Der Weltmeister Tadej Pogacar triumphiert auch bei der Lombardei-Rundfahrt. Foto: imago/Stefano Sirotti
Tadej Pogacar gewinnt auch die Lombardei-Rundfahrt nach einer spektakulären Solo-Flucht. Der Slowene dominiert seine Gegner wie einst Eddy Merckx. Das wirft Fragen auf – unter anderem nach der Attraktivität des Radsports.
Jochen Klingovsky
13.10.2024 - 13:10 Uhr
Tadej Pogacar (26) hat durchaus Lust darauf, Bilder zu kreieren, die unvergessen bleiben. Nachdem er am Ende der Lombardei-Rundfahrt mit weit ausgebreiteten Armen über die Ziellinie gerollt war, hielt er an, stieg aus dem Sattel, packte sein Rad und reckte es gen Himmel. Als wolle er den Fotografen und dem Rest der Welt zeigen, dass es für ihn keine Grenzen gibt. „Es war“, sagte der Mann, der nahezu unschlagbar zu sein scheint, „eine perfekte Saison.“ Für Tadej Pogacar gilt dieser Satz auf jeden Fall, mit Blick auf den gesamten Radsport aber bleiben Zweifel.
Bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob jemals ein Fahrer das Peloton dermaßen beherrscht hat wie aktuell der Slowene, landet man automatisch bei Eddy Merckx. Er gilt als der Allergrößte des Radsports – noch. Denn weitere drei, vier Jahre auf diesem Niveau, und Tadej Pogacar könnte an dem Belgier, den sie aufgrund seines Hungers nach Siegen „Kannibale“ nannten, vorbeiziehen. Aus Sicht von Eddy Merckx (79) ist das übrigens schon passiert. „Er steht über mir“, sagte der 79-Jährige neulich über Tadej Pogacar, „das ist offensichtlich.“
Die großen Teams verbünden sich gegen Pogacar – vergeblich
Woher diese Einschätzung kommt, liegt auf der Hand: Sie hat nicht nur mit der Zahl der Rennen zu tun, die Tadej Pogacar gewinnt, sondern vor allem mit der Art und Weise. Das Jahr ging los mit einer 82-Kilometer-Soloflucht bei den Strade Bianchi, dem weitere unglaubliche Alleingänge folgten, der spektakulärste bei der WM: 100 Kilometer vor dem Ziel attackierte Pogacar und hielt allen Versuchen der Konkurrenz, ihn einzuholen, stand. Auch zum Abschluss gab es einen Husarenritt. Obwohl sich fast alle großen Teams gegen ihn verbündet hatten, war er in der Lombardei nicht zu stoppen. Eine große Gruppe mit starken Fahren wie Matej Mohoric, dem Giro-Zweiten Daniel Felipe Martinez oder Tiesj Benoot war zwar auf einen Vorsprung von fast fünf Minuten gekommen, doch dann machten Pogacar und sein überragendes UAE-Team ernst. Sie stellten die Ausreißer – und im selben Moment attackierte der große Favorit.
So sehen Sieger aus: Tadej Pogacar. Foto: dpa//Marco Alpozzi
Die letzten 48,4 der 258 Kilometer fuhr Pogacar alleine, der Abstand wurde größer und größer. Letztlich kam Remco Evenepoel mit einem riesigen Rückstand von 3:16 Minuten ins Ziel in Como. „Mehr als Platz zwei war nicht drin“, sagte der Doppel-Olympiasieger, und die Resignation in seinen Worten war unüberhörbar, „jeder hat gesehen, dass Tadej Pogacar derzeit der beste Fahrer der Welt ist. Wir geben ja das Maximum, aber er ist in diesem Jahr einfach nicht normal.“ Was ein Blick in die Statistik belegt.
Tadej Pogacar fährt sein bestes Jahr
Der Slowene gewann in dieser Saison alle drei Rundfahrten, bei denen er am Start stand, kam bei der Tour de France (6), dem Giro d’Italia (6) und der Katalonien-Rundfahrt (4) auf unfassbare 16 Etappensiege. Dazu lag er bei fast jedem Eintagesrennen, das er absolvierte, am Ende vorne, unter anderem bei der WM sowie den Radsport-Monumenten Lüttich-Bastogne-Lüttich und Lombardei-Rundfahrt. Es gab nur eine Niederlage, die ihn schmerzte: Bei Mailand-Sanremo, dem Monument, das ihm neben Paris-Roubaix in seiner Sammlung noch fehlt, wurde er Dritter. Zuversicht schöpfte die Konkurrenz daraus trotzdem nicht.
Egal ob beim Giro, den er mit fast zehn Minuten Vorsprung gewann, der Tour, bei der es am Ende mehr als sechs Minuten waren, oder den vielen Solo-Siegen bei den Klassikern: Früher oder später fuhren die Konkurrenten nur noch um die Plätze hinter ihm. Bei der Lombardei-Rundfahrt zuckten sie nicht einmal mehr, als Tadej Pogacar antrat, sie wussten, dass sie ohnehin keine Chance haben würden. Kurzzeitig mag die Dominanz eines Fahrers faszinierend sein, mittelfristig aber könnte – wenn es so bleibt – schnell ein Gefühl der Langeweile aufkommen. Schließlich hat der Radsport stets auch von epochalen Zweikämpfen gelebt, die es derzeit nicht gibt. Und wenn wir schon bei der Geschichte dieser Sportart sind: Die Machtdemonstrationen von Pogacar mögen seine Fans begeistern und seine Gegner frustrieren, die Skeptiker machen sie ratlos.
Pogacar: Doping-Spekulationen sind Ausdruck von „Neid“
Natürlich wird der Überflieger immer wieder auf das Thema Doping angesprochen, zuletzt war dies in der Lombardei der Fall. Die Antworten? Klingen stets ähnlich. Spekulationen, er sei nicht sauber unterwegs, seien der Ausdruck von „Neid“, erklärte Pogacar. „Dominanz gibt es überall, in der Wirtschaft, im Sport. Die dauert ein paar Jahre an, dann kommen neue Talente“, meinte er weiter, „ich weiß nicht, was der Radsport tun kann, um das Vertrauen zurückzugewinnen. Ich persönlich will meine Gesundheit durch Dopingmittel keinesfalls aufs Spiel setzen. Das wäre dumm. Ich will nicht das Risiko eingehen, eines Tages krank zu werden.“ Und trotzdem weiter siegen.
Noch zehn Jahre, meinte Pogacar zuletzt, wolle er Rennen fahren. Für die Konkurrenz musste sich das anhören wie eine Drohung. Weil er zugleich betonte, dass er, wie einst Eddy Merckx, noch lange nicht satt sei: „Radfahren ist ein Sport, in dem man gewinnen will, gewinnen muss und bezahlt wird, zu gewinnen. Man muss immer nach dem Sieg greifen, wenn man kann.“ Ohne sich selbst Grenzen zu setzen. Passende Bilder dazu finden sich im Archiv – nun auch von der Ziellinie der Lombardei-Rundfahrt.