Rad-Olympiasiegerin Lisa Brennauer Feuer und Flamme für das neue Rennen in Stuttgart

Lisa Brennauer nach ihrem letzten Rennen bei den European Championships in München: Auch nach der aktiven Karriere hat die Olympiasiegerin im Radsport viel vor. Foto: dpa/Marius Becker

Auch nach ihrer erfolgreichen Profikarriere dreht sich bei Lisa Brennauer viel ums Rad: Die Olympiasiegerin ist Sportliche Leiterin des Women’s Cycling Grand Prix, der an diesem Sonntag Premiere feiert – und für den es ehrgeizige Pläne gibt.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Oft fällt es Sportstars schwer, den richtigen Moment für den Abschied zu finden. Weil es alles andere als einfach ist, aus dem Rampenlicht zu treten, nicht mehr um Siege zu kämpfen, plötzlich ein komplett anderes Leben zu führen. Lisa Brennauer hat ihre Entscheidung, nach den European Championships 2022 in München aufzuhören, trotzdem nicht bereut. Denn die Allgäuerin aus Kempten, eine der erfolgreichsten deutschen Radsportlerinnen, ging auf dem Höhepunkt ihrer Karriere – gesund, in Topform, selbstbestimmt. Und sie war guter Dinge, danach nicht in ein Loch zu fallen. Bisher lief alles nach Plan. Auch wegen einer Premiere in Stuttgart.

 

Lisa Brennauer ist Sportliche Leiterin des Women’s Cycling Grand Prix, der an diesem Sonntag erstmals stattfindet. In das Frauenrennen von Tamm (Kreis Ludwigsburg, Start um 12.15 Uhr) in die Stuttgarter Innenstadt (Ziel am Marienplatz) hat sie viel investiert: Zeit, Wissen, Erfahrung, Herzblut, Kontakte. „Ich war für dieses Projekt sofort Feuer und Flamme“, sagt sie, „schließlich habe ich immer gefordert, dass in Deutschland mehr für den Frauenradsport getan werden muss. Es ist die perfekte Gelegenheit für mich, einen Beitrag dazu zu leisten.“ Als führende Expertin.

Lisa Brennauer erwartet ihr erstes Kind

Rund 15 Jahre gehörte Lisa Brennauer (35) zur Weltspitze, auf der Bahn und auf der Straße. Höhepunkt ihrer Karriere war das Jahr 2021, als sie mit dem deutschen Bahnvierer alles abräumte: Es gab Olympia-, WM- und EM-Gold, dazu WM- und EM-Titel in der Einzelverfolgung. Insgesamt war die Zeitfahrspezialistin siebenmal Weltmeisterin und holte 30 Medaillen bei Großereignissen. „Eine bessere Sportliche Leiterin hätten wir nicht finden können“, sagt Albrecht Röder, der Organisator des Stuttgarter Rennens, „sie ist super engagiert, hat uns viel Input gegeben. Wir waren total begeistert.“

Die Veranstaltung selbst findet allerdings ohne Lisa Brennauer statt – sie erwartet in diesen Tagen ihr erstes Kind. Und wird daheim in Kempten verfolgen, wie sich ihr sportliches Baby entwickelt. „Stuttgart wird großartig“, sagt sie, „da bin ich mir ganz sicher.“ Weshalb sich Lisa Brennauer gut vorstellen kann, an der weiteren Entwicklung des Rennens mitzuwirken, hin von einem Wettbewerb der dritten zu einer Veranstaltung der Top-Kategorie. „Die wichtigsten Voraussetzungen in Sachen Organisation, Know-how, Finanzierung und Unterstützung der Kommunen erfüllen wir schon jetzt“, sagt sie, „unser Ziel muss sein, irgendwann zur World-Tour zu gehören.“

Neuer Job als Bundestrainerin

Wer mit der früheren Athletin spricht, spürt sofort, wie sehr sie noch für ihren Sport brennt. Die Titelsammlerin ist zwar froh, die Qualen auf einer Bergetappe oder den Kopfsteinpflasterpassagen bei Paris-Roubaix nicht mehr erleben zu müssen, die schönen Seiten aber vermisst sie durchaus: den Zusammenhalt innerhalb eines Teams, das Feiern nach gemeinsamen Erfolgen, das Rundum-sorglos-Paket, das Profis auf ganz hohem Niveau geboten wird. „Erst danach merkt man, wie viel Selbstständigkeit das normale Alltagsleben erfordert“, sagt Lisa Brennauer, „umso mehr war es bei mir Zeit für einen neuen Lebensabschnitt.“ In dem sich ja immer noch viel ums Rad dreht.

Lisa Brennauer ist Berufssoldatin bei der Bundeswehr (Dienstgrad Hauptfeldwebel) und als solche weiterhin freigestellt für den Sport. Sie arbeitet in einem Dreier-Team als Bundestrainerin für den weiblichen Bereich, kümmert sich meist um den U-23-Nachwuchs (Straße und Bahn) – und gibt ihre Erfahrungen gerne weiter. „Ich habe schon als Athletin viel über Taktik und Rennplanung nachgedacht“, sagt sie, „dieses Wissen versuche ich nun zu vermitteln.“ Weil alles viel komplexer geworden ist.

Es gibt noch viel zu tun im Frauenradsport

Der Frauenradsport hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Um ein Weltklasse-Team zu finanzieren, braucht es mittlerweile einen Etat zwischen sechs und acht Millionen Euro, es gibt nun eine Tour de France für Frauen, einen eng getakteten Wettkampfkalender, eine hohe Leistungsdichte und ein größeres Interesse der Medien. „Das ging rasant. Es war aber auch höchste Zeit“, sagt Brennauer, „trotzdem gibt es in vielen Bereichen noch Luft nach oben, zum Beispiel ist die Kluft zwischen großen und kleinen Teams in der World-Tour, die nur den Mindestlohn aufbringen können, noch enorm. Bisher profitieren von der tollen Entwicklung längst nicht alle.“

Dies zu ändern und den Frauenradsport auf eine breitere Basis zu stellen, wäre eine Aufgabe, die ebenfalls gut zu Lisa Brennauer passen würde. Was nur zeigt: Langweilig wird der Allgäuerin ganz sicher nicht – sie scheint den passenden Moment für ihren Abschied erwischt zu haben.

Der Women’s Cycling Grand Prix in Stuttgart

Besetzung
 Am ersten Frauenrennen in Stuttgart nehmen 16 Teams mit 108 Radsportlerinnen teil. Drei Mannschaften gehören zur World-Tour, der ersten Liga des Radsports. Ein besonderes Augenmerk gilt der deutschen Nationalmannschaft, die in Top-Besetzung an den Start geht – unter anderem mit Mieke Kröger, der Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin mit dem Bahnvierer. Insgesamt starten 35 deutsche Fahrerinnen.

Bewertung
 Organisator Albrecht Röder ist mit dem Feld hochzufrieden. „Wir sind glücklich, die Qualität ist enorm“, sagt er, „etliche Fahrerinnen werden in einer Woche die Tour de France in Angriff nehmen.“

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