Radprofi Tadej Pogacar Der Mann, der alles gewinnen kann
Tadej Pogacar dominiert mit seinem UAE-Team den Radsport – und er hat noch lange nicht genug. Allen Zweifeln zum Trotz.
Tadej Pogacar dominiert mit seinem UAE-Team den Radsport – und er hat noch lange nicht genug. Allen Zweifeln zum Trotz.
Es gibt eine gute Nachricht für alle Freunde des abwechslungsreichen Radsports: Tadej Pogacar ist doch nicht unschlagbar. Das Problem: Viel fehlt dem Slowenen dazu nicht. Oder um es mit den Worten von Mathieu van der Poel zu sagen: „Was er leistet, ist absolut außergewöhnlich. Er ist einer der besten Fahrer überhaupt.“
Mathieu van der Poel muss es wissen. Der Niederländer zählt zu den wenigen Radprofis, die in der Lage sind, Tadej Pogacar zu bezwingen – zumindest auf seinem Terrain. Van der Poel (30) ist nicht nur neunmaliger Weltmeister (7x Cross, 1x Straße, 1x Gravel), sondern auch der König der Klassiker. In diesem Frühjahr siegte er unter anderem bei den beiden Radsport-Monumenten Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix. Was diese Erfolge noch wertvoller machte: Zu den Geschlagenen gehörte Tadej Pogacar (26). Dessen Heldenstatus erhielt dadurch allerdings kaum einen Kratzer.
Der Slowene, der 2024 die Tour de France, den Giro d’Italia, den WM-Titel sowie Lüttich-Bastogne-Lüttich und die Lombardei-Rundfahrt (zwei der fünf Monumente) gewann, knüpft nahtlos an diese Fabel-Saison an, von der er sagte: „Sie wird nicht zu toppen sein.“ Den Versuch startet er trotzdem.
Es begann mit Erfolgen bei der UAE-Tour und der Strade Bianche (nach Sturz und einer 64-Kilometer-Soloflucht), dann wurde er in Sanremo zeitgleich mit van der Poel Dritter und gewann die Flandern-Rundfahrt, die ebenfalls zu den fünf Monumenten zählt – danach widerlegte er sogar sich selbst. Um bei Paris-Roubaix zu bestehen, hatte Pogacar stets erklärt, sei eine spezielle Vorbereitung nötig. An den Start ging er trotzdem, und es wäre wohl wie in Sanremo wieder zu einem Sprint gegen van der Poel gekommen, wenn Pogacar nicht nach einer Unaufmerksamkeit gestürzt wäre. So wurde er bei seiner Premiere in der Hölle des Nordens Zweiter – und nötigte damit auch dem Pflasterstein-Dominator allerhöchsten Respekt ab. „Tadej“, sagte van der Poel nach seinem dritten Sieg in Serie, „ist ein wahrer Champion.“
Während der Niederländer seine Klassiker-Saison danach beendete, machte Pogacar weiter, immer weiter. Auch beim Amstel-Gold-Race stand er auf dem Podium, nachdem er im Sprint des Führungstrios vom Dänen Mattias Skjelmose, der sein Glück kaum fassen konnte, um Zentimeter bezwungen worden war. Drei Tage später schlug der Weltmeister beim Fleche Wallone zurück. An der bis zu 19 Prozent steilen Mauer von Huy ließ er seine Konkurrenten kurz vor dem Ziel stehen, als seien diese auf Hollandrädern unterwegs, die Sonnenbrille steckte dabei lässig im Kragen seines Trikots. „Nicht einer von uns“, sagte der fünftplatzierte Ben Healy, „war auch nur ansatzweise auf seinem Niveau.“
Weshalb Vorjahressieger Tadej Pogacar natürlich auch an diesem Sonntag bei Lüttich-Bastogne-Lüttich der einzige wirkliche Favorit ist. Sollte er dieser Rolle gerecht werden, würde in den sozialen Medien – wie nach jedem seiner Erfolge – wieder die Diskussion beginnen, wie glaubwürdig ein Radprofi sein kann, der (fast) alles gewinnt.
Die Antworten folgen dabei stets demselben Muster: Alles kann von zwei Seiten betrachtet werden. Seine Fans bezeichnen Pogacar als Jahrhunderttalent des Radsports, seine Kritiker zählen die vermeintlichen Jahrhunderttalente auf, die als Doper überführt wurden (von Lance Armstrong bis Jan Ullrich). Seine Fans erklären, Pogacar sei wegen seiner enorm offensiven Fahrweise so erfolgreich, seine Kritiker behaupten, ebendiese langen Soli würden ihn umso verdächtiger machen. Seine Fans meinen, Pogacar nutze eben die Errungenschaft des modernen Radsports (Material, Ernährung, Trainingslehre) zu seinen Gunsten, seine Kritiker erklären, den Kontrahenten stünden diese Erkenntnisse ja auch zur Verfügung.
Seine Fans weisen darauf hin, dass UAE Emirates das mit Abstand stärkste Team im Peloton sei, seine Kritiker entgegnen, dass eine Mannschaft, die schon jetzt mehr als 30 Saisonsiege eingefahren hat, dafür alle Mittel nutzen müsse, auch unerlaubte. Seine Fans schreiben, sie würden Pogacar auch deshalb vertrauen, weil er dank seiner vielen Starts viel kontrolliert werde, im Gegensatz zu den Profis, die nur bei den Höhepunkten auftauchen. Seine Kritiker entgegnen, es sei für einen Fahrer, der nicht betrüge, unmöglich, ein solches Pensum derart erfolgreich zu absolvieren. Und so weiter, und so weiter.
Die Fakten? Sind unverändert. Der UAE-Rennstall wird weiterhin vom Schweizer Mauro Gianetti (61) geführt, der sich als Radprofi und Teammanager in Sachen Doping einen denkbar schlechten Ruf erarbeitet hat. Beweise, dass in der Mannschaft von Pogacar unsauber gearbeitet wird, gibt es jedoch nicht. Trotzdem haben viele Beobachter angesichts der Rekord-Dominanz des Slowenen zumindest ein ungutes Gefühl. Und einer spricht bei jeder Gelegenheit Klartext.
Antoine Vayer, der frühere Trainer des Doping-Teams Festina, verglich in einem Interview der „NZZ“ die Leistungen Pogacars mit einem 100-Meter-Sprinter, der 9,0 Sekunden läuft, und bezeichnete den Weltmeister als „Mutanten“, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugehe: „Er kann machen, was er will, und es wirkt noch nicht einmal anstrengend. Er ist der neue Tyrann.“
Es sind Aussagen, die den Ehrgeiz von Tadej Pogacar eher noch anstacheln werden. Er bleibt der Mann, der alles gewinnen will. In seiner Sammlung fehlen ihm noch die Siege in Sanremo und Roubaix, er plant aber auch ein Projekt, das es noch nie gab: die drei großen Landesrundfahrten Tour, Giro und Vuelta in einem Jahr zu gewinnen. In dieser Saison ist dies noch kein Thema, in der Zukunft schon. „Es stimmt“, sagte Tadej Pogacar dem Magazin „Tour“, „ich würde das gerne versuchen.“ Für Freunde eines abwechslungsreiches Radsports ist das keine gute Nachricht.