Radkultur-Stadt Kirchheim/Teck Fahrradprojekte für mehr soziale Teilhabe

Die Fahrradsaison kann kommen: Raffael Viergutz, der Leiter der Radstation am Kirchheimer Bahnhof, legt letzte Hand an ein vom Rost des Winters befreites Fahrrad an. Foto: Horst Rudel
Die Fahrradsaison kann kommen: Raffael Viergutz, der Leiter der Radstation am Kirchheimer Bahnhof, legt letzte Hand an ein vom Rost des Winters befreites Fahrrad an. Foto: Horst Rudel

Die Stadt Kirchheim unter Teck ist im zweiten Jahr Radkultur-Stadt. Dabei geht es mittlerweile um weit mehr als nur um das Vorwärtskommen mit dem Fahrrad.

Esslingen: Thomas Schorradt (adt)
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Kirchheim/Teck - Ein Rad kommt selten allein. Im Landesprogramm „Radkultur Baden-Württemberg“ hat es den Begriff „Kultur“ sozusagen auf den Gepäckträger geschnallt. Das lateinische Wort „Cultura“ wurzelt sprachlich zwar im Ackerbau, steht jedoch gemeinhin für alles von Menschenhand Geschaffene. Im zweiten Jahr als Radkultur-Stadt besinnt sich Kirchheim dieser Wurzeln. Unter der Teck wird im Namen des Fahrrads ein weites Feld beackert. Der Blick richtet sich inzwischen über den Klimaschutz und die umweltbewusste Mobilität hinaus in nahezu alle Gesellschaftsbereiche.

Natürlich steht das Ziel, dass bis zum Jahr 2020 ein Fünftel aller Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad zurückgelegt werden soll, nach wie vor ganz oben auf der Tagesordnung. Doch Fahrradfahren ist in der Radkultur-Stadt Kirchheim mehr als nur, im Wortsinn, „reines“ Fortkommen. „Fahrradfahren ermöglicht nicht einfach nur Mobilität im Alltag, sondern auch ganz allgemein die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in unserer Stadt“, sagt die Oberbürgermeisterin der Teckstadt, Angelika Matt-Heidecker, die selbst überzeugte Fahrradfahrerin ist.

In der Rikscha durch die Stadt

200 Jahre nachdem Karl Freiherr von Drais mit seinem Laufrad den Vorläufer des modernen Fahrrads auf die Straße gebracht hat, transportiert es nicht mehr nur Menschen, sondern auch Ideen. Unter dem Überbau der Radkultur-Teilnahme hat sich in Kirchheim eine Aktionsgemeinschaft „Zusammenhalten – gemeinsam radeln“ gebildet, die Fahrradprojekte im Sinne von mehr sozialer Teilhabe in der Stadt entwickelt und vorantreibt.

Dazu gehört unter anderem die Initiative Rikscha Kirchheim (RiKi). Unter deren Dach bieten ehrenamtliche Chauffeure Rikscha-Ausfahrten für ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen in der Stadt an – um sie noch einmal „den Wind in den Haaren“ spüren zu lassen, wie es im Vorstellungstext der Initiative heißt.

Am anderen Ende der Alterspyramide setzt das Projekt „Enkelräder“ an, das die Radstation am Bahnhof anbietet. „Wenn Enkel, Nichten und Neffen zu Besuch kommen und die Kinderfahrräder schon längst ausgemustert sind, dann stellen wir Räder der passenden Größe zur Verfügung“, sagt Raffael Viergutz, der Stationsleiter. Mit dem kostenlosen Service rundet die Radstation ihr Verleihangebot ab, das sie in Zusammenarbeit mit einem örtlichen Fahrradhändler am Bahnhof bereithält.

Radfahren für mehr Unabhängigkeit

Im viktorianischen England hat das Fahrrad der um die Gleichberechtigung kämpfenden Frauenbewegung den entscheidenden Rückenwind verschafft. Angelehnt an die Historie, hat das Mehrgenerationenhaus Linde ein Radkurs-Angebot aufgelegt, das sich an muslimische Frauen richtet. Die Idee dahinter: Wer keinen Führerschein hat und nicht Rad fahren kann, ist in seiner Mobilität und damit auch an der Teilnahme am städtischen Leben stark eingeschränkt. In diesem Sinne erweitert das Radfahren den Bewegungsradius der Frauen – weit über die ursprünglich geografische Bedeutung des Begriffs hinaus.

Die Grundlagen dafür, dass es den Bewegungsspielraum, den das Fahrrad den Teilen der Bevölkerung bietet, die sich kein Auto leisten können, überhaupt gibt, schafft der Arbeitskreis Asyl mit seiner ­Bikebox. In der Fahrradwerkstatt in der Charlottenstraße werden nicht nur gespendete Fahrräder repariert und an Asylbewerber und an sozial schlechter Gestellte übergeben, sondern auf ehrenamtlicher Basis auch vermittelt, wie man ein Rad repariert, pflegt und instand hält.




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