Radeln in Stuttgart Dichter Feierabendverkehr im Schlossgarten

Mehr Verkehr, auch im Winter: Die Zahlen beim Leuze steigen. Foto: Lg/Max Kovalenko
Mehr Verkehr, auch im Winter: Die Zahlen beim Leuze steigen. Foto: Lg/Max Kovalenko

Immer mehr nutzen das Fahrrad auch im Winter als Verkehrsmittel. Dabei wird es in Stuttgart an einigen Stellen bei Dunkelheit und Kälte ganz schön eng.

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Stuttgart - Um 18 Uhr an einem Wochentag im unteren Schlossgarten: Auf dem Weg zwischen den Mineralbädern und dem Planetarium herrscht trotz Nässe, Kälte und Dunkelheit in beiden Richtungen reger Betrieb. Auf dem breiten Asphaltband sind ganze Gruppen Jogger unterwegs, die oft nebeneinander laufen und manchmal die Hälfte der Breite des Weges brauchen. Dazu kommen einige Fußgänger – und eine Karawane Radler, die auf dem Weg von der Arbeit nach Hause sind. Viele sitzen auf Pedelcs und sind entsprechend flott unterwegs, also meist konstant mit 25 Stundenkilometern. Immer mal wieder taucht wie aus dem Nichts ein Radler ohne Licht auf, Beinahe-Zusammenstöße gehören bei der Passage des Parks zum Alltag.

Ein Grund dafür ist der Fakt, dass die Radfahrten in der Stadt seit Jahren zunehmen. An der Zählstelle vor dem Eingang zum Mineralbad Leuze wurden seit Beginn der Erhebung am 1. Juli 2012 etwa 4,25 Millionen Fahrten gezählt. Im Schnitt sind das rund 785 000 pro Jahr, wobei die Zahl ständig zunimmt. 2017 sind es bis jetzt schon knapp 800 000, und es fehlt noch ein ganzer Monat. Spürbar ist vor allem, dass die Unterschiede zwischen Sommer und Winter nicht mehr so groß sind. „Immer mehr Menschen benutzen das Fahrrad mittlerweile das ganze Jahr als Verkehrsmittel für die Stadt“, erklärt Claus Köhnlein, Stuttgarts Fahrradbeauftragter. Etwa 2400 Radler passieren im Schnitt täglich die Zählstelle am Leuze, zu Spitzenzeiten vor allem im Mai können es auch mal über 5500 sein, aber auch jetzt sind es trotz des schlechten Wetters immer noch so um die 1700 am Tag. „Das liegt auch an der stetigen Zunahme an E-Bikes“, erklärt dazu Peter Beckmann, der Pedelec-Experte beim Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club (ADFC). Mit dem Zusatzantrieb könnte man ohne großes Erkältungsrisikio zur Arbeit rollen, da man bergauf nicht stark schwitzt und deshalb bergab auch nicht so stark auskühlt. Die Zahl der Radpendler mit elektrischem Rückenwind wird auch künftig nach Meinung aller Experten ständig weiter steigen.

Schon 800 000 Radfahrten in diesem Jahr

Diese Zunahme des Radverkehrs ist im Kampf gegen Luftverschmutzung und Verkehrskollaps politisch ausdrücklich erwünscht, besonders aber im Winter nicht ohne Risiko. Am vergangenen Montag kam es zu Stürzen auf Eis auf dem Radweg in Vaihingen über das Nesenbachtal. Auch die Dunkelheit birgt Risiken: „Es fahren leider trotz Kontrollen immer noch viele ohne Licht“, sagt Claus Köhnlein. Aber auch ordnungsgemäß mit Lampen und Reflektoren ausgestattet wird es immer enger, das gilt vor allem für die Passage des Schlossgartens mit Mischnutzung.

Ein wenig besser ist es zwischen den beiden Stegen über die Cannstatter Straße und den Gebhard-Müller-Platz, weil da die Radler eine eigene Spur haben, was aber etliche Fußgänger nicht zur Kenntnis nehmen. Besonders eng wird es dann im abendlichen Berufsverkehr zwischen 17 und 19 Uhr Uhr, wenn sich auf „beengtem Raum“ (Köhnlein) Radfahrer, Jogger und Fußgänger drängen. Und das Ganze im Dunkeln. „Keine Frage, im Bereich des Schlossgartens sind wir zu bestimmten Zeiten an einer Kapazitätsgrenze angelangt“, sagt Peter Beckmann vom ADFC.

Das sieht auch Claus Köhnlein so, der sich dafür stark macht, dass zum Schlossgarten alternative Routen ausgebaut werden, zum Beispiel in der Neckarstraße. Außerdem wolle man die Weiterführung des Konzepts der Fahrradstraße mit Vorfahrt für die Zweiräder vorantreiben. Im Moment hat nur die Tübinger Straße von der Paulinenbrücke bis zum Marienplatz diesen Status. „Wir wollen die Fahrradstraße bis nach Kaltental weiterführen“, sagt Köhnlein. Diese Projekt ist nicht neu, es könnte 2018 Realität werden. Nach dem Willen der Verwaltung und des Gemeinderats sollen 2018 und 2019 jährlich zwei Millionen Euro mehr zur Förderung nachhaltiger Mobilität ausgegeben werden, jährlich 4,9 Millionen.

Gut möglich, dass in den Etatberatungen vor Weihnachten noch mehr bewilligt wird, wie es Umweltverbände und die Gemeinderatsfraktionen von Grünen und SÖS/Linke-plus fordern, um zum Beispiel einen Rad-Schnellweg quer durch die Stadt weiterzubringen. Dazu fehlt im Moment vor allem noch eine bevorrechtigte Verbindung über das Nadelöhr Wilhelmsplatz in Cannstatt. Und eben die von Köhnlein angemahnte Fahrradstraße vom Marienplatz Richtung Kaltental. Die Umweltverbände hoffen auch auf eine Radweg auf Teilen der Neuen Weinsteige und auch auf verstärkten Winterdienst auf Radwegen.

4,9 Millionen Euro jährlich für nachhaltige Mobilität

Angesichts der auch im Winter steigenden Zahl von Radlern sinnvolle Forderungen. Denn unter den aktuellen Bedingungen wäre die von OB Fritz Kuhn gewünschte Reduktion des Autoverkehrs um 20 Prozent mit Radfahrern nicht zu erreichen. Da würde sich der Stau wohl nur verlagern.




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