Rekordzahl bei Radfahrern Stadt Stuttgart kommt mit Ausbau des Radnetzes nicht hinterher

Von Jürgen Löhle 

Die Zahl der Radfahrer in Stuttgart steigt – das zeigen die Zählstellen an der Hauptradroute 1. Der Ausbau der Radwege hält nicht Schritt. Dabei wäre Geld vorhanden.

Der Rekord von 2017 mit 828 357 Fahrten ist schon seit Wochen Geschichte. Am Leuze könnte bis Silvester die Millionenmarke fallen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der Rekord von 2017 mit 828 357 Fahrten ist schon seit Wochen Geschichte. Am Leuze könnte bis Silvester die Millionenmarke fallen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Dieses Jahr wird auf jeden Fall ein Rekordjahr in Sachen Radverkehr in der Stadt. Von Januar bis zum 13. November passierten 1 207 540 Radler die beiden elektronischen Zählstellen in Kaltental und auf der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt. Damit liegt die Zahl der Fahrten auf der von West nach Ost führenden Hauptradroute 1 bereits jetzt um etwa 120 000 über der des vergangenen Jahres, in dem insgesamt 1 078 265 Radfahrten gezählt wurden. Bis Ende 2018 dürfte es bei weiterhin halbwegs brauchbaren Wetter zu einem Plus von etwa 200 000 Fahrten kommen.

Eine Zunahme von knapp 20 Prozent bis zum Jahresende wäre stattlich. Zumal wenn man bedenkt, dass seit Beginn der Zählung am 1. Januar 2014 bis Ende 2017 die Zahl der Fahrten über drei Jahre hinweg nur um 125 000 angestiegen ist. Anders gesagt – zehneinhalb Monaten in 2018 brachten jetzt schon nahezu die gleiche Zunahme, für die es vorher ganze drei Jahre gebraucht hat.

Bis zu 6000 Radler täglich auf der Hauptradroute 1

Im Alltag ist das gerade im Umfeld der Zählstelle am Leuze (bis 13.11. 915 572 Fahrten) deutlich – und wortwörtlich erfahrbar. Im Berufsverkehr schieben sich teilweise ganze Kolonnen an Radlern durch den Schlossgarten und über die Brücke und das bei Spitzenwerten von knapp 6000 Radfahrten am Tag. Ein weiterer Ausbau des Radwegenetzes scheint also das Gebot der Stunde.

Vor allem wenn man bedenkt, dass Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) anstrebt, den Autoverkehr in der Stadt um 20 Prozent zu senken. Im Doppelhaushalt 2018/2019 sind deshalb zusätzliche 7,6 Millionen Euro für den Ausbau der Hauptradrouten und weiterer Radwege vorgesehen. Insgesamt weist der Haushalt bis Ende 2019 stattliche 11,2 Millionen Euro für Investitionen in das Radwegenetz aus. Dazu kommen noch einmal rund fünf Millionen Euro für Personal, das sich um die Projekte kümmern soll. Dazu wurden auch zusätzlich 5,5 neue Stellen geschaffen. Unterm Strich stellt die Stadt bis Ende 2019 also 16,2 Millionen Euro für den Radverkehr zur Verfügung.

Zähe Entwicklung trotz voller Kassen

Damit kann man eine Menge anfangen. Das Geld wurde außer für Personal aber bisher noch kaum angefasst. Laut Claus Köhnlein, dem Radbeauftragten der Stadt, „werden die Mittel aber sicher abfließen“. Bisher ist da aber noch wenig davon zu sehen, läuft der Ausbau des Radwegenetzes in der Stadt eher langsam. In diesem Jahr war die neue, vielleicht 200 Meter lange Radspur vom Wilhelmsplatz über die Hauptstätter Straße hinweg in die Torstraße hinein und die Entfernung der Ampeln am Übergang Tor- in die Eberhardstraße das größte Projekt. Dazu kamen nach Köhnlein Investitionen in die Beschilderung der Radwege und in Radab­stellanlagen. Dafür dürfte allerdings nur ein Bruchteil der 5,6 Millionen Euro gebraucht worden sein, die für 2018 eigentlich zur Verfügung stehen. Wie viel der Mittel exakt abgerufen wurden, weiß Köhnlein nicht.

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Das Geld für Fortschritte im Radwegenetz ist also da, die Entwicklung aber zäh. Das sieht auch Cornelius Gruner so. Der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) für Stuttgart sagt: „Die Stadt wird ihrem Ziel das Radfahren attraktiver zu machen, aktuell nicht gerecht.“ Gruner lobt ausdrücklich das finanzielle Engagement, bemängelt aber die schleppende Umsetzung. Der Radbeauftragte Köhnlein hält dagegen, dass die Planungen laufen, aber das neue Personal erst seit kurzem die Arbeit aufgenommen hat. „Jetzt sind alle Stellen besetzt“, sagt er. Für die Einarbeitungszeit der Radwegplaner zeigt ADFC-Chef Gruner Verständnis, sagt aber auch, dass der Sinneswandel hin zum Rad bei den Stadtoberen durchaus noch steigerbar sei. Dass zum Beispiel beim Einrichten von Baustellen oft schlicht vergessen werde an eine sinnvolle Umleitung für Radler zu denken, ist für ihn ein Unding“.

Hauptradroute 2 soll 2019 kommen

Laut Köhnlein soll es im nächsten Jahr spürbare Verbesserungen geben. Der zum Jahresende in den Ruhestand wechselnde Fahrradbeauftragte rechnet damit, dass im kommenden Jahr die Filderstraße Radwegestreifen bekommt und die Hauptradroute 2 vom Stuttgarter Osten nach Hedelfingen fertig wird. Und wenn nicht, sei das Geld nicht verloren. „Dann nimmt man es in den nächsten Haushalt mit“, sagt Köhnlein.

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