Radfahren in Stuttgart Wie radelt man sicher zur Schule?
Bei einer verkehrspolitischen Radtour quer durch Stuttgart zeigt eine Schülerin des Dillmann-Gymnasiums etliche Stellen, die verbesserungswürdig wären.
Bei einer verkehrspolitischen Radtour quer durch Stuttgart zeigt eine Schülerin des Dillmann-Gymnasiums etliche Stellen, die verbesserungswürdig wären.
Marfa Stoll wohnt im Osten, ihre Schule ist im Westen: Die 15-Jährige pendelt jeden Morgen vom Wagenburgplatz zum Dillmann-Gymnasium. Das habe sie sich ausgesucht, weil es ihr gut gefallen habe und schon ihr Vater und ihr Bruder hier hingingen. Damit ist sie keine Ausnahme in der Schar der Schülerinnen und Schüler: Aus allen Ecken von Stuttgart kommen Kinder und Jugendliche ans Dillmann, sagt der Direktor Manfred Birk – so wie sie aus dem Westen in andere Bezirke pendeln. Mehr und mehr von ihnen kommen mit dem Rad. Am Mittwoch ist die Elftklässlerin Marfa Stoll mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club ihren Schulweg als verkehrspolitische Radtour abgeradelt. Mit dabei waren die Fahrradbeauftragte der Stadt Stuttgart, Eva Adam, Vertreter der Stadt und Martin Körner, der viel radelnde Chefstratege des Oberbürgermeistes Frank Nopper (CDU).
Gefahren und Probleme findet Marfa an vielen Ecken unterwegs. Gleich kurz nach dem Start lauert die Problemstelle Nummer eins: Wo der Albuchweg auf die Ameisenbergstraße trifft, ist die Straße sehr eng. Autofahrende halten dort keinen ausreichenden Sicherheitsabstand beim Überholen ein, schildert die Gymnasiastin. Auch würden sie oft ihrer Wartepflicht an Engstellen nicht nachkommen. Kurz darauf kommt Marfa an der Ameisenbergschule vorbei und sieht sich mit den Elterntaxis konfrontiert: Eltern halten im Halteverbot, es herrscht Chaos an Engstellen, und man laufe Gefahr, von geöffneten Autotüren vom Rad gestoßen zu werden – Dooring-Unfall heißt das in der Fachsprache.
Diese Gefahr lauere auch an der Schützenstraße, schildert Marfa, und eigentlich überall, wo Radfahrende nah an den parkenden Autos fahren müssen, um dem Verkehr auszuweichen. Richtig brenzlige Situationen habe sie schon an der Einmündung mit der Regelung rechts vor links erlebt. Dort „schießen die Autos raus“, so könne man beim Radfahren nicht erkennen, ob die Autofahrenden sich an die Regelung halten würden. Überhaupt, so Frank Zühlke vom ADFC, würden viele Strecken in der Theorie gut geregelt wirken. Das gelte für die Stellen mit rechts vor links wie für die Tempo-30-Zonen. Wenn sich die Autofahrenden nicht daran halten würden, zu schnell fahren oder den Radfahrenden die Vorfahrt nicht gewähren, wäre es in der Praxis an solchen Stellen ebenfalls gefährlich.
Unklare Beschilderungen benennt die Gymnasiastin auch als Problem. So etwa wenn sie die Königstraße schiebend überquert hat und zwischen Kleinem Schlossplatz und Königsbau wieder aufsteigen will. Hier erkenne man nicht, ab wo das Radfahren wieder erlaubt sei. An der Ampel über die Holzgartenstraße fehle in eine Richtung das Radsymbol. Und danach wird es auch schwierig: Fährt Marfa an der Liederhalle vorbei die Breitscheidstraße entlang, sind es ihresgleichen, die Probleme machen – weil die Radfahrenden sich hier durch Stangen und an einer Schranke vorbei den Weg suchen müssen.
Nicht alle Probleme könne man sofort lösen, sagte der mitgeradelte OB-Chefstratege Martin Körner. Aber zum Beispiel werde die Stadt neue Stellen schaffen im Amt für öffentliche Ordnung, um gegen Falschparker vorzugehen, die gefährlich oder blockierend parken. Für Schülerinnen und Schüler hatte er eine bessere Nachricht dabei: Denn bereits eingerichtet und besetzt ist eine halbe Stelle beim Amt für öffentliche Ordnung, um Rad-Schulwegpläne zu erstellen. Die Stadt habe bereits vor acht Jahren an einem Pilotprojekt zu dem Thema teilgenommen, mit drei Schulen. Allerdings habe man aus Personalmangel die damals erhobenen Daten nicht umsetzen können. Das soll sich mit der seit 2021 besetzten Stelle ändern. Man sei noch in der Pilotphase.
Ein erster Prototyp eines Rad-Schulwegplans existiere schon: Auf Basis der 2013 erhobenen Daten habe man einen Plan für den Bezirk Weilimdorf erstellt. Er werde demnächst dem Bezirksbeirat präsentiert. Nach Abschluss der Pilotphase sei geplant, für die rund 80 weiterführenden Schulen solche Pläne zu erstellen.
Doch was bringt ein Schulwegplan, wenn die Kinder und Jugendlichen am Ziel ihr Rad nicht sicher abstellen können? Das problematisieren die Schulsprecherin Lujza Raiser (17 Jahre) und der Schulsprecher Nick Pavlacka (16 Jahre) vom Dillmann-Gymnasium. Manche würden gern mit dem Rad kommen, fänden aber im Sommer, wenn viele radeln, keinen Platz an den Bügel, um das Zweirad anzuschließen.
Pro Jahr gebe die Stadt 200 000 Euro aus, um den Schülerradverkehr zu fördern, das Geld stehe unter anderem auch für Radbügel zur Verfügung. Marfa Stoll hat am Mittwochmorgen ihr Fahrrad sicher abstellen können, zieht ihre Handschuhe aus und macht sich bereit für den Unterricht.
Solange es nicht schneit oder es Glatteis hat, wird sie auch im Winter radeln. Der Bus brauche 14 Minuten, plus Stauzeit und Weg zur und von der Haltestelle. Mit dem Rad ist sie in 20 Minuten von Tür zu Tür da. Am Mittwoch hat es aber mehr als eine Stunde gedauert, alle Problemstellen zu zeigen.