Radreise um den Globus In 844 Tagen mit dem Drahtesel um die Welt

Von Daniela Eichert 

Im Sommer auf Island, Südamerika als großes Etappenziel - soweit die Planung für eine Radreise, die letztlich zweieinviertel Jahre dauern und Anita Burgholzer und Andreas Hübl vieles abverlangen sollte - und noch mehr schenkte.

Geschafft! Jubel bei Kilometer 36.000. Als Anita Burgholzer und Andreas Hübl schließlich in Österreich ankommen, waren die beiden 844 Tage unterwegs, haben 35 Länder durchquert und 36.412 Kilometer zurückgelegt. Foto: www.nandita.at 13 Bilder
Geschafft! Jubel bei Kilometer 36.000. Als Anita Burgholzer und Andreas Hübl schließlich in Österreich ankommen, waren die beiden 844 Tage unterwegs, haben 35 Länder durchquert und 36.412 Kilometer zurückgelegt. Foto: www.nandita.at

Zehn Jahre ist es nun her, dass Anita Burgholzer und Andreas Hübl eine schicksalhafte Entscheidung getroffen haben. Während eines Urlaubs auf Sardinien 2009 ist es gewesen. Das junge Paar tourte mit seinem VW Bus über die italienische Insel und beschloss eines romantischen Abends auf einem Campingplatz ein Datum festzulegen für den Trip ihres Lebens. „Dass wir für unbestimmte Zeit aufbrechen wollten, ohne zu wissen wann wir wieder zurückkommen, das stand schon länger fest.“ Die Art der Reise auch. Das war seit einer gemeinsamen Tour auf dem Drahtesel durch den Jemen klar. „Das Rad ist für uns einfach das ideale Fortbewegungsmittel“, sagt Andreas Hübl. „Man ist puristisch unterwegs, langsam genug, um viel zu entdecken, um sich selbst zu spüren. Aber auch schnell genug, um gut voranzukommen.“

Im Mai 2010 haben sich die beiden schließlich in den Sattel geschwungen. Zuvor hatten sich die damals 28- und der 33-Jährige bereits mächtig abgestrampelt, um Hab und Gut beim Schwiegerpapa unterzustellen, die gemeinsame Wohnung und die Jobs zu kündigen - Sicherheit aufgeben, um sich freizutreten für die Radreise um die Welt. Dabei war die Route zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar. „Wir hatten nur grob festgelegt, dass wir im Sommer auf Island sein wollen und dass Südamerika unser großes Ziel ist, erinnert sich Andreas Hübl. „Wie wir dorthin kommen, das haben wir erst auf Island beschlossen.“ Eine Fahrt ins Ungewisse also. Schon der bloße Gedanke daran löst bei vielen schweißnasse Hände aus. „Ängste gehören natürlich auch dazu, wenn man Neuland erkundet“, sagt Hübl. Aber die Vorfreude und das Wissen, es auf anderen Reisen auch schon oft 24 Stunden am Tag und wochenlang miteinander ausgehalten zu haben, überwogen.

Mit blutig geschlagener Hand glücklich im Zelt in Bolivien

Statt mit furchtsam angezogener Handbremse zu starten, ließen es die beiden einfach rollen, radelten raus aus ihrem Heimatort Steyr in Oberösterreich und strampelten zunächst über Tschechien, Polen, Litauen und Lettland bis nach Estland. Dann ging's von Ost nach West durch Skandinavien, wieder etwas südlich nach Dänemark und danach per Fähre nach Island. Nach der Durchquerung dieser für die beiden "mystischen Insel" flogen Anita und Andreas im September 2010 an die amerikanische Westküste, nach Las Vegas. Fest im Sattel trieb sie der Fahrtwind immer weiter in den Süden, nach Mexiko, Belize, Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua bis nach Costa Rica. Ende März 2011 erreichten sie Panama. Mit einem viel zu kleinen Segelboot kreuzten sie nach Kolumbien, strampelten weiter durch Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien. Im Februar 2012 rollten sie schließlich in der südlichsten Stadt der Welt ein: Ushuaia, im argentinischen Feuerland. Statt wie lose geplant nach Hause zu fliegen, vertrauten Anita und Andreas wieder ihrem Bauchgefühl. Waden und Po machten auch noch mit und so bestiegen die Österreicher Ende Februar 2012 ein Flugzeug nach Mumbai. Zwei Monate lang radelten die beiden durch Indien und Nepal und überflogen schließlich das zu dieser Zeit nicht ganz unkritische Pakistan. Von Iran aus traten sie zu ihrer rund vier monatigen Rückreise nach Hause an. Sie querten den Iran und die Türkei und betraten Anfang Juli 2012 nach mehr als zwei Jahren wieder europäischen Boden. Großteils entlang der Donau ging es abschließend durch Bulgarien, Rumänien, Serbien, Kroatien, Ungarn und die Slowakei. Als sie schließlich in Österreich ankamen, waren Anita und Andreas 844 Tage unterwegs, hatten 35 Länder durchquert und 36.412 Kilometer zurückgelegt.

Dass der Verzicht auf alltägliche Dinge befreiend sein kann und die "unglaubliche Gastfreundschaft in Kolumbien oder dem Iran" sind den beiden eindrücklich in Erinnerung geblieben. Aber auch das beklemmdende Gefühl, sich mit dem Fahrrad im Verkehrschaos einer Millionen-Metropole wie Neu-Delhi zurechtfinden zu müssen. Oder brenzlige Situationen wie im mexikanische Baja California, wo für Brummifahrer schlicht das Recht des Stärkeren gilt. "Für uns hieß das immer, nix wie schnell runter von der Straße, wenn es zu eng wurde", erzählt Andreas Hübl. Eine der größten Herausfordungen war aber sicher, während eines Sturmes in einem Salzsee in Bolivien mit einer Zange Löcher für die Zeltnägel zu hauen und sich dabei die Fingerkuppen blutig zu schlagen. Das Glücksgefühl, dass die beiden durchströmte, als sie schließlich mehr oder weniger sicher vor der tosenden Naturgewalt im Schlafsack lagen, lässt sich aber nur schwer beschreiben. "Das Licht, als die Sonne unterging, es war einfach magisch", erinnert sich Andreas noch heute.

Alles auf Anfang nach der Rückkehr

Der Kopf und der Geist der beiden "Globetreter" sind während der vielen Monate im Sattel frei gepustet worden. Platz für Neues. Alles auf Anfang. Genügsamer seien sie geworden. Aber auch mutiger. Gerade auch deshalb hat es nach ihrer Rückkehr gedauert, bis sich die Weltradreisenden im Alltag wieder zurechtgefunden haben. Aber eines war klar – wer derart befreit in die Pedale trat, der lässt sich im Leben nicht mehr in irgendeine Tretmühle einspannen. Auf ihrer gemeinsamen Radreise waren Anita und Andreas jeden Tag auf sich selbst gestellt. Aber auch zu hundert Prozent selbstbestimmt. Zuhause haben die beiden dies auf ihre Jobs übertragen. Sich selbstständig gemacht. Als Grafikerin und Tourenguide.

Auf ihrer Vortragsreihe zu ihrer Weltradreise – die sie vor kurzem auch nach Stuttgart geführt hat – sorgen sie für Begeisterung. „Es ist so schön, dass wir unseren Lebenstraum mit anderen teilen und Menschen damit inspirieren können“, sagt Andreas. In den Köpfen und vielleicht auch Herzen der Zuhörer hallt seine Frage wider: „Wer weiß schon, was morgen sein wird?“. Seit ihrer Tour ist die Antwort der radelnden Freigeister darauf ganz entspannt: „Egal, wir finden für alles einen Weg“. Mit dieser Gewissheit lässt sich leicht der nächste Ausbruch aus dem Alltag wagen. In diesem Jahr führt Anitas und Andreas' Fahrt ins Ungewisse in die Anden.

Kontakt aufnehmen zum "Reiseradlerpärchen"? Das geht auf deren Homepage oder Facebookseite. Ihre Erlebnisse haben die beiden zudem mittlerweile in "Rückenwind - das Buch" lesenswert zusammengefasst.  

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