Radikale Verkehrspolitik Sieben Stunden Ruhe in der Metropole

Von Tobias Käufer 

In Bogota werden jeden Sonntag die Autos ausgesperrt. Es ist die Stunde der Radfahrer und Skater.

Werktags sind die Straßen voll in Bogota. Foto: Photothek via Getty Images
Werktags sind die Straßen voll in Bogota. Foto: Photothek via Getty Images

Bogota - Das Spektakel beginnt an jedem Sonntagmorgen um 7.30 Uhr. In Windeseile huschen die Helfer der Stadtverwaltung von Bogota über die Straßenkreuzungen und stellen die Sperren auf. Auf der wichtigsten Verkehrsachse der kolumbianischen Hauptstadt verstopft wochentags normalerweise eine Blechlawine von Autos die sechsspurige Innenstadtstraße in Richtung Zentrum. Für die nächsten sieben Stunden aber sind hier Autos verboten. Von nun an gehört der Asphalt ausschließlich Radfahrern, Joggern oder Inline-Skatern. Seit 1976.

In Bogota tobt seit Jahren eine Debatte über Verkehrs-Mobilität und Luftverschmutzung. Das liegt vor allem daran, dass wegen des Bürgerkrieges Millionen Menschen in die Städte geflohen sind. Inzwischen leben rund neun Millionen Menschen im Großraum Bogota. Deshalb ist die Verkehrsinfrastruktur völlig überlastet. Denn eine U-Bahn gibt es trotz jahrzehntelanger Versprechen der Politik bis heute nicht.

120 Straßenkilometer sind gesperrt

Für sieben Stunden an jedem Sonn- und Feiertag, ist vom Verkehrsinfarkt nicht viel zu spüren. Denn es ist „Ciclovía“. Übersetzt heißt das „Fahrradweg“, doch dahinter steckt weit mehr. Viele tausend Menschen radeln und skaten durch die Innenstadt. Die Reise geht vorbei an Obst- und Saftständen, fliegenden Fahrradwerkstätten, Zumba-Kursen oder Straßenkünstlern. Der autofreie Sonntag sorgt dafür, dass eine Art Markt zurück in die Innenstadt gekommen ist, wenngleich auch nur für ein paar Stunden. Insgesamt sind es rund 120 Kilometer Straßennetz, das allein in Bogota für Autofahrer gesperrt ist. In allen großen Städten des Landes gibt es ähnliche Aktionen.

Autos fahren in Bogota trotz der „Ciclovia“, wenngleich nur über die Nebenstraßen oder Ausgleichsrouten. Von den sechs Spuren der Hauptverkehrsachse sind drei für die Sportler reserviert, die anderen drei für die Autos, als Einbahnstraße. Manchmal müssen die Fahrzeuge die „Jogger-Autobahnen“ überqueren. Dann halten die Helfer ihr Stopp-Schild in die Luft, um die Sportler aufzuhalten. Für ein paar Sekunden nur haben dann die Autos doch noch einmal Vorfahrt, ehe die Straße dann wieder den Fitness-Begeisterten gehört.