Radfahren in Stuttgart "Ein Wegenetz rund um den Kessel - unser großes Ziel"

Von dane 

Speed-Junkie Jannick Henzler steht der Interessengemeinschaft Downhill in Stuttgart vor. Zusammen mit anderen Bike-Begeisterten hat der 29-Jährige in der Autostadt noch viel vor.

Kurz vor dem Einstieg in den Woodpecker- Trail in Stuttgart-Degerloch: Downhiller Jannick Henzler. Foto: Privat 5 Bilder
Kurz vor dem Einstieg in den Woodpecker- Trail in Stuttgart-Degerloch: Downhiller Jannick Henzler. Foto: Privat

Er ist "nicht so der Hochtreter". Downhiller Jannick Henzlers liebste Gangart mit dem Fahrrad ist bergab. Der bekennende Speed-Junkie steht der Interessengemeinschaft Downhill in Stuttgart vor. Der 29-Jährige hat kräftig dafür geschuftet, dass es seit Oktober 2015 auf dem Woodpecker-Trail für Biker rasant - und vor allem legal - bergab in den Kessel geht. Vom Degerlocher Bahnhof aus, über Heine- und Helene-Pfleiderer Straße, rollt man hinein in den Dornhaldenwald. Eine Holzrampe markiert den Einstieg ins Downhill-Fahrvergnügen. 120 Höhenmeter Unterschied zum Ausstieg unweit des Wohngebietes Eiernest gilt es nun zu meistern. Geschick, Fahrgefühl, höchste Konzentration und Geschwindigkeiten bis zu 40 Kilometer in der Stunde sorgen für dieses unglaubliche "Flowgefühl", das süchtig mache, sagt Henzler schwärmend. Und das Energien freisetzt, um zusammen mit anderen Bike-Begeisterten noch viel mehr zu erreichen in der Autostadt Stuttgart.

Sich mit 40 Sachen den Berg runterstürzen - Downhiller, das sind doch alles Verrückte...

Genau das habe ich auch gedacht, als ich vor rund zwölf Jahren am Stuttgarter Marienplatz mit meinem Rad am Sprünge üben war und auf die Jungs getroffen bin. Halt dich von den Verrückten fern. Doch wenig später fuhr ich - mit Helm und Knieschonern ausgerüstet - gemeinsam mit ihnen in der Zacke nach oben. Nach meiner ersten Abfahrt hatte ich Blut geleckt.

Da waren Sie 17.

Ja. Schon richtig alt für den Sport. Heute sind die Jüngsten auf dem Woodpecker-Trail mit sechs, sieben, acht Jahren unterwegs. Unser ältester Fahrer ist allerdings so um die 63.

Ist die Verletzungsgefahr in diesem Alter in dem Sport nicht recht groß?

Auch nicht mehr als bei anderen Sportarten. Vorausgesetzt man ist mit dem Kopf bei der Sache. Gerade das Beispiel zeigt doch, dass der Trail für Jedermann geschaffen ist. Ich muss nicht jeden Sprung mitnehmen. Kann risikolos bis ins Ziel fahren. Bei der Eröffnung des Woodpecker-Trails waren 1.000 Biker da. Außer ein paar Schürfwunden gab es keine Verletzungen. Frei zu entscheiden, wie ich den Sport betreibe, das macht für mich einen großen Reiz daran aus. Vor allem den ganz Jungen wollen wir die Sportart schmackhaft machen. Sie sollen den Trail so selbstverständlich nutzen wie den Bolzplatz nebenan.

Downhiller wollen keine Exoten mehr sein?

Auf keinen Fall! Der Trend geht auch in den großen Bikeparks etwa in Bad Wildbad, Todtnau oder Albstadt hin zum Mainstream. Hoch mit Schlepplift oder Shuttle-Bus und runter ohne gleich aufgrund des Streckenverlaufs große Sprünge machen zu müssen. Den Massen wird mit einem moderaten Streckenverlauf ein Einstieg ermöglicht.

Und auch immer mehr Frauen?

Richtig. Waren es früher maximal zehn Prozent so sind heute vor allem in den Bikeparks geschätzt rund 40 Prozent Downhillerinnen unterwegs. Viele werden auch vom Partner angesteckt.

Haben Sie Ihre Partnerin mit dem Downhill-Virus infiziert?

Ich habe aktuell fünf Räder. Street und BMX, City, einen reinen Downhiller, Enduro und ja, eines für meine Freundin. Sie teilt meine Downhill-Leidenschaft. War aber schon zuvor als Skifahrerin ein Speed-Junkie. Das ergänzt sich gut. Gerade Skigebiete wie Sölden bieten mittlerweile außerhalb der Schneesaison Parks für Biker. Hier finden sich viele Familien mit Kindern. Die rauen Burschen und Rowdies sind dagegen verpönt.

Dabei hatten die Downhiller doch ein "Bad Boy-Image".

Manch böser Bube ist immer noch dabei. Das nährt natürlich die nach wie vor bestehenden Vorurteile, die es uns damals erschwert haben, den Bau des Woodpecker-Trails durchzusetzen.

Und die Zwei-Meter-Regel, die in Baden-Württemberg gilt.

Genau. Die besagt, dass Wege, die von Radfahrern genutzt werden, breiter als zwei Meter sein müssen. Ist diese Voraussetzung nicht gegeben, dann tritt man auf illegalen Pfaden in die Pedale.

Mittlerweile bekommen Sie politische Unterstützung.

Judith Skudelny, umweltpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, setzt sich für ein Ende dieser Zwei-Meter-Regel im Land ein. Wenn das klappt, dann könnten wir Stuttgart mit seinen rund 10.000 Bikern wirklich fahrradfreundlich gestalten.

Wie soll Stuttgart konkret zum Paradies für Biker werden?

Das ginge schon alleine aufgrund der Topografie mit wenig Geld und Aufwand. Viele Trails sind schon da. Etwa rund um den Kessel. Leonberg, Botnang, Solitude, Vaihingen. Unser großes Ziel ist ein legales Wegenetz zu schaffen, dass Touren für Normalos mit den Downhill-Trails verbindet und ergänzt. Da liegt so viel Potenzial brach. Aber wir sind dran.

 

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