Radikaler Jobwechsel in Waiblingen Kuscheln statt Maschinenbau: Ingenieurin sucht mehr Sinnhaftigkeit im Leben

Nähe, Wärme, Geborgenheit – das Kuscheln, wie sie es mit ihren Kindern macht, möchte Jessica Bertram auch Fremden anbieten können. Foto: privat

Jessica Bertram studiert Maschinenbau, doch der Job erfüllt die 43-Jährige nicht. Sie fasst Mut, wagt den Bruch und wird Kuscheltherapeutin.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Sie hat den Job nicht hingeschmissen, weil es nicht geklappt hat. Im Gegenteil: Jessica Bertram kam gut klar in der Männerdomäne als Maschinenbauingenieurin. Die Kunden waren zufrieden, die ausschließlich männlichen Kollegen waren nett, und die 43-Jährige ist sich sicher, dass sie dort eine gute Zeit hätte haben können in einem sicheren und gut bezahlten Job.

 

Doch die Frau aus Waiblingen weiß auch, wie sie sich damals gefühlt hat im feinen Kostüm im Konstruktionsbüro – irgendwie falsch und fremdbestimmt. „Das war einfach nicht ich. Es war nicht authentisch, und ich wollte mich nicht länger verstellen und eine Rolle ausfüllen müssen“, sagt Jessica Bertram, beißt in ihr süßes Stückchen und nimmt einen Schluck Tee.

„Als Maschinenbauingenieurin habe ich mehr verdient, aber jetzt habe ich dafür mit meinem Helfersyndrom endlich das Gefühl von Sinnhaftigkeit.“

Jessica Bertram über ihre Berufung

Statt Businesskleidung trägt die zweifache Mutter beim Gespräch über ihr bisheriges Leben, ihre Kündigung und den kompletten Kurswechsel legere Wohlfühlklamotten und ist endlich angekommen im Leben. „Manchmal fehlt mir das technische Arbeiten schon ein bisschen, das habe ich immer gerne gemacht. Aber ansonsten habe ich den Break nie bereut“, sagt sie. „Schon während der Diplomarbeit habe ich überlegt, alles hinzuschmeißen. Aber ich habe es durchgezogen und als Ingenieurin gearbeitet. Das nimmt mir keiner mehr, aber irgendwann war einfach Schluss.“ Sie habe schließlich nur ein Leben und das habe sie nicht länger so verbringen wollen, dass es sich nicht richtig anfühle, sagt die Waiblingerin, die erst auf die Betreuung von Behinderten umsattelte und aktuell noch ihre Ausbildung zur Kuscheltherapeutin plant.

Jessica Bertram setzt alles auf eine Karte und kündigt den Ingenieursjob

Aber der Reihe nach. Nachdem die Frau, die gebürtig aus der Nähe von Heidelberg kommt, nach Wochen des Zweifelns schließlich Mut fasste und kündigte, gönnt sie sich erst mal eine Auszeit, macht Praktika und fängt dann an, soziale Arbeit zu studieren – mit dem Wunsch, später als Fachkraft Behinderte in ihrem familiären Umfeld zu betreuen. „Eine Freundin arbeitete in einer Wohngruppe und ein guter Freund erkrankte an einem Hirntumor und musste danach wegen seiner Behinderung in eine solche Wohngruppe wechseln. Der Umgang dort mit den Menschen hat mich von Anfang an beeindruckt. So was wollte ich auch machen“, sagt Jessica Bertram und erinnert sich, dass sie schon, als sie eigentlich an ihrer Diplomarbeit sitzen sollte, lieber die pflegebedürftige Nachbarin im Rollstuhl umherfuhr.

Mutiger Schritt: Die 43-jährige Waiblingerin wagt einen kompletten Neustart. Foto: privat

Nach der Kündigung spürt sie, dass es genau das ist, was sie künftig machen will – sich um hilfsbedürftige Menschen kümmern. „Als Maschinenbauingenieurin habe ich mehr verdient, aber jetzt habe ich dafür mit meinem Helfersyndrom endlich das Gefühl von Sinnhaftigkeit“, sagt die 43-Jährige, die den Wechsel erfolgreich durchgezogen hat und mittlerweile als Mitarbeiterin in der Behindertenhilfe beschäftigt ist. „Das ist der beste Job der Welt, den ich da mache. Total abwechslungsreich und erfüllend.“

Als wäre das nicht genug, plant die einstige Ingenieurin aktuell, noch mal etwas Neues draufzusatteln und den mutigen Break damit perfekt zu machen. Sie möchte sich als Kuscheltherapeutin ausbilden lassen – und sich damit irgendwie auch selbst ein bisschen therapieren. „Ich habe schon viele Jahre eine Angststörung und eine Sozialphobie. Doch trotz Stress und Druck habe ich bisher alles durchgezogen und stelle mich durch die Arbeit mit den Behinderten und durch die Nähe, die es fürs Kuscheln mit Fremden braucht, meinen Phobien“, sagt Jessica Bertram, und man merkt ihr an, dass sie stolz darauf ist.

Wenn sie so erzählt von ihrem Leben, ihren Plänen und wie sie das mit dem Kuscheln kennengelernt hat, dann spürt man, dass sich die 43-Jährige trotz Angststörung nicht aufhalten lässt und lieber ein bisschen verrückt lebt, statt im tristen Hamsterrad festzustecken. Dass sie mit ihren zwei Mädels gerne mal ausgelassen durch die Küche tanzt, mit ihnen auf die höchsten Bäume klettert und Müll sammeln geht, passt da gut dazu. „Bei uns darf jeder so verrückt sein, wie er will. Und es wird natürlich viel gekuschelt. Ich versuche, den beiden zu vermitteln, dass es nicht nur auf gute Schulnoten ankommt im Leben.“

Für die 43-Jährige darf es im Leben nicht nur um Leistung und Noten gehen

Letzteres macht sie auch deshalb, weil sie sich selbst gewünscht hätte, dass mehr Faktoren in ihre Berufsfindung eingeflossen wären als nur die Noten. „Ich hatte Mathe und Physik als Leistungskurs. Irgendwie war dann klar, ich studiere Maschinenbau, weil ich in den Fächern gut bin. In dem Alter weiß man aber noch gar nicht, was einem wirklich liegt, und bräuchte mehr Unterstützung“, sagt die 43-Jährige, der es wichtig ist, zu betonen, dass es im Leben nicht nur um Leistung gehen darf. „Berührung, Wertschätzung und der Sinn im Leben kommen so häufig zu kurz. Es geht nur noch darum, alles schneller und besser hinzubekommen, dabei bleibt viel auf der Strecke.“

Die 43-Jährige spürte im Inneren, dass es richtig und wichtig war, den Schritt zu gehen und einen kompletten Neuanfang zu wagen. „Ich habe da zwei Seiten in mir, eine mutige und eine ängstliche. Bisher hat über kurz oder lang immer die mutige Seite gewonnen. Das will ich auch anderen mit auf den Weg geben, sich zu trauen, auszubrechen, wenn es sich nicht mehr richtig anfühlt“, sagt Jessica Bertram, für die sich das Kuscheln direkt am ersten Schnupperabend komplett richtig angefühlt hat. „Es ist eine ganz besondere, coole Energie. Es gibt Geborgenheit und Halt. Und ich freue mich schon, wenn ich selbst als Kuscheltherapeutin einen Kuschelabend leite, denn Berührung braucht jeder und man lernt auch, sich abzugrenzen, wenn einem was zu viel wird“, sagt die Waiblingerin.

Jessica Bertram und das Kuscheln

Info
Unter dem folgenden Link https://www.gofundme.com/f/2fj2ug beschreibt Jessica Bertram ihr Anliegen, für das sie auf Spenden hofft, auf der Plattform GoFundMe.

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