InterviewRadprofi Lennard Kämna gehört die Zukunft „Es wurde Zeit für den Generationswechsel“

Auf dem Weg in die Weltspitze: Radprofi Lennard Kämna. Foto: dpa/David Stockman
Auf dem Weg in die Weltspitze: Radprofi Lennard Kämna. Foto: dpa/David Stockman

Nicht erst seit seinen Attacken bei der Tour de France gilt Lennard Kämna als eines der neuen, erfrischenden Gesichter des deutschen Profiradsports – was auch daran liegt, dass er enorm vielseitig ist.

Stuttgart - Solo-Etappensiege bei der Tour de France und der Dauphine-Rundfahrt: Radprofi Lennard Kämna (24) hat eine erfolgreiche Saison hinter sich – trotz der Corona-Einschränkungen. Für die nächste Saison nimmt er sich viel vor, ohne eine Chefrolle zu beanspruchen.

Hallo Herr Kämna, haben Sie sich im Urlaub gut erholt?

Ja. Ich war in Schweden, habe mich an der Natur und meiner freien Zeit erfreut.

Hatten Sie Ihr Fahrrad dabei?

Selbstverständlich nicht, sonst wäre es ja keine Erholung gewesen. Mein Rad durfte nach dieser harten Saison ruhig mal ein bisschen einstauben.

Für Sie war es nicht nur wegen der Corona-Pandemie ein ganz besonderes Jahr.

Das stimmt. Ich hatte einen guten Start, dann sorgte das Coronavirus für eine mehrmonatige Zwangspause. Das war seltsam, ungewohnt, surreal – und doch hat bei mir alles irgendwie funktioniert. Viele Radprofis sind, was das Training angeht, Einzelkämpfer. Ich gehöre auch in diese Kategorie. Deshalb bin ich auch gut aus der Pause gekommen.

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Mehr noch: Sie sind danach ins Rampenlicht gefahren.

Ich habe bei der Dauphine-Rundfahrt und bei der Tour de France je eine Etappe gewonnen, damit hatte selbst ich nicht gerechnet. Es freut mich, dass es so perfekt geklappt hat.

Viele haben in Ihnen während der Tour das positive Gesicht des deutschen Radsports gesehen. Ist das zu viel der Ehre?

Ich bin ein Typ, der den Blick eher auf sich selbst richtet. Manchmal muss ich darüber schmunzeln, was in den sozialen Medien so leicht dahergeschrieben wird, aber ziemlich schwer umzusetzen ist. Ich versuche, mich nicht zu stressen, egal wie groß die Erwartungen sind.

„Ich fühle mich in meiner Rolle sehr wohl“

Sie sind stark in den Bergen, gut im Zeitfahren, halten den Belastungen eines dreiwöchigen Etappenrennens stand. Wie groß sind Ihre Ambitionen, irgendwann als Kapitän in eine dreiwöchige Rundfahrt zu starten?

Die Tour 2020 ist ein tolles Erlebnis gewesen – nachdem die Wunden der Stürze am Anfang geheilt waren. Ich fühle mich in der Rolle, die ich derzeit im Team Bora-hansgrohe habe, sehr wohl. Ich sehe mich auch weiterhin als Mann für Ausreißergruppen, Etappensiege, Eintagesrennen.

Wie lange noch?

Das weiß ich nicht.

Gibt es Pläne für eine Chefrolle bei einer Rundfahrt?

Meine Karriere muss sich jetzt erst mal weiterentwickeln. Irgendwann werde ich es sicher ausprobieren, wie weit ich komme, wenn ich bei einem großen Etappenrennen auf die Gesamtwertung fahre. Konkretes gibt es aber noch nicht. Stand heute gehe ich davon aus, dass ich bei der Tour 2021 dieselben Aufgaben haben werde wie bei der Tour 2020.

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In dieser Saison fiel auf, dass neben Ihnen etliche weitere junge Fahrer große Erfolge eingefahren haben – zum Beispiel Tadej Pogacar (22), Marc Hirschi (22), Tao Geoghegan Hart (25), Mathieu van der Poel (25) oder Wout van Aert (26). Ist diese Häufung Zufall?

Sicher nicht.

Sondern?

Einerseits wurde es Zeit für den Generationswechsel.

Und andererseits?

Hatten in der Corona-Pause alle Fahrer die Zeit, um sich auf ein neues Trainingsniveau zu heben. Es ist für mich schön zu sehen, dass viele junge Profis diese Chance genutzt haben.

Wird das Motto „Jugend forsch“ zum Trend?

Das muss man abwarten. Ich jedenfalls habe großen Bock auf 2021 – und will erfahren, was noch alles möglich ist.

„Wir waren sehr glücklich, überhaupt Rennen fahren zu können“

In den vergangenen Monaten fanden nur Rennen in der Corona-Blase statt, das selbe Szenario droht auch nächste Saison. Gibt es Punkte, die verbessert werden könnten?

Erst einmal haben die Veranstalter zum größten Teil einen sehr guten Job gemacht. Wir Profis waren sehr glücklich, überhaupt Rennen fahren zu können. Aber natürlich gibt es immer Dinge, die noch besser laufen könnten.

Zum Beispiel?

Ich hatte schon das Gefühl, dass man an der einen oder anderen Stelle noch konsequenter hätte sein können, etwa bei der Vorgabe, dass die Leute in den diversen Blasen keinen Kontakt zueinander haben dürfen. Da gab es sicher Überschneidungen, die nicht hätten sein sollen.

Wie fühlt es sich an, Rennen fast ohne Zuschauer zu bestreiten?

Natürlich fehlt ein wichtiges Element, vor allem bei der Tour. Die Faszination, die dieses Rennen hat, lebt zum Großteil von der Begeisterung der Fans. Aber nochmal: In diesem Jahr waren wir schon sehr froh, dass es noch gelungen ist, die meisten Veranstaltungen durchzuziehen.

Sie fahren für Bora-hansgrohe, wie viele andere der besten deutschen Profis. Ist Ihnen diese Konstellation wichtig?

Ich bin sehr zufrieden mit der Ausrichtung des Teams. Zum einen verstehen wir uns menschlich sehr gut, zum anderen ist es hilfreich für die Kommunikation, wenn es keine sprachlichen Barrieren gibt.

Trotzdem hätte 2020 sportlich besser laufen können.

Das stimmt. Ich würde unsere Saison als solide bezeichnen, wir waren nicht ganz so erfolgreich wie erhofft. Wir haben schöne Rennen und meist eine sehr offensive Fahrweise gezeigt – leider aber oft nicht mit dem Ergebnis, das wir verdient gehabt hätten.

„Mehr junge deutsche Radfahrer bekommen die Chance, Profis zu werden“

Ihr Teamkollege Pascal Ackermann hat mit seinen beiden Etappensiegen bei der Vuelta noch für einen versöhnlichen Abschluss gesorgt. Er ist derzeit der einzige deutsche Weltklasse-Sprinter. Gibt es dafür einen Grund?

Das ist reiner Zufall. In der Jugend muss man in Deutschland die paar Rennen fahren, die noch stattfinden. Ob es dann in zwei, drei aufeinanderfolgenden Jahrgängen mehr Talente für den Sprint oder mehr Talente für die Klassiker gibt, lässt sich nicht vorhersagen. Und auch nicht steuern.

Es ist noch nicht lange her, da . . .

. . . gab es in Marcel Kittel, André Greipel oder John Degenkolb mehrere deutsche Weltklasse-Sprinter und dafür extrem wenig bergfeste Leute. Das war auch nicht normal. Ein Trend ist aus meiner Sicht allerdings zu erkennen.

Welcher?

Dass mehr junge deutsche Radfahrer die Chance bekommen, Profis zu werden.

Woran liegt das?

In Bora-hansgrohe und Sunweb gibt es zwei Teams, die sich auf die Förderung deutscher Talente fokussieren. Und der Markt will deutsche Fahrer sehen.

Warum?

Sicher auch, weil sie für ihre Sauberkeit beim Thema Doping und ihre Verlässlichkeit geschätzt werden.

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Wie sieht Ihr Vorbereitungsplan für die nächste Saison aus?

Ich beginne jetzt wieder mit dem Training. Im Dezember soll es – vermutlich am Tegernsee – ein Camp mit dem Team geben. Aufgrund der Corona-Bedingungen werde ich sicher auch diesmal wieder sehr viel individuell arbeiten.

Sie sind Norddeutscher aus Fischerhude und trotzdem ein exzellenter Bergfahrer. Wie passt das zusammen?

Ganz einfach: Es ist eher eine Frage des Gewichts als der Herkunft, ob jemand gut klettern kann. Ich war schon immer ein schmaler Mensch, wiege bei 1,81 Meter Körpergröße zwischen 64 und 66 Kilogramm. Das sind gute Voraussetzungen, der Rest ist hartes Training. Aber klar ist: Würde ich 80 Kilogramm wiegen, wäre ich keine Bergziege.

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