Vera Schneevoigt mit ihrem Vater. Sie startet Ende 2022 in ein neues Leben. Foto: KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle
Vera Schneevoigt zählte zu den absoluten Spitzenfrauen bei Bosch – dann kündigte sie, um ihre Eltern zu pflegen. Wie kommt sie damit zurecht? Und sollten eine Führungsposition und Pflege nicht vereinbar sein?
Weihnachten 2020 wusste Vera Schneevoigt (59), dass es so nicht mehr weitergeht. Die Schwiegereltern hatten Krebserkrankungen hinter sich, die eigenen Eltern benötigten zunehmend Unterstützung. Dann starben binnen 24 Stunden Bruder und Schwester ihres Vaters an Corona. „Das war wahnsinnig traurig wie dramatisch. Da habe ich mit meinem Mann entschieden, dass wir in die Eifel ziehen, um für unsere Familien zu sorgen.“
Schneevoigt ahnte bereits, dass die Entscheidung ihre Top-Karriere bei Bosch beenden könnte. Als Digital- und Technikchefin der Security-Sparte zählten ihre Arbeitswochen 50 bis 60 Stunden. In Teilzeit zu führen? Selten wie ungewöhnlich.
„Ich mache keine halben Sachen“
Als sie sich etwas später an die Führungsspitze wandte, ob und wie sich die Betreuung der Eltern doch mit ihrer Führungsposition vereinbaren ließe, erbat man sich Zeit für eine mögliche Lösung. Drei Monate später war diese noch immer nicht Sicht, Schneevoigt kündigte. „Manchen aus meiner Führungsebene war meine Entscheidung zu radikal – vielleicht auch, weil meine Entscheidung ihren eigenen Lebensentwürfen widersprach. Andere wiederum wussten ohnehin, dass ich etwas unkonventionell bin und keine halben Sachen mache.“
Dass sich Beruf und Pflege nicht vereinbaren lassen, ist eine Erfahrung, die viele Arbeitskräfte machen. Und eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahre, weil die Babyboomer-Generation sich um die Pflege ihrer Eltern kümmern muss. Für Schneevoigt bedeutet es das Ende einer Spitzenkarriere: Mit 57 Jahren und 38 Berufsjahren – davon 20 Jahre als Managerin – startet sie Ende 2022 in ein neues Leben.
Zunächst steht die Annäherung im Fokus
Schneevoigt und ihr Mann Thomas, der freiberuflich arbeitet, verkaufen das Haus in Bayern und ziehen nach Mayen in der Eifel, wo ihre kranken Schwiegereltern wohnen. Beide leiden an den Auswirkungen ihrer Krebserkrankungen. Eine Stunde entfernt, im Westerwald, leben Schneevoigts Eltern. Der Vater kämpft mit einer beginnenden Demenz, die Mutter leidet unter Depressionen. Es geht um Gänge zu Behörden und zum Arzt, um Hilfe in Küche und Garten.
Und es geht darum, sich wieder anzunähern. Fast 40 Jahre lebte Schneevoigt vom Elternhaus entfernt. „Ich wusste gar nicht, was meine Eltern alles beschäftigt. Es ist ein riesiger Unterschied, Besucherin zu sein oder den Alltag hautnah mitzuerleben.“ Die Eltern wiederum sind etwas überrascht, dass ihre Tochter tatsächlich in ihre Nähe zieht. Und fürchten insgeheim, die energetische Tochter könne sich zu sehr in ihr Leben einmischen.
Nach dem Tod des Schwiegervaters muss es weitergehen
Kurz darauf stirbt Schneevoigts Schwiegervater. Die Schwiegermutter leidet unter dem Verlust und der Einsamkeit. Schneevoigt ist ein pragmatischer Typ, sie schaut danach, dass die Schwiegermutter nicht zu oft alleine ist. Sie hat gelernt, sich auf neue Situationen einzustellen, Menschen zu betreuen, Entscheidungen zu treffen, Dinge neu zu organisieren. Schritt für Schritt hat sie sich nach ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau hochgearbeitet, war jahrelang eine von wenigen Frauen in einem technischen Beruf oder in einem von Männern dominierten Vorstand.
Einst Digitalchefin von Boschs Security-Sparte pflegt Vera Schneevoigt jetzt unter anderem ihren Vater. Foto: privat
Schneevoigt ist sich bewusst, dass sie sich die Sorgearbeit leisten kann und damit im Vergleich zu vielen in einer privilegierten Situation ist. Ihr Mann und sie haben gespart, andere müssen sich neben dem Vollzeitjob Angehörige pflegen. Zudem fühlen sich Pflegende im Berufsleben oft diskriminiert, wie eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt. Demnach berichtete jede zweite Pflegeperson, der Pflege wegen mindestens einmal am Arbeitsplatz benachteiligt worden zu sein – etwa bei der ausbleibenden Gehaltserhöhung, bei der Leistungsbewertung oder mangelnder Rücksichtnahme bei der Terminierung von Sitzungen.
Thema Pflege und Job noch ganz am Anfang
Auch deshalb beginnt Schneevoigt, sich für die Belange der Pflegenden zu engagieren. Während die Personalabteilungen die Bedürfnisse frischgebackener Eltern berücksichtigten, stehe man bei der Vereinbarkeit von Pflegezeiten und Job noch ganz am Anfang, betont sie. „Es kann nicht sein, dass die Pflege der Eltern zum Karriere-Aus wird. Welches Bild wirft das auf die deutsche Wirtschaft, wenn Sorgearbeit nicht entsprechend mitgedacht und anerkannt wird?“
Unternehmen könnten beim Thema Pflege nicht nur auf die Politik setzen, sondern müssten Modelle ersinnen und ausprobieren, die es ihren Mitarbeitenden ermöglichen, Pflegezeiten und Job miteinander zu verbinden, betont Schneevoigt. Vor allem gehe es um Flexibilität bei der Arbeitszeit und individuelle Gespräche, denn jeder Fall sei anders. Führungskräfte sollten proaktiv auf Möglichkeiten hinweisen. Berufstätige wiederum sollten sich früh damit auseinandersetzen, wie sie einmal ihren Eltern im Alter Hilfestellungen geben müssten. „Dass einzelne Vorstände in Erziehungszeit gingen, hatte Signalwirkung“, sagt Schneevoigt. „Das wünsche ich mir auch für die Pflegezeit.“
„Das hat mich an meine Grenzen gebracht“
Schneevoigt selbst hat ein Signal gesetzt – allerdings eins, das darauf hinweist, was noch im Argen liegt. Inzwischen ist sie in das Unternehmen ihres Mannes eingestiegen und berät Menschen zum Spagat zwischen Berufstätigkeit und persönlichen Erfordernissen, sie hat auch ein Buch über Führungsfrauen und Care-Arbeit geschrieben. Derzeit kümmert sich um den 84-jährigen Vater, um die 81-jährige Schwiegermutter. Kocht, macht Arztgänge und Bürokratiekram, hilft bei der Medikamenteneinnahme, ist für sie einfach da.
Sie war auch da, als vergangenen Mai ihre Mutter starb. „Das hat mich an meine Grenzen gebracht“, sagt sie. Schneevoigt ist froh, dass sie sich der Mutter nach ihrem Karriere-Aus wieder annähern und schließlich Abschied nehmen konnte. „Das ist die Zeit, die in Erinnerung bleibt.“
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