Radikal, politisch, unüberhörbar Stuttgarts neue Riot grrrls

Auch in Stuttgart erobern sich immer mehr FLINTA*-Personen Räume in der harten Gitarrenmusik. Foto: Pexels

Hart, laut, klare Kante gegen Sexismus, Rassismus und toxische Männlichkeit: In Stuttgart gehen mehr und mehr Bands mit FLINTA*-Besetzung an den Start. Wir stellen fünf von ihnen vor.

In der Geschichte der Rockmusik wurde noch kein Mann gefragt, wie er sich denn eigentlich fühle, so als Mann in der Szene. Frauen müssen sich das hingegen ständig anhören. Sobald eine neue Rockband um die Ecke kommt, die von einer Frau angeführt wird, hagelt es gleich Begriffe wie „female fronted“, werden Interviews grundsätzlich nur um die Tatsache gestrickt, dass hier eine Frau den Ton angibt, wird die Nase darüber gerümpft, wie man nur so unweiblich shouten kann. Ist doch nicht sexy. Inhaltliche Fragen oder eine echte Auseinandersetzung mit der künstlerischen Seite finden wenig bis gar nicht statt.

 

Und während es erfreulicherweise auch in traditionell viel zu männlich dominierten Genres wie Punk, Metal oder Hardcore mehr und mehr diverse Bands gibt, muss das erklärte Ziel natürlich dennoch sein, dass man gar nicht mehr darüber redet. Stadtkind stellt fünf junge, spannende Bands mit Haltung vor, die Themen wie Feminismus, mentale Gesundheit oder toxische Verhaltensweisen tief in ihrer DNA verankert haben und somit in der Tradition der amerikanischen Riot grrrls der frühen Neunziger stehen.

Defiance

„Wir sind in unserer Gesellschaft noch lange nicht da, wo wir sein sollten.“ So begründet Sängerin Sabrina, warum sie mit Stuttgarts Hardcore-Hopefuls Defiance inhaltlich so eindeutig Position bezieht. „FLINTA*-Personen erfahren keine Gleichberechtigung und werden immer noch aufgrund patriarchaler Strukturen unterdrückt und objektifiziert. Dazu kommt, dass die rechte Bewegung immer lauter wird und sich offen gegen queere Rechte und Feminismus ausspricht. Gerade jetzt ist es wichtig, laut und direkt zu sein.“ Laut und direkt, besser könnte man Defiance eh nicht zusammenfassen. Die wüste und viszerale Angepisstheit des Punk fließt hier ungehindert in mächtige Hardcore-Bauten und hat die Regler in Sachen Sound, Optik und Durchschlagskraft auf Anschlag. Das ist laut, ja, verfolgt aber eine eindeutige Mission: „Wir wollen FLINTA*-Personen dazu ermutigen, sich in der Hardcore- und Punk-Szene sichtbar zu machen und ihren Platz einzunehmen“, so Sabrina.

Bassistin Marlene, Gitarrist Robin und der neue Schlagzeuger Leo komplettieren die Band, die sich erst letztes Jahr gegründet und doch schon ordentlich Strecke gemacht hat. All das erfolgt aus purem DIY-Gedanken heraus – aus der Szene, für die Szene. „Wir wollen unsere Leidenschaft für Musik ausleben, uns darin stetig weiterentwickeln und die Möglichkeit haben, uns entfalten zu können“, sagt Sabrina. „Als aktiver Teil der Szene wollen wir diese aufbauen und mehr Menschen, vor allem jüngere, dazu motivieren, ebenfalls Bands zu gründen, DIY-Shows zu veranstalten und generell auf Shows zu gehen.“ Und je mehr FLINTA*-Personen darunter, desto besser. „Wir sehen immer mehr neue Bands mit Frauen in der Besetzung, Frauen hinter der Kamera sowie Frauen, die Shows veranstalten, Technik machen und sich generell aktiv in der Szene einbringen. Es ist ein langsam wachsender Prozess, aber wir blicken positiv in die Zukunft. Wir wissen, dass es eine große Überwindung in einer männerdominierten Szene sein kann, aber es ist so wichtig und es lohnt sich.“

Defiance spielen am 7. Juni im Juha West

At The Shore

Vor ziemlich genau zwei Jahren gründet sich das Trio At The Shore. Sängerin und Bassistin Jessi lässt mit ihren beiden Bandkollegen Bonzo und Sebbi (beide kennt man von Bike Age) ihrer Pop-Punk-Leidenschaft freien Lauf. „Punk hat mir schon immer viel gegeben“, sagt sie. „Viele Themen, die FLINTA*-Personen betreffen, werden in diesem Genre jedoch oft nicht thematisiert. Das hat mir persönlich immer gefehlt.“ Weil ihrer Meinung nach im Raum Stuttgart eh viel zu wenig Frauen bei Punk- oder Hardcore-Shows auf der Bühne stehen, gründet sie irgendwann ihre eigene Band – wenn auch leider nicht ohne gewisse Restzweifel, die ihre männlichen Kollegen in diesen Dingen selten an den Tag legen. „Ich habe mir lange nicht zugetraut, eine eigene Band zu gründen“, gesteht sie.

Bei At The Shore will sie die Dinge jetzt bewusst anders machen. Will eine Stimme sein für die, die keine haben. „Uns ist bewusst, dass wir auf der Bühne eine gewisse Vorbildfunktion haben, und da uns auch privat bestimmte Themen am Herzen liegen, möchten wir dazu eine klare Haltung zeigen“, stellt sie klar. „Auch wenn viele Bühnen noch immer stark männerdominiert sind, geht die Entwicklung in die richtige Richtung.“ Sichtbarkeit sei hier ein ganz wichtiger Schlüssel, sagt sie: „Wenn mehr FLINTA*-Personen auf, hinter und vor der Bühne stehen, können wir alte Strukturen aufbrechen und die Szene inklusiver, bewusster und reflektierter gestalten.“

At The Shore spielen am 9. Mai im Goldmark’s

Prison Of Hope

In ihren frühen Tagen waren Prison Of Hope eine reine Männerband. Anfang 2024 steigt Janika als Sängerin ein – für sie fast schon ein Wink des Schicksals. „Ich habe mir schon lange mehr Diversität in der Szene gewünscht“, sagt sie. „Als ich gefragt wurde, ob ich der Band beitreten will, war klar: Jetzt kann, beziehungsweise muss ich auf meine Worten auch entsprechende Taten folgen lassen. Für mich war es ein ganz persönliches Anliegen, als FLINTA* selbst auf die Bühne zu gehen.“ Zusammen bringen sie intensive Hardcore-Wucht im klassischen Stil der Neunziger auf die Bretter. Gesungen wird darüber, wo es gerade besonders wehtut – „auch das ist Teil der Kultur, mit der wir aufgewachsen sind“, wie die Sängerin es sagt. „Die Welt steht in Flammen, da würde es sich falsch anfühlen, Texte übers Kuchen backen zu schreiben. Es ist uns völlig klar, dass wir mit einem Drei-Minuten-Song nichts verändern werden, aber wir haben immerhin nicht geschwiegen und uns positioniert. Wir leben in Zeiten, in denen das wirklich nötig ist.“

Die wachsende Anzahl von FLINTAs* in einer jahrelang fast ausnahmslos maskulin beherrschten Bandszene gibt auch ihr Anlass zu Hoffnung. „Das tut verdammt gut!“, betont sie. „Es bringt neue Themen und Perspektiven in die Szene und schafft neue weibliche Vorbilder.“ Vor der Bühne, schränkt sie dann ein, sehe das aber immer noch anders aus. „Gerade die sehr männlich geprägte Hardcore-Szene zeichnet eine körperlich aggressive Tanzkultur aus – hauptsächlich eben von wenigen Männern ausgehend. FLINTAS* oder Menschen mit Behinderung sind da in den ersten Reihen eher weniger zu finden.“ Dass sich Janika auf der Bühne ihre Seele aus dem Leib schreit und auf diese Weise nach Katharsis sucht, kommt bei einigen toxischen Teilen der Szene auch nicht gerade gut an. „Weibliches Shouting wird häufig als negativ bewertet. Ich wurde schon häufiger als ‚zu laut und dadurch unattraktiv‘ herabgewertet. Laut sein und Platz einnehmen zu dürfen“, sagt sie, „ist eben immer noch ein hart umkämpftes Privileg.“

Prison Of Hope spielen am 1. Juni in der Trude

Sliver

Erst seit einem guten halben Jahr gibt es die Hardcore-Gang Sliver. Und dennoch ist der Konzertkalender für 2025 schon prall gefüllt. Verständlich, denn ihr knallharter Sound kommt aus ihrem tiefsten Inneren. Und ist deshalb durch und durch echt. „Musik ist unser Ventil für all die Wut, die sich ansammelt, wenn du jeden Tag durch eine Welt läufst, die dich klein halten will“, bringt es Sängerin Shauna auf den Punkt. Neben Shauna spielen Bassistin Anna, Gitarrist Dom und Schlagzeuger Willy bei Sliver. Klare textliche Kante ist für die vier dabei der einzig gangbare Weg. „In Zeiten, in denen rechte Hetze wieder salonfähig wird, in denen Menschen auf der Flucht sterben, queeres Leben bedroht wird und feministische Kämpfe totgeschwiegen werden, ist Schweigen keine Option“, so Shauna. „Wir sehen es als unsere Verantwortung, laut zu sein für die, die nicht mehr da sind, für die, die nicht können, für die, die mundtot gemacht werden. Unsere Musik soll eine Brandmauer sein – gegen Hass, gegen Rückschritt, gegen Entmenschlichung. Wir zeigen klare Kante, weil Wegschauen Mittäterschaft ist. Wer heute unpolitisch ist, steht morgen auf der falschen Seite.“

Dass nicht nur in Stuttgart zuletzt mehr und mehr Bands mit FLINTA*-Personen an den Start gehen, liegt für Shauna aber nicht etwa daran, dass es diese Personen vorher nicht gab. „Wir wurden systematisch übersehen. Jetzt machen wir uns aber sichtbar. Wir nehmen uns den Raum, der uns zusteht – auf der Bühne, im Pit, hinter den Kulissen. Es ist ermutigend zu sehen, wie immer mehr weiblich gelesene Personen sich die Bühne nehmen, ihre Stimmen erheben und die Szene mitgestalten. Doch der Weg ist noch lang. Solange Line-Ups von großen Festivals zu über 80 Prozent cis-männlich besetzt sind und FLINTA*-Artists kaum eine Plattform bekommen, bleibt es unsere Aufgabe, laut zu sein und Veränderungen einzufordern. Wir brauchen Platz für jede:n – nicht irgendwann, sondern jetzt. Wir sind nicht hier, um dankbar zu sein. Wir sind hier, weil wir den Anspruch haben, diese Szene mitzugestalten – radikal, politisch und unüberhörbar. FLINTA* waren schon immer Teil davon. Jetzt sind wir sichtbar, laut und nicht mehr wegzudenken.“

Sliver spielen am 10. Mai im JuHa West

Futsch

Futsch zeigen exemplarisch, wie dankbar Stuttgarts Kreative um Räume jedweder Art sind. Sie können sich nach der Gründung 2023 einen Proberaum in den Schwabenbräu Passagen in Bad Cannstatt einrichten und dort 2024 ihre ersten Songs aufnehmen. Erste Konzerte im Umkreis zeigen schnell: Hier ist eine neue Stuttgarter Band am Start, über die Band schon alle reden könnten. Ihr eigenwilliger Mix aus Post-Punk, Classic Rock, psychedelischen Eskapaden und einer Prise Neuer Deutscher Welle kommt an, sei es im Merlin oder unlängst als Support für die Nerven.

Angeführt wird die Band von Fine, die schon seit vielen Jahren als Sopranistin auf der Bühne der Stuttgarter Oper steht. Sie kennt den Musikbetrieb also nicht nur aus popkultureller Sicht, sondern auch die Hochkultur. „Ich persönlich habe das Gefühl, dass sich gerade viele junge Frauen zusammentun, um ihrer Wut gegen das patriarchale System und die generelle politische Entwicklung unserer Gesellschaft Ausdruck zu verleihen“, so die Sängerin. „Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus.“ In zehn Jahren hoffentlich auch. Doch es muss viel geschehen. „Ich spüre einen Wandel in der Szene und die Nachfrage nach diversen Bandkonstellationen steigt. Der Weg ist noch lang, aber ich freue mich, Teil dieses Prozesses zu sein“, sagt sie.

Futsch spielen am 17. Mai bei der About Pop

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