Radfahren in Stuttgart und Region „Die Infrastruktur für Fahrradfahrer in Stuttgart ist lächerlich“

Von Daniela Eichert 

Fabian Scholz‘ „heilix Blechle“ hat zwei Räder und ist Passion und Profession zugleich. Der Ingenieur tüftelt in Stuttgart an Drahteseln, die heute schon weltweit boomen. Tendenz steigend. Warum dennoch nicht alles glänzt, was Aluminium ist und die Stadt im Kessel in Sachen Fahrradfreundlichkeit einige Gänge hochschalten sollte, erzählt der 34-jährige Radrennfahrer im Interview.

Ingenieur Fabian Scholz unterzieht ein von ihm ... Foto: Privat 4 Bilder
Ingenieur Fabian Scholz unterzieht ein von ihm ... Foto: Privat

Herr Scholz, 50/50 ist nicht mehr Ihr Ding

Eine Zeit lang bin ich zu 50 Prozent Radrennen gefahren (jüngste Erfolge: 2019 deutscher E-Bike-Meister; 2016 Zweiter bei den deutschen Meisterschaften im Enduro; 2015 deutscher Meister in derselben Disziplin, Anm. d. Red.). Und zu 50 Prozent habe ich als Entwicklungsingenieur bei Focus Bikes in Stuttgart gearbeitet. Das hat eine Weile lang für mich gepasst. Seit zwei Jahren bin ich wieder zu hundert Prozent als Ingenieur tätig.

Auch ansonsten sind Sie kein Freund von halben Sachen

Wenn Sie damit auf Fahrradwege in Stuttgart anspielen, die im Nirgendwo enden und die - ganz offen gesprochen – insgesamt lächerliche Infrastruktur für Radfahrer in der Landeshauptstadt, dann trifft das absolut zu.

Aber die Stadt hat doch 2015 ihre Fahrradfreundlichkeit demonstriert, in dem sie den Woodpecker-Trail im Stuttgarter Süden bauen ließ

Es ist gut, dass es die Woodpecker-Strecke gibt. Keine Frage. Aber nicht alle Mountainbiker oder gar alle Fahrradfahrer sind Downhiller und haben Freude daran, auf einer breiten, künstlich angelegten Strecke bergab zu fahren. Das wäre wie wenn man einen gemeinsamen Platz für Fuß-, Hand- und Basketballer bauen und sagen würde, bitteschön, jetzt habt ihr was, wo ihr trainieren könnt. Obwohl alle mit einem Ball spielen, sind die Anforderungen an eine Trainingsstätte komplett verschieden. So ähnlich verhält es sich auch mit den unterschiedlichen Disziplinen beim Fahrradfahren.

Wenn die Downhill-Strecke nur einseitige Interessen bedient, was wären dann Ihrer Ansicht nach maßgebliche Schritte hin zu mehr Fahrradfreundlichkeit in Stuttgart?

Ich bin wenig politisch engagiert. Aber im Vorfeld zu den diesjährigen Kommunalwahlen habe ich mit verschiedenen Politikern an deren Infoständen gesprochen. Dabei fiel mir auf, dass diese das Thema Radfahren als Sport bzw. die Naherholung in den Wäldern Stuttgarts nicht auf ihrer Agenda haben. Es wäre daher überhaupt mal ein Ansatz, dass sich Kommunalpolitiker zu diesem Thema informieren.

Und ganz konkret? Was sind Ihre Verbesserungsvorschläge oder Forderungen?

Die lächerliche Zwei-Meter-Regelung sollte abgeschafft werden. Wenn Mountainbiker im Wald nur auf Wegen fahren, die mindestens zwei Meter breit sind, dann konkurrieren sie mit den Wanderern. Das führt erst recht zu Konflikten. Schmalere Wege mit dem Rad nutzen zu dürfen, heißt nicht, dass querfeldein gefahren wird.

Was muss sich im Stadtverkehr für Radler ändern?

Wie bereits angesprochen, sollte es mehr sinnvoll angelegte Radwege geben und obendrein keine, die Fahrradfahrern lediglich einen schmalen Streifen auf einer Autospur gewähren. Ich mache so gut wie alles mit dem Bike und wäre dabei im wahrsten Sinne des Wortes schon ein paar Mal beinahe unter die Autoräder gekommen. Denn dass sie zu einem Radfahrer 1,50 Meter Abstand halten müssen, wissen die wenigsten, manchmal sehr aggressiven Autofahrer. Hier wäre Aufklärungsarbeit dringend nötig.

Was für ein Potenzial in Sachen Fahrradfahren Stuttgart hat, haben andere dagegen längst erkannt

Allerdings. Wir hatten bei Focus Bikes anlässlich einer Produktpräsentation eine Delegation ausländischer Journalisten zu Gast. Alle waren völlig fasziniert und beeindruckt davon, welch hervorragende Bedingungen Stuttgart für Radfahrer bietet. Wir waren auch auf dem Fernsehturm und ich war selbst erstaunt darüber, wie viel zusammenhängende Wälder Stuttgart aus der Vogelperspektive gesehen doch hat.

Der Standort von Focus Bikes in Stuttgart liegt – strategisch günstig – auch sehr naturnah

Von unserem Sitz im Stuttgarter Westen aus geht es direkt in die angrenzenden Wälder. Neben den Labortests sind das ideale Voraussetzungen, neue Bikes auf ihre Praxis-Tauglichkeit zu prüfen.

Wirtschaftlich gesehen fahren Sie gerade auf der Überholspur, wie auch Händler von E-Bikes wie Radsport Mayer bestätigen

Vor allem der Markt für E-Bikes zieht extrem an. Besonders im Segment Mountainbike steigt die Nachfrage rasant. Mit den E-Bike-Systemen von Bosch, die in Reutlingen produziert werden und dem Shimano Vertrieb, der in Stuttgart ansässig ist, sind wir hier in der Region sehr gut aufgestellt, um weltweit mitzuspielen.

Stuttgart als bedeutender Standort in der Fahrradentwicklung. Ein Pfund, mit dem sich wuchern ließe. Vor allem hinsichtlich Feinstaubalarm und Diesel-Fahrverboten

Umso trauriger ist es doch, dass hier so wenig für Fahrradfahrer getan wird. Neben den Trails vor meiner Haustür in Heslach oder dem Reschenpass in Südtirol habe ich drei Lieblingsstrecken in Freiburg. Die sind alle vom "Mountainbike Verein Freiburg" mit Unterstützung der Stadt gebaut worden. Sponsoren haben die Trails finanziert und werden durch den Verein und ehrenamtlichen Helfern in Stand gesetzt. Stuttgart hätte hier das Potenzial ein ähnlich attraktives Mountainbike-Gebiet zu werden.

Einen sinnvollen Beitrag zu Klima- und Umweltschutz können Sie mit Ihrem Job leisten. Muss ein gutes Gefühl sein

Was die Herstellung und den Bezug der Rohstoffe vor allem für die E-Bike-Produktion anbelangt, ist sicher nicht alles Gold, was glänzt. Ich denke dabei an Aluminium für die Fahrradrahmen oder Batterien. Alles nicht das Gelbe vom Ei in Sachen Umweltschutz. Aber im Vergleich zu E-Autos, die ungleich mehr Batterien benötigen, als ein E-Bike um auf Touren zu kommen, kann ich das vertreten und ruhig schlafen. Zudem muss ich mit dem Rad nicht immer die höchste Motorleistung nutzen und kann dadurch Energie sparen. Etwas weiterzuentwickeln und zu bauen, was Menschen den Spaß am Radfahren und der Bewegung in der Natur bringt, gibt mir tatsächlich ein gutes Gefühl.

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