschen? „Waldenbuch war ein Bauerndorf“, sagt der Ur-Waldenbucher Walter Rebmann, der viele Jahre als „Nachtwächter“ Besucher durch die historische Altstadt führte und die Menschen mit seinen Anekdoten zum Schmunzeln brachte. Auch Handwerker habe es viele gegeben, „Korbmacher zum Beispiel, Holzfäller und Schreiner“ – was bei der Lage inmitten des Waldes wenig verwunderlich ist. Die Äcker und Wiesen waren karg, eigneten sich bisweilen nur für die Viehzucht, so dass besonders die Kleinbauern weitere Einnahmequellen brauchten. Die seit 1780 durch den Ort führende Schweizerstraße als wichtige Nord-Süd-Verbindung mit bis zu zwölf Postkutschen täglich war nach Ansicht von Lutz zusammen mit dem Schloss die Grundlage für die Entwicklung der Stadt. Doch die Strecke verlor ihre Bedeutung, als 1861 die Eisenbahnverbindung durch das Neckartal fertig wurde. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts besserte sich die Situation, als zuerst eine Busverbindung nach Tübingen und Degerloch eingerichtet wurde und ab 1928 die Züge der Siebenmühlentalbahn nach Leinfelden fuhren. Die Konkurrenz durch das Auto brachte der Linie 1955 das Ende – sie ist heute ein beliebter Wander- und Radweg.

Zeitgleich mit der besseren Anbindung änderte sich ab 1930 die Struktur der örtlichen Wirtschaft, als die Schokoladenfabrik Alfred Ritter von Stuttgart nach Waldenbuch zog, und Mitte des 20. Jahrhunderts das Haka-Werk sowie die Firma Nau Blechwarenwerk erstmals in größerer Zahl industrielle Arbeitsplätze anboten. Mit der zunehmenden Motorisierung bekam die alte Schweizerstraße unter dem weniger poetischen Namen B 27 eine neue Bedeutung. Sie verband Tübingen mit Stuttgart. Die neue B 27 brachte Waldenbuch eine Entlastung, gleichzeitig dem Handel eine neue Herausforderung, da nun die Autos den Ort großräumig umfuhren.

Waldenbuch stößt an seine Grenzen

Wie die anderen Kommunen in der Region stößt auch Waldenbuch mittlerweile an seine Grenzen. Lutz will die Innenentwicklung forcieren. Ansonsten sieht der Bürgermeister momentan Platz für weitere 300 bis 400 Einwohner. „Die Regionalplanung erlaubt keine großen Sprünge.“ So könnten auf vier Hektar Fläche zwischen dem nördlichen Ortsrand von Waldenbuch und dem Hasenhof Wohnungen entstehen, außerdem im kleineren Maßstab rund um die Oskar-Schwenk-Villa. Das geplante Baugebiet auf dem Sportgelände des TSV – und der damit verbundene Neubau der Sportanlagen am Hasenhof – war jüngst aus finanziellen Gründen gescheitert. Auch für neues Gewerbe wird der Platz knapp. Die Firma Ritter hat sich im Gewerbegebiet Bonholz vier Hektar Fläche gesichert, ansonsten gibt es dort noch freie Flächen nördlich des Bauhofs. „Wir müssen uns bei jeder Ansiedlung Gedanken machen, für welches Gewerbe die Flächen geeignet sind“, sagt Lutz und bezieht sich damit auf die Lage ein Stück abseits der Fernstraßen sowie die Topografie – im Aichtal sind wegen des Hochwasserschutzes die Möglichkeiten beschränkt. „Wir zielen darauf, für die noch vorhandenen Flächen zukunftsorientierte Kleinbetriebe aus Handwerk, Handel und Dienstleistung zu gewinnen, die auch weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen sind“, sagt Lutz.

Waldenbuch hat sich vor allem in den vergangenen Jahren zu einem attraktiven Ausflugsziel entwickelt. Und das nicht nur, weil die pittoreske Altstadt die Besucher lockt, sondern auch wegen zweier überregional bedeutender Museen. Da ist zum einen das 1989 dort vom Land eröffnete Museum der Alltagskultur im Schloss, zum anderen das Museum Ritter, das seit seiner Eröffnung im Jahr 2005 mehr als 500 000 Besucher in den Ort gelockt hat. Und dann kocht auch noch der jüngste Sternekoch Deutschlands in einem der einst 19 Waldenbucher Gasthäuser.

Waldenbuch sei zudem ein sehr schöner Ort zum Wohnen, sagt Erich Laich. „Mittlerweile gibt es auch wieder genug Einkaufsmöglichkeiten.“ Ein großer Vorteil des Ortes sei, dass man nicht zu schnell gewachsen sei und die Neubürger gut integriert worden seien. Und die Lage am Rande des Naturparks und auch der Radweg durch das Aichtal würden zum hohen Erholungswert der Stadt beitragen.